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Zeitfragen | Beitrag vom 12.04.2021

VerschwörungsmythenWas tun, wenn Familienmitglieder abdriften?

Von Emely Riemer

Illustration von zwei Menschen die mit dem Rücken zueinander gewandt auf einer zerissenen Sprechblase stehen (imago / Gary Waters)
Eine Diskussion über Verschwörungserzählungen ist schwierig, denn die Gespräche finden meist nicht auf Augenhöhe statt. (imago / Gary Waters)

Glaubt der eigene Lebenspartner, der Bruder oder die Mutter an QAnon, an Fernsteuerung mittels Impfung oder andere Verschwörungsmythen, droht das oft, die Familie zu entzweien. Nun gründen sich erste Selbsthilfegruppen.

"Es passieren in unserer, in meiner und in ihrer Welt die gleichen Dinge, aber in ihrer Welt bedeuten sie etwas ganz anderes." – Kati Krause ist Journalistin und hat Anfang dieses Jahres einen Text über ihre Mutter geschrieben.

 "Es haben so Rollenverschiebungen stattgefunden. Meine Mutter ist zum Teil jetzt diese rebellische Teenagerin geworden. Die betrachtet den Rest der Familie eben irgendwo als Denkfaul, als sehr träge und sie ist eigentlich die, die schon weiß, wo es hingeht, und die für die Zukunft steht – und wir werden dann schon alle irgendwann sehen, dass sie recht hat."

Seit gut 15 Jahren lebt ihre Mutter in einer "Parallelwelt aus alternativen Fakten und eigenen Wahrheiten". So beschreibt es Kati Krause selbst. Woran ihre Mutter allerdings genau glaubt – das verändert sich ständig. Mal sind es Zahlenreihen, die in den Obstbäumen hängen und sie heilen sollen, mal geht es um den vermeintlichen Wahlbetrug in den USA.

"Aber es ist natürlich gleichzeitig sehr, sehr schmerzhaft, wenn man dann als Tochter eben dieses Gefühl hat, nicht mehr gesehen zu werden, sondern man ist immer nur noch so ein, wie so ein Männchen, eine kleine Figur in der Ideologie. Man ist selbst nur noch eine Repräsentantin von irgendwas, so wie alles immer nur eine Repräsentation von einem Teil ihrer Ideologie ist. Das wird auch immer alles sofort so eingeordnet. Und ja, wir merken das schon, also meine Schwester und ich, dieses Gefühl zu haben, nicht mehr gesehen zu werden von ihr."

Corona trägt Verschwörungsmythen in die breite Masse

Kati Krause ist nicht die einzige, der es so geht. Genaue Zahlen gibt es aktuell nicht, Experten gehen aber davon aus, dass die Coronakrise Verschwörungsmythen in die breite Masse getragen hat. Von Frühjahr bis Sommer 2020 sind 80 Prozent mit Desinformation zum Coronavirus in Kontakt gekommen, also vier von fünf Menschen. Das zeigte eine Studie der Landesanstalt für Medien NRW. Der Übergang von Desinformation zu Verschwörungsmythologie ist dabei oft fließend. Die meist geklickten Falschnachrichten sind oft Teil einer Verschwörungserzählung.

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Längst entzweien Verschwörungsmythen ganze Familien, ähnlich wie bei Kati Krause. Selbst öffentlich über das Thema sprechen will allerdings kaum jemand. Die Angst ist groß, die Situation zu Hause könnte noch schlimmer werden.

Die Verschwörungsmythen können dabei sehr unterschiedlich sein. Die Ehefrau, die plötzlich alte Kontakte aufgibt und mit "neuen Freunden" telefoniert. Bekanntschaften aus dem Internet, denen sie bald mehr glaubt, als dem Ehepartner. Der Sohn, der seit Corona immer mehr an Naturheilkunde interessiert ist, Frequenzen zur Selbstheilung hört und eine wichtige Operation absagt, aus Angst vor einem verseuchten Coronatest. Oder die Mutter, die anfängt auf dem Dachboden Lebensmittelvorräte zu horten.

Diskussionen werden immer schwieriger

Eine Gemeinsamkeit: Eine Diskussion wird immer schwieriger, findet nicht mehr auf Augenhöhe statt – und bei Streit gibt es keine Aussicht auf Einigung mehr. Beide Seiten kämpfen umeinander – mit guten Absichten.

Wie geht man damit um? Die Familie von Kati Krause versuchte es am Anfang mit Humor, bis die Thesen immer krasser wurden: "Was ich jetzt mache, ich sage einfach: nein. Ganz klar. Nein, ich will es nicht hören. Nein, ich gehe, sofort. Ich werde dann auch laut. Wenn sie dann trotzdem weiterredet, weil sie dieses Nein nicht akzeptiert, sehr häufig leider: Ich gehe dann aus dem Zimmer, ich lege dann auf. Nein, ich will es nicht hören."

Bis Kati Krause diesen Umgang mit ihrer Mutter findet, vergeht viel Zeit. "Natürlich in Bezug auf meine Mutter sehe ich auch die Problematik dieser Haltung, dieses Mauerns in unserer Beziehung, weil es ja dann natürlich so ist: Ich blende halt immer einen Teil von ihr aus. Aber nur so geht es. Ich halte mir im Endeffekt ein Auge zu, die ganze Zeit. Ich will diesen Teil einfach nicht sehen und nichts davon wissen."

Sprachlosigkeit und Ohnmacht überwinden

Eine andere Möglichkeit: Nachfragen. Dazu rät Jörg Pegelow. Er ist Pastor und Weltanschauungsbeauftragter der Nordkirche. Wer Hilfe und Rat sucht, kann sich telefonisch bei ihm melden.

"Die Diskussion auf der Sachebene führt in der Regel in die Irre, weil die dahinterstehenden Grundannahmen letztlich nicht widerlegbar sind. Insofern schlag ich in der Regel vor: Frag nach dem Warum, fragt danach, was es für das eigene Leben hilft – und versucht, auf dem Weg überhaupt erst einmal in Kontakt zu kommen und dem Gegenüber verstehen zu geben: Mir liegt an dir und ich versuche, dich zu verstehen."

Manche können Sprachlosigkeit und Ohnmacht überwinden, andere aber finden nicht mehr zusammen.

"Menschen dürfen zum Glück bei uns auch Dinge glauben, die irritierend und verstörend sind, solange sie damit nicht andere oder sich selbst gefährden. Wenn Menschen sich auf so einen Weg machen, dann kann man sie letztlich nicht an die Leine legen. Da kann dann – aber das ist mir bisher zum Glück relativ selten und im Rahmen von Verschwörungsideologien noch nicht passiert –, da kann dann eben auch am Ende der Rat stehen: Sie müssen jemanden auch gehen lassen."

Selbsthilfegruppe für Betroffene

Beratungsstellen wie die von Jörg Pegelow gibt es – zumindest bei kirchlichen Trägern – einige. Meist sind es Sektenberatungsstellen oder Weltanschauungsbeauftragte, die mittlerweile auch zu Verschwörungsmythen beraten. Beratungsstellen für Familien, die konkret auf das Problem "Verschwörungsanhänger in der Familie" zugeschnitten sind, gibt es kaum. Erst Anfang dieses Jahres hat sich in Hamburg eine kleine Selbsthilfegruppe von Angehörigen zusammengefunden. Sie ist die große Ausnahme.

Mirko Bode arbeitet bei der Organisation "Der goldene Aluhut". Es ist eine der wenigen Organisationen, die sich speziell mit Verschwörungsanhängern beschäftigen. Vor allem Ende 2020 haben sich mehr Menschen als sonst an ihn gewandt.

"Prinzipiell hat Corona ja bei vielen Menschen große Unsicherheit verursacht. Die Leute versuchen, das teilweise durch Wissenschaft zu füllen, aber auch halt durch Fake News, Verschwörungsideologien zu füllen und für sich da eine Erklärung herauszuziehen."

Anfang des Jahres hat sich die Situation etwas beruhigt. Das liegt auch daran, dass Onlineplattformen wie Twitter und Facebook stärker durchgreifen, meint Mirko Bode.

 "Das Problem ist, dass durch die Unendlichkeit des Internets halt einfach neue Plattformen entstehen werden, die es ja auch schon gibt, auf der sich dann diese Leute austauschen und auch weiter radikalisieren. Es gibt ja durchaus soziale Netzwerke oder Kurznachrichtendienste, Kommunikationswege, die ja damit werben, dass sie nicht zensieren. Und da ist halt eine große Gefahr, dass sich dann in diesen Ecken des Internets Leute noch weiter von einem wissenschaftlichen kritischen Weltbild entfernen und sich noch weiter radikalisieren."

Coronakrise heizt die Situation an

Die Journalistin Kati Krause beobachtet bei ihrer Mutter: Die Coronakrise heizt die Situation an. Klar ist für sie aber auch: Es ist nicht die letzte Krise, die der "Parallelwelt aus alternativen Fakten und eigenen Wahrheiten", wie sie es nennt, Futter gibt.

"Was kommt mit der nächsten Krise? Was ist mit den Klimakrisen, die uns bevorstehen? Ich meine, da kommt ja voraussichtlich einiges auf uns zu. Ich meine, als wäre das nicht schon schlimm genug, wird es ja dann unserer Erfahrung nach dann diese ganze, diese im Endeffekt Spaltung der Gesellschaft in zwei verschiedene Realitäten oder in zwei verschiedene, unterschiedlich gelebte Welten noch einmal extrem verschärfen."

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