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Tonart | Beitrag vom 19.10.2015

Verrückt nach dem CelloDie Wiederentdeckung des Oscar Pettiford

Von Jan Tengeler

Ein Violincello (Deutschlandradio / Bettina Straub)
Das Cello bleibt im Jazz eine Ausnahme. (Deutschlandradio / Bettina Straub)

Das Cello spielt im Jazz nur eine Außenseiterrolle. Dass es sich überhaupt etablieren konnte, ist Oscar Pettiford zu verdanken. Der Erfinder des "New Sound" war verrückt nach dem Cello. Jetzt lassen sich seine Kompositionen auf zwei neuen Alben wiederentdecken.

"We get the message" – wir bekommen die Botschaft. So heißt die historische Aufnahme mit dem Oscar Pettiford Quintet, die 1958 beim Norddeutschen Rundfunk in Hamburg entstanden ist. Das Spiel und die Kompositionen von Oscar Pettiford sind geprägt von den Errungenschaften des Modern Jazz, die er an entscheidenden Stellen selber mitgeprägt hat: zum einen als Bassist im Orchester von Duke Ellington, zum anderen als Mitglied der ersten Bebopgruppe überhaupt im New York der späten 1940er-Jahre gemeinsam mit dem Trompeter Dizzy Gillespie.

Pettiford war ein gefragter Sessionmusiker, der mit vielen namhaften Kollegen im Studio arbeitete. Er trat als Bandleader und Komponist in Erscheinung, vor allem aber wurde er als Klangerneuerer wahrgenommen, der dem Jazzidiom eine neue Farbe hinzufügte, als er begann, das Cello für sich zu entdecken. Erik Friedlander, selber Cellist, beschreibt die Hintergründe:

"Für das Cello im Jazz ist Pettiford von enormer Bedeutung: Er hatte sich, als er mit der Woody Herman Band auf Tour war und Softball spielte, den Arm gebrochen. Während seiner Genesungszeit bekam er ein Cello geschenkt, er stimmte es wie einen Bass, nur eine Oktave höher und verliebte sich in das Instrument. Fortan nutzte er es, so oft es ging, auch als sein Arm wieder in Ordnung war. Er komponierte sogar extra fürs Cello."

"Es gibt in der Geschichte des Jazz so viele Saxofonisten und Gitarristen, man kann sich aussuchen, was einem am besten gefällt. Aber dass das Cello im Mittelpunkt steht, gibt es nicht so oft. Pettiford ist da eine der wenigen Ausnahmen Er war verrückt auf dieses Instrument, er hat sogar seinen Sohn auf den Namen Cello getauft. Von einem klassischen Cellisten hatte er allerdings nicht viel, er hat auch nur selten den Bogen benutzt, er war einfach ein großartiger Jazzmusiker und Komponist."

Gleich mit zwei Projekten erinnert der in New York lebende Cellist Erik Friedlander an sein Vorbild, an Oscar Pettiford. Das "Broken Arm" Trio, das seit 2007 besteht, nimmt auf humoristische Weise schon im Titel Bezug auf den berühmten Bassisten der Bebop Ära. Die Musik sei von Pettiford inspiriert, erklärt Friedlander, der hier konsequenterweise sein Cello zupft und nicht streicht.

Neuinterpretationen bekannter Stücke

Jetzt hat Erik Friedlander abermals seinem Vorbild Oscar Pettiford Tribut gezollt: mit der Einspielung "Oscalypso". Anders als mit dem Broken Arm Trio, stehen hier tatsächlich die Kompositionen von Pettiford im Mittelpunkt. Mit den Neuinterpretationen von so bekannten Stücken wie "Bohemia after dark" zollt Friedlander nicht nur dem bereits 1960 verstorbenen Ausnahmemusiker, sondern einer ganzen Jazz Ära Tribut. Als Pettiford das Cello in den Jazz einführte, wurde das als besonderes Ereignis in der Geschichte des Jazz wahrgenommen, auch in Deutschland. Der "Spiegel" etwa schrieb 1951:

"Oscar Pettiford spielt sein Cello nicht so, wie man es normalerweise spielt. Er spielt es 'pizzikato'. Er streicht nicht, sondern er zupft. So wie er noch vor kurzem seinen Bass gezupft hat. Das Cello soll nicht den Bass ersetzen. Deshalb verwendet er in seinem Ensemble Cello und Bass zusammen. Der Kontrast zwischen dem gezupften Bass und dem gleichermaßen gezupften Cello ist wieder einmal das, was man seit Jahren in der Jazzmusik sucht: ein 'new sound', ein neuer Klang."

Die Einführung des Cello in die Jazzmusik ist in den 50er-Jahren als 'New Sound' gefeiert worden und immer wieder haben sich bekannte Bassisten wie Charles Mingus, Ron Carter, Dave Holland oder heutzutage der Schwede Lars Daniellson mit dem Instrument befasst. Auf der anderen Seite gibt es einige Cellisten, die sich, aus der Klassik kommend, mit Jazz und Improvisation befassen. Neben Friedlander sind das unter anderem Hank Roberts, Vincent Courtois oder Ernst Reisijger.

Gleichwohl bleibt das Cello im Jazz eine Ausnahme, den Rang anderer Instrumente wie Saxofon oder Gitarre wird es wohl nie erlangen. In Bezug auf Oscar Pettiford lässt sich aber immerhin festhalten, dass er es mit Hilfe des Cellos geschafft hat, dem Kontrabass mehr melodisches Gewicht im Jazz zu verleihen. Nicht zuletzt deshalb lohnt es sich, diesen besonderen Musiker und seine legendären Aufnahmen wieder einmal nachzuhören.

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"In A Cello Mood"
(Deutschlandfunk, Jazz im DLF, 30.09.2011)

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