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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 27.12.2010

Verse, janusköpfig nach vorne, nach hinten

Vor 100 Jahren wurde der amerikanische Dichter Charles Olson geboren

Von Gerd Schäfer

"Projektive Vers" entwickelte Charles Olson. (Stock.XCHNG / Christy Thompson)
"Projektive Vers" entwickelte Charles Olson. (Stock.XCHNG / Christy Thompson)

Charles Olson war ein amerikanischer Schriftsteller, der vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg als Lehrer und Stichwortgeber einer avantgardistischen, experimentellen Lyrik in Erscheinung trat. Am 27. Dezember 1910 wurde er geboren.

Klaus Reichert: "Charles Olson, Sie sehen ihn vor sich, diesen Fels, kennen ihn aber längst als fast legendären Ahnen der neuen amerikanischen Dichtung, der den projektiven Vers erfunden hat, den Vers, wörtlich, mit Stoßkraft, den Vers, der nicht mehr bei sich selber bleibt, sondern, janusköpfig, nach vorn und hinten schaut, zur Herkunft, dorthin, woher, im doppelten Sinne, die Wörter stammen, und zum Hörer."

Als Charles Olson 1966 von seinem Übersetzer Klaus Reichert im Literarischen Colloquium Berlin vorgestellt wurde, war dies bereits der zweite Versuch einer deutschen Eingemeindung. 15 Jahre vorher hatte nämlich der junge Freiburger Rainer Maria Gerhardt mit dem Amerikaner einen kleinen Briefwechsel unterhalten. Es ging seinerzeit vor allem darum, im Nachkriegsdeutschland die Stichworte der Moderne, einer zeitgenössischen Literatur, aufzunehmen. Und die entscheidende Programmschrift, eben die Theorie des Projektiven Verses, hatte Olson bereits 1950 in einer Literaturzeitschrift veröffentlicht.

Olson, am 27. Dezember 1910 in Worcester, Massachusetts, geboren, legte nach seinem Studium der Literaturwissenschaft, Linguistik und Archäologie, brillante Arbeiten über Herman Melville vor. Seine Forschungen führten dazu, dass aus einem trockenen Gelehrten ein begeisterter Dichter hervorging. Seine Publikationen wurden selbst poetisch, gleichzeitig verstand er sich als Gesetzgeber einer neuen Literatur, er reklamierte eine revolutionäre Poetik.

Zudem wurde Olson 1951 Rektor am Black Mountain College, einer Gründung von deutschen Bauhaus-Künstlern im Exil. Gelehrt wurde ein Zusammenspiel von Malerei, Tanz, Musik und Literatur, alles sollte in Bewegung geraten. Wichtig war vor allem, sich an eine besondere Richtlinie zu halten, die Olson auch Gerhardt in einem Brief mitgeteilt hatte.

"Die Aufgabe, Gerhardt, ist genau zu sein, gleich von Anfang an."

Das Black Mountain College musste 1956 den Betrieb einstellen, die Finanzierung der revolutionären Avantgarde war nicht mehr gesichert. Das Phänomen des Bankrotts war Olson nicht unbekannt. Er hatte es bereits 1945 kennengelernt, als er den internierten Ezra Pound besuchte. Pound, der Mussolini-Anhänger, entging nach dem Zweiten Weltkrieg einer Anklage wegen Hochverrats nur dadurch, dass er bei Washington in eine Anstalt für kriminelle Geisteskranke eingewiesen wurde. Olson, der Demokrat, bewunderte Pound als Schriftsteller, den Verfasser der Cantos, und hielt ihm – literarisch, nicht politisch – die Treue.

"Eine Klappsmühle
soweit ist er heruntergekommen, der alte
Beginner, der alte
Gewinner
Der alles eine zeitlang
in Bann schlug
"Das ist Pound."

Nach dem Ende des Black Mountain College zog sich Charles Olson nach Gloucester zurück, in eine Fischerstadt an der amerikanischen Ostküste. Weitgehend mittellos, den Lebensunterhalt sicherten zeitweise Lehraufträge an Universitäten, sah sich der ehemalige Umstürzler in der Nachfolge von Herman Melville, der für Olson mit Moby-Dick die Gründungsschrift Amerikas vorgelegt hatte.

Wenn der "Projektive Vers" eine Dichtkunst forderte, die auf dem Körper, dem Atem, der Mündlichkeit aufbaut, dementsprechend auch die Alltagsssprache miteinbezieht und die einzelnen Wörter auf den ersten Blick ungeordnet abdruckt, dann war nach 1960 die Zeit an Charles Olson vorbeigegangen. Erst mit fünfzig Jahren veröffentlichte er seinen ersten Gedichtband. Ungleich erfolgreicher waren die Publikationen jüngerer Autoren wie Jack Kerouac und Allen Ginsberg, die Schüler stachen den Lehrmeister aus.

In den letzten Jahren widmete sich Olson überwiegend den Maximus-Gedichten, einem Zyklus, der seinen Titel von einem Überlieferer der Sappho-Poeme herleitet, von Maximus von Tyros. Olson wollte noch einmal genau sein und die Anfänge ergründen, den Ursprung Amerikas und der Literatur.

"Die einfachsten Dinge habe ich zuletzt lernen müssen. Daher die Schwierigkeiten. Selbst auf See war ich langsam, beim Hand ausstrecken, oder beim Überqueren eines nassen Decks. Die See war, letzten Endes, nicht mein Geschäft."

Charles Olson starb am 10. Januar 1970 an Leberkrebs. Der zwei Meter große, legendäre Ahn der neuen amerikanischen Dichtung war bis zum Skelett abgemagert.

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