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Länderreport | Beitrag vom 21.01.2021

Verschlüsselung von Nachrichten im Zweiten WeltkriegSechs Enigmas aus der Ostsee geholt

Von Tomma Schröder

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Eine seltene Drei-Rotor-Enigma, die während des Zweiten Weltkrieges von Deutschland genutzt wurde, um Nachrichten zu verwchlüsseln. Diese Enigma wurde am 30.Mai 2019 bei einer Auktion angeboten. Die drei Rotorscheiben sind zu sehen, ebenso eine Tastatur. (mago images / UPI Photo / Jim Ruymen)
Diese gut erhaltene Enigma, von Deutschland im Zweiten Weltkrieg genutzt, wurde 2019 in Wien für über 100.000 Euro versteigert. Nun wurden sechs Enigmas in der Ostsee gefunden, allerdings in deutlich schlechterem Zustand. (mago images / UPI Photo / Jim Ruymen)

Der Berufstaucher Christian Hüttner hat sechs Verschlüsselungsmaschinen der Nazis aus der Ostsee geborgen. Dass deren Code geknackt wurde, war von großer Bedeutung im Zweiten Weltkrieg. Heute sind die Enigmas gut erforscht.

Man stelle sich das einmal vor: Bei winterlichem Wetter taucht man in der kalten Ostsee herum auf der Suche nach einer verlorenen Schiffsschraube. Und plötzlich ist da irgendetwas auf dem Boden, das golden schimmert:

"Im Grunde hat nur ein Messingblech, in dem zuvor kleine Glühlämpchen eingeschraubt waren, meine Aufmerksamkeit erregt. Sonst hätte ich den Kasten sehr wahrscheinlich als Munitionsbehältnis oder irgendwas anderes in der Richtung abgehakt", sagt Christian Hüttner. "Messing ist für Taucher immer interessant, deswegen habe ich mir das mal näher angeschaut und erkannte die Tasten, die da übrig geblieben sind. Da war dann sofort klar: eine Enigma."

Die Schiffsschraube, die er eigentlich suchen wollte, musste sich daraufhin zunächst einmal hinten anstellen. "Ich habe sie unter Wasser dahin verbracht, wo ich sie später nach dem eigentlichen Job wiederfinden würde. Dass ich dann gleich auf die nächsten und teils sehr viel besser erhaltenen Maschinen treffen würde, das hat dann meine Planung für den Tag ziemlich umgeworfen."

Sechs Verschlüsselungsmaschinen auf einmal

Am Ende zieht der Berufstaucher sechs teils gut, teils kaum erhaltene Verschlüsselungsmaschinen der Nationalsozialisten aus der Ostsee und meldet seinen Fund beim zuständigen Archäologischen Landesamt in Schleswig. Dort sind die Maschinen mittlerweile auch angekommen.

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"Ich wollte Sie nur begrüßen, gemütlich wird es nicht." Es ist regnerisch und windig, als ich mich mit Stefanie Klooß vor dem Landesamt treffe. Pandemiebedingt können wir nur draußen sprechen. Aber hier lagern auch bereits die von Hüttner geborgenen Enigmas – abfahrbereit in einem VW-Bus, mit dem die Maschinen in eine Restaurierungswerkstatt gebracht werden sollen. "Sie sehen, die liegen jetzt schon trocken. Aber natürlich müssen sie die ganze Zeit unter Wasser liegen. Wir haben jetzt nur das Wasser entfernt für den Transport."

Kleiner als erwartet, liegen dort schreibmaschinenähnliche Geräte in Plastikwannen mit den typischen runden Buchstabentasten. Auf den zweiten Blick erkennt man hier und da dann auch die typischen Steckverbindungen vorn an den Maschinen und einige Walzen, die das Kernstück für die Verschlüsselung bildeten.

Die Restaurierung der Enigmas wird aufwendig

Weil viele unterschiedliche Materialien verbaut sind, ist auch die Restaurierung sehr aufwendig, bei ein, zwei geborgenen Exemplaren wohl auch unmöglich. "Hier vorne, das ist sozusagen die sechste Maschine, die ist schon stark zerfallen. Aber ein Detail wäre hier eine Walze. Da sieht man einen Buchstaben drauf."

Dass die Maschinen teilweise zerstört und beschädigt wurden, ist kein Zufall. Genauso wenig wie ihr Fundort. Immerhin war die "Reichshauptstadt Flensburg" in den letzten Kriegstagen Rückzugsgebiet für viele Nationalsozialisten und viel Kriegsgerät.

Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs gab der Hitler-Nachfolger, Großadmiral Karl Dönitz, schließlich den sogenannten Regenbogen-Befehl, wie der Flensburger Historiker Gerhard Paul erzählt:

"Dieses Codewort ist an alle Schiffe übermittelt worden und am vierten Mai 1945, also wenige Tage später, wieder von Dönitz aufgehoben worden. Das hatte damit zu tun, dass die Kapitulationsverhandlungen zwischen Deutschland und England vorgesehen hatten, dass diese Boote ordnungsgemäß dem Feind übergeben werden. Die Besatzungen haben sich in aller Regel nicht an diese Aufhebung gehalten und haben dann aus Korpsgeist ihre Schiffe versenkt oder zerstört."

Ein beklemmendes Schauspiel, das vor allem von den Bewohnern der ländlichen Gebiete am Ausgang der Flensburger Förde genau verfolgt wurde. "Allein in der Geltinger Bucht sind mehr als 50 U-Boote versenkt worden", fährt Gerhard Paul fort. "Dazu kamen mehrere Zerstörer, mindestens 50 weitere Schnellboot-Begleitschiffe. Teilweise hat man sie versenkt durch Wassereintritt. Teilweise hat man sie durch Munition zerstören, zerreißen lassen. Dass dabei Gerät aus diesen Booten heraus gedrückt wurde, kann ich mir gut vorstellen."

Das Meer als Deponie

Vieles wurde so in den letzten Kriegstagen entsorgt und zerstört. Und das Meer ist da eine dankbare, weil kaum überschaubar Deponie für Altlasten.

Wie viele der Verschlüsselungsmaschinen auf diese Weise auf dem Meeresboden landeten, weiß man nicht. Aber zu vernichten gab es einige, erzählt Stefanie Klooß: "Es wurden relativ viele hergestellt und genutzt während des Krieges, also Tausende, wahrscheinlich über Zehntausende oder Hunderttausende. Das heißt, dass unter Wasser noch sehr viele Objekte liegen können. Deswegen würde ich auch noch gerne dazu sagen, dass wir jetzt nicht jede Enigma bergen sollten."

Der große Medienrummel um die erste Enigma, so warnen Archäologen, sollte nicht dazu führen, dass nun jeden Monat neue Funde präsentiert werden. Unter Algen verborgen und mit Sediment verdeckt, wurden sie bisher vermutlich einfach nicht erkannt.

Gefährliche Altlasten unter Wasser

Auch Christian Hüttner sagt, er hätte die Enigma ohne die vorangegangenen Berichte nicht als solche wahrgenommen. "Wie ich eben schon angedeutet hatte, gehe ich bei kastenartigen Objekten zuallererst von Munitionskisten aus und liege dabei auch fast immer richtig. Die fasse ich nicht an. Das ist echt böses Zeug. Metallische, zylindrische Objekte sind ebenso fast immer lose Munition und die sind sehr selten klar ansprechbar nach so langer Zeit, schon gar nicht für Laien", warnt er.

Christian Hüttner zeigt einen Teil seiner Funde in der Ostsee, im Hintergrund sein Transporter, vorne angerostete Enigmas. (Schleitaucher / Christian Hüttner)Der Berufstaucher Christian Hüttner zeigt einen Teil seiner Funde aus der Ostsee. (Schleitaucher / Christian Hüttner)

Wer einmal beim Kampfmittelräumdienst die Munitions-Sammlung angeschaut habe, habe eine vage Vorstellung davon, was es für eine Vielfalt an Formen und Farben an Munition gebe. "Da ist dann anschließend grundsätzlich erst einmal alles verdächtig, was man unter Wasser an Objekten antrifft."

Schon allein deswegen sollten Laien bei Funden von unbekannten Gegenständen am Meeresboden sehr vorsichtig sein. Nicht berühren, sondern lieber den Fundort merken, sagt auch Stefanie Klooß. "Bei dem zweiten Fund ist uns dann noch mal die Relevanz bewusst geworden, darauf hinzuweisen, dass man auch solche Funde in situ bewahren sollte, also an ihrem Fundort. Dass es aber schon wichtig ist, die Fundpositionen zu kennen, um die Ereignisse der Entsorgung oder auch die Ereignisse, wo Schiffe gelegen haben, nachzuvollziehen."

"Die Geschichte der Enigma ist präzise erforscht"

Der Historiker Gerhard Paul sieht das Ganze eher als Medien-Ereignis. "Die Geschichte der Enigma ist präzise erforscht. Man weiß, wie sie gebaut wurde. Man weiß, wie sie funktioniert hat. Man weiß, wie viele es gegeben hat. Man weiß, wann sie entschlüsselt worden ist, also dass der 'Gegner' sehr frühzeitig schon diese komplizierte Maschinerie entschlüsselt hat. Ich kann mir nicht vorstellen, dass da irgendwelche Erkenntnisse daraus zu gewinnen sind."

Zudem, so Paul, sind zumindest die vor dem Krieg versenkten U-Boote größtenteils vor ihrer Versenkung leer geräumt worden. Schon dabei sei die eine oder andere – wesentlich besser erhaltene Enigma – beiseite geschafft worden.

"Man hat alles, was irgendwie brauchbar war, an Land geschafft: von dem Porzellan, von dem Besteck, von der Munition. Und ich vermute jetzt, es dürften sich noch sehr viel mehr Enigmas in den Scheunen und in den Kellern zwischen den kleinen Dörfern befinden als auf dem Grund der Förde beziehungsweise der Geltinger Bucht. Ich habe selbst eine vor Jahren gesehen. Die hat man aber nie systematisch gesucht. Man ist gar nicht auf die Idee gekommen, dass diese Dinger heute in Privathaushalten lagern und nicht in irgendwelchen Museen oder Ausstellungshallen."

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