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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 21.02.2010

Versalzene Studien

Von Udo Pollmer

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Salz und Pfeffer (Stock.XCHNG - Ronny Satzke)
Salz und Pfeffer (Stock.XCHNG - Ronny Satzke)

Es mehren sich Stimmen, die eine gesetzliche Begrenzung der Verwendung von Salz bei der Herstellung und Zubereitung von Lebensmitteln fordern. Einer aktuellen Studie zufolge könnten damit in den USA bis zu 24 Milliarden Dollar an Gesundheitsausgaben eingespart werden.

Ja, das leidige Salz. Nach Ansicht vieler Mediziner soll es den Blutdruck nach oben treiben, und das wiederum sei eine wichtige Ursache von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die neue Studie scheint all denen recht zu geben, denen unser Hunger nach Salz schon immer ein Dorn im Auge war. In den USA ließen sich, so die Studie, Hunderttausende von Herzerkrankungen und Schlaganfällen Jahr für Jahr vermeiden, wenn wir bereit wären nur drei Gramm Salz pro Tag weniger zu essen.

Na, denn prüfen wir mal die Studie, also die Zahl der Teilnehmer, die Länge der Beobachtungszeit, die Verfahren, mit denen Salzkonsum erhoben wurde – und wie die Krankheitsdiagnosen zustande kamen. Und nun liebe Gläubige in Sachen Salz, nun müssen Sie ganz stark sein, um nicht zur Salzsäule zu erstarren: Es gibt sie nämlich gar nicht, die fragliche Studie hatte gar keine Teilnehmer. Die Zahlen, die in dem altehrwürdigen Medizinerfachblatt "New England Journal of Medicine" veröffentlicht wurden, hat sich eine Epidemiologin ausgedacht und damit Beifallsstürme in den Medien wie in der medizinischen Fachwelt ausgelöst.

Zu diesem Zweck hat die Autorin und ihre Mitarbeiter einfach angenommen, dass die Verminderung der Salzzufuhr den Blutdruck um soundso viele Millimeter senken würde. Sie hat es nicht gemessen, sondern sich die passenden Meinungen zurechtgelegt. Nun hat sie aufgrund weiterer Spekulationen "errechnet", wie viele Schlaganfälle und Herzinfarkte dadurch nicht mehr stattfinden würden. Gemessen hat sie gar nix. Mittels weiterer Simulationen hat sie dann Behandlungskosten errechnet, die sich durch Salzverzicht einsparen ließen. Sie hätte genauso gut annehmen können, dass Kinder, die ihren Teller leer essen, für schönes Wetter sorgen. Daraus ließe sich dann der Verlust von Arbeitsplätzen in der Regenschirmindustrie ermitteln und daraus die sozialen Kosten leer gegessener Teller.

Gibt es denn keine realen Untersuchungen zur Klärung der Frage, ob Menschen länger leben, wenn sie weniger Salz essen? Doch die gibt es natürlich. Aber da kommt durch die Bank das Falsche raus. Die großen US-Studien mit insgesamt zigtausenden Teilnehmern haben gezeigt, dass die Menschen, die beim Salz sparen, eher ins Gras beißen als Salzliebhaber. Je mehr Salz ins Essen kam, desto höher die Lebenserwartung. Der Effekt war zwar nicht sehr ausgeprägt, ist aber kaum zu leugnen, da er kontinuierlich über Jahrzehnte in mehreren, großangelegten aufeinanderfolgenden Studien erhalten wurde -den sogenannten National Health and Nutrition Examination Surveys.

Das sind natürlich auch nur Korrelationsstudien, aber die haben wenigstens gemessen. Was für ein solides Urteil nötig wäre, wären Interventionsstudien: 10.000 Teilnehmer kriegen weniger Salz, während es sich eine Vergleichsgruppe von ebenfalls 10.000 schmecken lässt. Zehn Jahre später wertet man die Totenscheine aus. Aber solche Studien gibt es bisher nicht.

Immerhin kennen wir dank der Arbeiten von Professor Klaus Stumpe in Bonn und Professor Friedrich Luft in Berlin die Wirkung auf den Blutdruck: Senkt man die Salzzufuhr, ändert sich bei etwa Zweidrittel der Deutschen der Blutdruck überhaupt nicht. Beim restlichen Drittel reagiert die Hälfte auf Salzverzicht mit einer Senkung des Blutdrucks und bei der anderen Hälfte steigt er sogar noch an. Damit ist ein kollektiver Salzverzicht keine gute Idee – was nebenbei auf internationaler Ebene von der wissenschaftlichen Medizin, also der evidenzbasierten Medizin schon lange so gesehen wird.

Warum also wird der Salzverzicht allerorten propagiert? Vielleicht hilft uns die wichtigste Nebenwirkung weiter: Bei salzarmer Kost steigen die Blutfette, steigt das LDL-Cholesterin deutlich an. Und das bitteschön soll auf einmal dem Herzen gut tun? Schämt Euch was! Aber vielleicht geht es ja gar nicht um die Herzgesundheit. Keine Berufsgruppe würde Kampagnen unwidersprochen dulden, wenn sie damit um ihr Einkommen gebracht würde. Auch Mediziner sind nur Menschen! Mahlzeit!


Literatur:
-Bibbins-Domingo K; et al: Projected effect of dietary salt reductions on future cardiovascular disease. New England Journal of Medicine 2010 in Druck
-Alderman MH: Reducing dietary sodium. JAMA 2010; 303: 448-449
-Alderman MH et al: Dietary sodium intake and mortality: the National Health and Nutrition Examination Survey (NHANES I). Lancet 1998; 351: 781-785
-Cohen HW et al: Sodium intake and mortality in the NHANES II follow-up study. American Journal of Medicine 2006; 119: e7-14
-Cohen HW et al: Sodium intake and mortality follow-up in the third National Health and Nutrition Examination Survey (NHANES III). Journal of General Internal Medicine 2008; 23: 1297-1302
-Hooper L et al: Advice to reduce dietary salt for prevention of cardiovascular disease. Cochrane Database Systematic Reviews 2004 (1) CD003656
-Jürgens G, Graudal NA: Effects of low sodium diet versus high sogium diet on blood pressure, renin, aldosterone, catecholamines, cholesterols, and triglyceride. Cochrane Database Systematic Reviews 2004 (1) CD004022
-Ruppert M et al: Short-term dietary sodium restriction increases serum lipids and insulin in salt-sensitive and salt-resistant normotensive adults. Klinische Wochenschrift 1991; 69: Suppl 25: 51-57
-Luft FC, Weinberger MH: Heterogeneous responses to changes in dietary salt intake: the salt-sensitivity paradigm. American Journal of Clinical Nutrition 1997; 65, Suppl: S.612S-617S
-Perez-Granados AM et al: Reduction in cardiovascular risk by sodium-bicarbonated mineral water in moderately hypercholsterolemic young adults. Journal of Nutritional Biochemistry 2010 in Druck

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