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Fazit / Archiv | Beitrag vom 27.02.2019

Verschobene Brexit-AbschiebungWer falsche Deadlines setzt, verfranst sich

Tilman Rammstedt im Gespräch mit Sigrid Brinkmann

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Mann denkt an die Zeit mit vielen Uhren PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY Copyright: xTangxYauxHoongx 11930079 (imago stock&people)
"Eine Deadline, die man einhält, hat nicht genug Druck aufgebaut", meint Tilman Rammstedt. (imago stock&people)

Die Briten wollen den Brexit noch ein wenig verschieben. Mit dem Nichteinhalten von Terminen kennt sich der Schriftsteller Tilman Rammstedt aus. Er warnt: Das Herausschinden von Zeit könne dazu führen, dass ein Projekt vollends scheitert.

Es sei jeder Deadline inhärent, mindestens einmal gerissen zu werden, sagt der Schriftsteller und Musiker Tilman Rammstedt: "Sonst war sie schlecht gesetzt. Eine Deadline, die man einhält, hat nicht genug Druck aufgebaut."

Rammstedt hat seine Manuskripte immer auf den letzten Drücker abgegeben und sich dann 2016 ein "heilendes Projekt" ausgedacht, seinen Roman "Morgen mehr". 

Eine große und viele kleine Deadlines

"Bei Deadlines gibt es viele Strategien, die Deadline alleine ist ja schon eine Strategie, um Druck aufzubauen, aber das ist meistens eine sehr naive Vorstellung. Gerade bei größeren Projekten wie einem Roman oder einem EU-Austritt besteht die Gefahr, dass man denkt: 'Ach, zwei Jahre Zeit, das schaffen wir locker!'"

Dann aber verfranse man sich in Kleinigkeiten, bis man ein paar Wochen vorher merke, dass das alles nicht zu schaffen ist.

"Deshalb muss man die große Deadline herunterbrechen in viele kleine Deadlines. Das war mein Ansatz bei meinem Roman 'Morgen mehr'. Ich habe versucht, jeden Tag ein Kapitel zu schreiben. Das habe ich öffentlich angekündigt, und Menschen konnten ein Abonnement darauf abschließen und mir dabei quasi zusehen. Sie konnten also jeden Tag nachlesen, was an diesem Tag entstanden ist."

Prokrastination als Stümperei

Es wäre zwar eine schöne Vorstellung, die Probleme beim Brexit so ähnlich anzugehen, sagt Rammstedt, indem man zum Beispiel jeden Tag ein einzelnes Problem behandele, er sei sich aber nicht sicher, ob das funktioniert hätte: "Das Ganze ist schließlich größer als die Summe seiner Teile. Im Nachhinein wäre es aber vielleicht einen Versuch wert gewesen."

Der Schriftsteller und Musiker Tilman Rammstedt auf der Buchmesse in Leipzig. (imago stock&people)Der Schriftsteller und Musiker Tilman Rammstedt (imago stock&people)

Prokrastination im Hinblick auf eine Deadline als Kunst anzusehen, empfindet Rammstedt als "Schönrednerei".

"Es ist eher ein Geißel. Wahrscheinlich ist es richtig, Prokrastination in jedem Fall als Stümperei anzusehen. Es gibt ja verschiedene Arten von Prokrastination. Die vorherrschende Form ist, sich vor der Arbeit zu drücken, meistens aus Angst, dass es nicht gelingt. Vielleicht aber auch durch falsche, also zu eng oder zu locker gesetzte Deadlines."

Der Brexit wäre als Roman ein Fehlgriff 

Die gefährlichere Art der Prokrastination sei aber, dass man sich in falsche Baustellen verstricke, sagt Rammstedt:

"Dass man sich beim Roman zu lange Gedanken über ein Komma macht, anstatt sich zu überlegen wie die Liebenden zueinander finden."

Wenn man den Brexit als Roman betrachten würde, wäre jetzt der Zeitpunkt erreicht, an dem man sagen müsste:

"Die Grundidee war einfach behämmert. Wir vergessen jetzt die Deadline und wir vergessen das ganze Projekt."

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