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Interview | Beitrag vom 25.05.2020

Verschwörungsmythen im Messenger-DienstWarum Telegram so attraktiv für Extremisten ist

Josef Holnburger im Gespräch mit Ute Welty

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Eine Person hält im Dunklen ein Smartphone in der Hand, das Display leuchtet. (Unsplash / Gilles Lambert)
"Verschwörungserzählungen spielen eine große Rolle auf Telegram". (Unsplash / Gilles Lambert)

Seit Facebook und Youtube gegen Falschmeldungen vorgehen, ist die Nutzung von Telegram enorm gewachsen. Der Messenger-Dienst ziehe viele Verschwörungsideologen an – "ein Raum, wo kaum etwas gelöscht wird", sagt der Politologe Josef Holnburger.

Ute Welty: Facebook, Twitter, Instagram: Etliche Menschen benutzen etliche digitale Plattformen, um mit anderen in Kontakt zu treten oder zu bleiben. Mehr Sicherheit und mehr Schnelligkeit verspricht Telegram – das scheint besonders attraktiv für Verschwörungsmythen und Rechtsextremismus zu sein.

Der Politikwissenschaftler Josef Holnburger schaut sich das genauer an im Rahmen seiner Ausbildung an der Uni Hamburg, und als Referent bei DGB-Jugend richtet er den Fokus auf Arbeitsmarktpolitik. Was macht denn Telegram so attraktiv für diejenigen, die sich offenbar anderswo nicht mehr so wohlfühlen?

Holnburger: Telegram hat eine Policy, eine Einstellung, dass es kaum Sachen löscht, und das ist ein bisschen attraktiv geworden für einige Verschwörungsideologen. Youtube und Instagram gehen jetzt verstärkt gegen Falschmeldungen während der Coronakrise vor, und Telegram macht das explizit nicht. Das heißt, man hat da einen Raum, wo kaum etwas gelöscht wird.

Welty: Ein rechtsfreier Raum?

Holnburger: Rechtsfrei nicht ganz, auch die müssen sich an Gesetze halten. Allerdings ist bei Telegram ein bisschen die Schwierigkeit, die auch zu erreichen. Dieser Messenger-Dienst ist ursprünglich in Russland gestartet worden. Mittlerweile liegt der Hauptsitz in Dubai, und entsprechend ist es auch ein bisschen schwer, da Recht durchzusetzen.

Welty: Hinter Telegram steht ein russischer Unternehmer, was wissen Sie über diesen Mann?

Holnburger: Relativ wenig. Man weiß, dass er aus Russland ins Exil geflohen ist. Ansonsten ist kaum etwas über ihn bekannt. Er betreibt diesen Telegram-Messenger-Dienst, aber hält sich auch sehr bedeckt, wo er denn ist, was er denn genau macht und wo auch der Sitz ist.

Welty: Seit Beginn von Corona ist die Telegram-Nutzung stark angestiegen, angeblich auf 400 Millionen monatlich. Woran liegt das?

Holnburger: Was wir in Deutschland beobachtet haben, ist, dass es vermehrt Werbung von einigen Youtube-Kanälen gab, auf Telegram umzuziehen. Das waren vor allem Youtube-Kanäle, die bereits vorher schon Verschwörungsideologien verbreitet haben, und die hatten so ein bisschen die Befürchtung, dass ihnen Videos gelöscht werden, und ihre User aufgerufen, bereits jetzt auf Telegram zu wechseln.

Teilweise ist das dann auch passiert, und Youtube-Videos wurden gelöscht, die wurden dann auf Telegram wieder hochgeladen. Das heißt, die sind auch nicht aus dem Netz, sondern einfach nur auf einer anderen Plattform.

Bis zu 120.000 Abonnenten pro Kanal

Welty: Wie genau funktioniert ein Telegram-Kanal?

Holnburger: Erst mal kann man sagen, Telegram ist ein Nachrichtendienst, wie das WhatsApp zum Beispiel auch ist. Auf Telegram wie bei WhatsApp kann man Gruppen gründen. Bei Telegram ist allerdings die Anzahl der Menschen, die in einer Gruppe aktiv sein können, etwas höher, die ist nämlich bei 200.000 und nicht wie bei WhatsApp bei 256.

Nebenbei kann man auch noch Kanäle gründen, da kann der Kanalbetreiber dann all denjenigen, die den Kanal abonniert haben, Informationen zukommen lassen. Theoretisch ist da die Größe in den Millionen. Die deutschsprachigen Kanäle, die wir jetzt beobachtet haben, da sind die größten bei so 120.000 Abonnenten.

Welty: Nach welchen inhaltlichen Kriterien haben Sie gesucht und untersucht?

Holnburger: Es ist nichts Neues, dass Telegram gewachsen ist, nur die Zahl der Menschen, die jetzt gerade zu Telegram dazu gekommen sind, ist rasant gewachsen. Es war nämlich im letzten Jahr schon so, dass einige Rechtsextremisten auf Telegram umgezogen sind, nachdem ihnen bei Facebook und YouTube die Kanäle gelöscht wurden.

Wir hatten zunächst erst mal diese rechten Kanäle gesucht und abonniert. Wir haben dabei aber auch herausgefunden, dass einige Verschwörungsideologen, die auf Youtube schon sehr bekannt waren, auch auf Telegram waren, und da kamen jetzt noch einige mit dazu. Wir haben aber explizit nur deutschsprachige Gruppen und Kanäle untersucht und sind da jetzt im Moment bei 400 Kanälen, die wir beobachten.

Ein Raum für sehr absurde Verschwörungserzählungen

Welty: Wie muss man sich das vorstellen? Ist das so eine Art verdeckte Ermittlung im Netz ohne Lederjacke und ohne Schnauzbart?

Holnburger: Grundsätzlich sind die Kanalinformationen erst mal alle öffentlich zugänglich. Da muss man also gar nicht mit einem schwarzen Kapuzenpulli vor dem Rechner sitzen. Deswegen kann man die Daten auch erst mal so direkt sehen. Irgendwann wird es nur unübersichtlich. Das heißt, wenn man 400 Kanäle hat, dann werden das mit der Zeit schon ziemlich viele Daten, die da generiert werden. Wir haben zum Beispiel jetzt im Moment eine Million Daten in unserem Datensatz.

Welty: Spätestens seit Beginn der sogenannten Hygienedemos wissen wir ja, dass Microsoft-Gründer Bill Gates die Weltherrschaft durch eine Zwangsimpfung erreichen will. Haben die Tiefen von Telegram da überraschende Alternativen zu bieten?

Holnburger: Nein, das sind hauptsächlich auch die Verschwörungserzählungen, die größer bekannt sind, die spielen auch eine größere Rolle auf Telegram. Es gibt nur dort auch einen Raum für sehr absurde oder sehr kleine Verschwörungserzählungen wie zum Beispiel auch, dass die Erde flach wäre.

Aber man muss auch sagen, die meisten Links, die zum Beispiel auf Telegram gesetzt werden, sind immer noch Youtube-Links, das heißt, die wichtigste Plattform bleibt Youtube. Bei Telegram hat man aber – das haben wir festgestellt – eine stärkere Radikalisierung.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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