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Echtzeit | Beitrag vom 28.11.2020

Verständliche NachrichtenEinfache Sprache ist nicht so leicht

Tanja Köhler im Gespräch mit Susanne Balthasar

In einer Sprachblase sind ausgeschnittene, bunte Buchstaben völlig durcheinander angeordnet. (Getty Images/ iStockphoto)
Einfache Sprache ist wichtig, weil Information auch Teilhabe ermöglicht, sagt Tanja Köhler (Getty Images/ iStockphoto)

Fremdwörter, Metaphern, verschachtelte Sätze - oft werden Sachverhalte kompliziert vermittelt. Wie das besser geht, weiß Tanja Köhler, Redakteurin für das Format Nachrichtenleicht beim Deutschlandfunk. Das inklusive Konzept heißt "Einfache Sprache".

Susanne Balthasar: Es könnte alles so einfach sein. Ist der Titel der heutigen "Echtzeit" und das gilt auch für die Art und Weise, wie wir miteinander sprechen. Da wird viel herumgewirbelt, Inhalte unnötig verkompliziert. Oft wimmelt es von Fach- und Fremdworten.

Deshalb gibt es Fachleute, die Aussagen in sogenannte einfache Sprache übersetzen. Eine davon ist meine Kollegin Tanja Köhler. Sie ist in der Nachrichtenredaktion bei unserem Schwestersender Deutschlandfunk in Köln. Und dort gibt es auch Nachrichten in einfacher Sprache, für die Tanja Köhler zuständig ist. Ab wann ist Sprache denn einfach? Was gut verständlich ist, ist ja von Mensch zu Mensch verschieden. Gibt es da so etwas wie einen kleinsten gemeinsamen Nenner?

Tanja Köhler: Bei unserem inklusiven Nachrichtenformat Nachrichtenleicht haben wir uns ja entschlossen, in Einfacher Sprache zu schreiben. Jetzt gibt's allerdings unterschiedliche Konzepte. Es gibt auch die Leichte Sprache und zwischen diesen beiden Konzepten gibt's natürlich Unterschiede. Also Leichte Sprache kommt ja ursprünglich von Selbsthilfegruppen für Menschen mit Behinderung. Die haben ein Regelwerk erstellt, wie Texte aussehen sollen, damit sie sehr leicht verständlich sind für Menschen mit kognitiven Einschränkungen.

Leichte Sprache ungleich Einfache Sprache

Balthasar: Dann ist die Einfache Sprache noch ein bisschen schwieriger als die Leichte Sprache. Kann man das so zusammenfassen? Weil der Begriff Leichte Sprache ist ja vielleicht auch vielen bekannt.

Köhler: Ja, also dieses feste Regelwerk schreibt vor, dass es kurze, einfache Sätze sein sollen, leicht verständliche, kurze Wörter. Man soll keinen Genitiv und keinen Konjunktiv verwenden und auch keine Passivkonstruktion. Also man verzichtet auch Fachbegriffe, Fremdwörter, auch auf Metaphern. Man schreibt Zahlen aus. Es soll pro Zeile möglichst nur ein Satz geschrieben werden. Die Regeln sind da relativ fest.

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Bei Einfacher Sprache gibt es so ein Regelwerk nicht. Aber man kann sagen, dass die Einfache Sprache mehr Komplexität erlaubt. Sie ist vom Sprachgebrauch her etwas schwieriger als Leichte Sprache. Die Sätze sind länger. Es können auch Nebensätze verwendet werden, also die sind erlaubt. Aber auch hier sollen natürlich Fremdwörter vermieden werden oder bzw. wenn man sie verwenden muss, erklärt werden. Das heißt, sie ist etwas komplexer und ist deswegen ein Mittelweg zwischen Leichter Sprache und der Standardsprache, wie wir sie kennen.

Ein Wörterbuch hilft bei schwierigeren Begriffen

Balthasar: Fragen Sie sich manchmal auch, ob Sie nicht jedes Wort erklären müssen. Es gibt da so einen Beispielsatz. "Spanien ist ein Land in Europa." Das ist ja auch ein Satz aus der Einfachen Sprache. Und fragt man sich dann nicht sofort: Wie würde ich Land erklären? Muss ich Europa erklären? Was kann man da voraussetzen?

Köhler: Was wir bei unserem Format Nachrichtenleicht haben, das ist ja erst einmal eine Website. Damit sind wir gestartet. Und wir haben uns natürlich auch gefragt, wie viel Erklärung verträgt eine Nachrichtenmeldung? Und wir haben uns dann entschieden, ein Wörterbuch anzulegen. Das heißt, bestimmte Begriffe, die wir in einer Nachricht nicht erklären können, die finden wir im Wörterbuch und werden dann unter die Nachricht gesetzt.

Wir erklären in dem Wörterbuch "Spanien", welche Währung wird da verwendet? Wie viele Einwohner hat Spanien? Wir erklären aber auch: Was sind Abgeordnete? Was ist ein Minister oder eine Ministerin? Und dieses Wörterbuch, das sind inzwischen schätzungsweise über tausend Einträge. Das heißt, wir haben also die Möglichkeit, wenn wir in einer Meldung jetzt bestimmte Begriffe, die wichtig sind, die wir auch nicht weglassen können und jetzt nicht in ihrer Ausführlichkeit in einer Meldung erklären können, die setzen wir unter die Meldung und da werden sie dann nochmal ausführlich erläutert.

Kritiker kennen das Konzept oft nicht

Balthasar: Wie sind denn die Reaktionen auf diese Einfachen Nachrichten im Deutschlandfunk?

Köhler: Wir können sagen, dass der überwiegende Teil der Redaktion wirklich überwältigend positiv ist. Und wir haben Feedback von Menschen, die Kinder mit kognitiven Einschränkungen haben. Die Familienmitglieder haben mit Demenzerkrankung. Wir bekommen aber auch viel Feedback aus dem Ausland. Nachrichtenleicht ist ein Format, was wahrscheinlich so viel aus dem Ausland genutzt wird wie kein anderes Format, weil es eben auch zum Deutschlernen verwendet wird.

Es gibt dann einen geringen Teil, der das kritisiert, der sagt, dass wir unser Niveau senken. Wir haben aber festgestellt, dass den Menschen oft das Format oder das Konzept hinter Leichter und Einfacher Sprache gar nicht bekannt ist. Und da gehen wir mit Aufklärung ran. Wir antworten den Menschen und erklären, warum es eigentlich diese Formate gibt und für welche Menschen diese Konzepte erarbeitet wurden und dass es sich hier eben auch um ein inklusives Angebot handelt.

Erstaunlicherweise stellen wir fest, dass den Menschen das oft nicht klar war und dass, wenn wir denen erklären, warum das auch gut ist, dass die das auch einsehen und plötzlich einen ganz anderen Blick auf dieses Format haben.

Balthasar: Nun ist ja die Tendenz, sich kompliziert auszudrücken, was was man in allen möglichen Bereichen beobachten kann. Warum neigen Menschen denn dazu, sich eben nicht ganz klar und einfach auszudrücken?

Köhler: Das ist eine gute Frage. Also wir merken eben auch, wenn wir die Nachrichten in Einfacher Sprache schreiben, dass es wirklich schwierig ist, Ereignisse auch runterzubrechen auf so eine einfache, verständliche Sprache. Und wir merken dann eben auch, dass man sich oft hinter Floskeln und Sprachphrasen versteckt, und dass einem die im Alltag auch manchmal einfach so durchrutschen.

Hoher Prozentsatz hat Probleme beim Lesen 

Also wenn ich eine Meldung in einfacher Sprache schreibe, dann muss ich versuchen, die Dinge so weit runter zu brechen, dass ich komplizierte Dinge einfach erklären kann. Und dann stelle ich eben auch fest: Wenn ich etwas in einfacher Sprache erklären will, dann muss ich das selbst verstehen, weil sonst gelingt mir das nicht.

Balthasar: Für wie viele Menschen ist dieser Einfache Sprache denn tatsächlich wichtig? Wie viele nutzen das? Gibt's da Zahlen zu?

Köhler: Die Zielgruppe, die ist relativ groß. Die Universität Hamburg, die führt regelmäßig eine Studie durch zur Lesekompetenz, zur Lese- und Schreibkompetenz der deutschen Bevölkerung. Und die Ergebnisse sind ganz interessant. Die haben nämlich festgestellt, dass 30 Prozent der erwachsenen Bevölkerung Probleme haben, Standardsprache zu verstehen, also Probleme haben beim Lesen und Schreiben. Und das ist ein unglaublich großer Prozentsatz, also 30 Prozent der erwachsenen Bevölkerung.

Balthasar: Wie wichtig ist es denn für die Menschen, die tatsächlich Schwierigkeiten mit der konventionellen Sprache haben, dass sie in der Einfachen Sprache angesprochen werden, dass man ihnen dieses Angebot macht?

Köhler: Einfache Sprache ist für solche Menschen natürlich wichtig, weil Information ja auch Teilhabe ermöglicht, Teilhabe an Gesellschaft und Politik. Und von daher ist diese sprachliche Barrierefreiheit für solche Menschen ganz wichtig. Für Menschen, die Standardsprache verstehen, die aber bei bestimmten Informationen auch an ihre Grenzen stoßen und die sich deshalb ein sprachlich einfacheres Niveau wünschen und deswegen eben auf solche Texte zurückgreifen, einfach um komplexe Sachverhalte und Entwicklungen besser verstehen zu können.

Fazit

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