"Verstehen, was die Welt im Innersten zusammenhält"

Peter Gruß im Gespräch mit Marietta Schwarz · 08.06.2011
Peter Gruß, Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, hat anlässlich des 100. Geburtstages seiner Forschungsinstitution die Bedeutung der Grundlagenforschung hervorgehoben. Die Energieforschung, die Erforschung intelligenter Materialien oder gesellschaftswissenschaftlicher Entwicklungen sollten durch neue Institute vorangetrieben werden.
Marietta Schwarz: 17 Nobelpreise haben die Forscher der Max-Planck-Gesellschaft seit Ende des Zweiten Weltkriegs erhalten, sie gilt mit ihren 80 Instituten und 5000 Wissenschaftlern als die Nobelpreisschmiede. Am Donnerstag feiert sie ihr 100-jähriges Bestehen mit einem Festakt, an dem auch die Physikerin und Bundeskanzlerin Angela Merkel reden wird.

Hervorgegangen ist die Max-Planck-Gesellschaft aus der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, Wilhelm II. gründete sie 1911 als neue Einrichtung für Grundlagenforschung in den aufstrebenden Naturwissenschaften. Es kam Albert Einstein, es kamen Fritz Haber und viele andere. Schnell errang die Institution Weltruhm und genießt den – nach einer dunklen Zeit während des Nationalsozialismus – bis heute.

Und welchen Stellenwert hat Grundlagenforschung noch gegenwärtig? Fragen dazu an den Stammzellenforscher und Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft Peter Gruß, guten Morgen, Herr Gruß!

Peter Gruß: Guten Morgen, Frau Schwarz!

Schwarz: Herr Gruß, Kaiser Wilhelm II. erhoffte sich von dieser Institution seinerzeit Forschungsergebnisse, die ihm Vorteile für den Griff nach der Weltmacht bringen sollten. Ist denn Grundlagenforschung heute zweckfrei?

Gruß: Grundlagenforschung ist zunächst einmal das wesentliche Medium zum Beschaffen von Wissen, das heißt, eigentlich wollen wir verstehen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Darüber hinaus aber hat die Grundlagenforschung natürlich den Auftrag, sich den großen Problemen unserer Welt zu widmen, Stichworte sind Energieforschung, Klima, beziehungsweise auch die Gesundheitsforschung. Insofern kann man diese beiden Dinge eigentlich nicht voneinander trennen. Jede Grundlagenforschung ist auch in der Lage, Anwendungen hervorzubringen beziehungsweise Produkte hervorzubringen. Ja, es ist sogar so – und das haben Wirtschaftswissenschaftler herausgefunden –, dass, je höher technologisiert ein Land ist, umso mehr sollte dieses Land in Grundlagenforschung investieren.

Schwarz: Und tun die Länder das auch, die Industrienationen, Deutschland?

Gruß: Die Industrienationen haben das nicht nur erkannt, sondern sie handeln auch. Die Bundesrepublik ist hier auf einem sehr guten Weg. Wir haben fünf Prozent Erhöhungen bis zum Jahr 2015, aber das muss festgeschrieben werden, denn die Konkurrenz schläft nicht, insbesondere in den asiatischen Räumen sehen wir fast zweistellige Zuwachsraten. Südkorea beispielsweise möchte bis 2015 fünf Prozent vom Bruttoinlandsprodukt ausgeben. Insofern, glaube ich, sollte sich … unser Land hier sollte nicht folgen, sondern sollte sich an die Spitze dieser Bewegung setzen, weil am Ende des Tages wird dieses nicht nur den Menschen und der Gesellschaft, sondern auch der Wirtschaft dienen.

Schwarz: Jetzt haben wir eben schon gelernt, dass auch Grundlagenforschung eben dann doch nicht zweckfrei ist: Forscher entwickeln Arzneimittel für Pharmakonzerne oder suchen die Ursache des EHEC-Erregers. Worin liegt hingegen die Qualität der Grundlagenforschung, zum Beispiel an einem Max-Planck-Institut, oder auch die Faszination?

Gruß: Zum einen natürlich versuchen wir hier, neugiergetrieben vollständig neue Gebiete zu eröffnen, das heißt Gebiete, die in ihrem Umfang, in ihrem Ausmaß gar nicht abzusehen sind. Ich sage immer gerne, wir versuchen, eine Tür zu öffnen, die uns einen vollkommen neuen Raum erschließt. Das wiederum können Sie tun, indem Sie die besten Forscher unserer Welt nach Deutschland führen, und dabei ist der Pass tatsächlich nachrangig, und es gelingt der Max-Planck-Gesellschaft in hervorragender Weise.

Schwarz: Was sind denn für Sie die drängendsten Forschungsfragen der Gegenwart und der Zukunft, also die Türen, die wir jetzt aufstoßen müssen?

Gruß: Für mich persönlich – Sie haben das in Ihrer Moderation ja angesprochen – im Hinblick auf meine eigene Forschung sind das die Gebiete Stammzellen, regenerative Medizin, aber insbesondere auch individualisierte Medizin, das heißt, eine Medizin, die sich sehr viel stärker als in der Vergangenheit aufs Individuum ausrichtet. Ein Verständnis dieser Gesamtprozesse wird die Medizin – da bin ich überzeugt – grundsätzlich verändern. Aber es gibt natürlich unvergleichlich viel mehr Gebiete, nehmen Sie die Physik, ob im atomaren Bereich, also Stichwort CERN, ob im astronomischen, ob im kosmologischen Bereich, ob in der Chemie mit neuen Materialien, ob in den Geisteswissenschaften, die Fragen des Zusammenlebens unserer Gesellschaften – das sind alles so drängende Fragen, dass wir eigentlich gar nicht umhin können, das nicht zu tun.

Schwarz: Wird das möglicherweise auch zu neuen Max-Planck-Instituten führen?

Gruß: Ganz sicher. Wir sind natürlich gegenwärtig hier dabei, die Energieforschung in den Blick zu nehmen. Auf der einen Seite chemische Energiekonversion, das heißt, chemische Energieträger, sodass wir unsere Leitungsnetze nutzen könnten, da würde der Volkswirtschaft eine Menge Geld gespart. Wir sind dabei, ein Institut für intelligente Materialien zu gründen, das heißt, hier die neuen Möglichkeiten des maschinellen Lernens einzusetzen. Das wiederum wird unserer alternden Gesellschaft maßgeblich Unterstützungen bringen. Wir sind aber auch dabei, im Kontext von gesellschaftswissenschaftlichen Fragestellungen beispielsweise ein Max-Planck-Zentrum zu gründen, in dem man sich beschäftigt mit der Frage, wie Kulturen, ethnische Gruppen zusammengelebt haben, beispielsweise in Spanien die jüdischen Religionen, die christlichen Religionen oder die muslimischen Religionen. Daraus erhoffen wir uns, ein Bild zu formen, das uns möglicherweise auch Aufschlüsse gibt, wie man mit heutigen Konflikten umzugehen gedenkt.

Schwarz: Herr Gruß, Sie selbst sind Stammzellenforscher und kennen die ethische Komponente dieses Forschungsgebiets. Sind Ethikkommissionen notwendiger Bestandteil des Erkenntnisgewinns, oder sollten wir bestimmte Bereiche der Forschung am besten gar nicht antasten?

Gruß: Also bei der letzten Frage ein klares Nein, denn Wissenschaft ist ein kontinuierlicher Prozess. Wissen wird kontinuierlich generiert, und wir können uns nicht hinstellen, wie die kleinen Kinder die Augen zuhalten und glauben, man sieht uns nicht. Nein, wir müssen mit dem Wissen, das wir schaffen, umgehen lernen, und da haben Sie natürlich vollkommen Recht mit Ihrer Frage, dazu braucht es einen gesellschaftlichen Konsens. Wir brauchen Ethikkommissionen, die wir übrigens uns in der Max-Planck-Gesellschaft auch gegeben haben. Wir müssen die Gesellschaft mitnehmen bei so großen Fragen wie PID, wie Stammzellen, wie grüne Gentechnik – und viele mehr werden noch kommen.

Schwarz: Peter Gruß, Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, herzlichen Dank für das Gespräch!

Gruß: Ich danke Ihnen, auf Wiederhören!




Das vollständige Gespräch mit Peter Gruß können Sie bis zum 8.11.2011 als
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