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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 10.05.2011

Verrinnende und angehaltene Zeit

Bruno Schulz: "Das Sanatorium zur Sanduhr", Carl Hanser Verlag, 366 Seiten, 24,90 Euro

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Der Sand einer Stundenuhr rinnt vor einer antiken Uhr durch das Glas. (picture alliance / dpa)
Der Sand einer Stundenuhr rinnt vor einer antiken Uhr durch das Glas. (picture alliance / dpa)

Nach "Zimtläden" ist nun ein weiterer Erzählzyklus von Bruno Schulz in einer Neuübersetzung ins Deutsche erschienen. Er handelt größtenteils vom Untergang des jüdischen Tuchhändlers Jakub, der dem Vater des Autors nachempfunden ist. Jakub wird aus der Sicht eines Kindes geschildert.

Der Weltuntergang steht unmittelbar bevor. Viele Bewohner der kleinen Stadt sind jedenfalls davon überzeugt, einige sogar begeistert. Denn nur wenn das Alte verschwindet, kann - so glauben sie - eine neue, bessere Ordnung entstehen. Die Zerstörung der alten Welt soll ein Komet besorgen, der direkt auf die Erde zurast. Der Vater des Erzählers beobachtet ihn mit einem Fernglas durch den Ofenschacht seines Hauses. Doch dann verlässt der Komet vollkommen unerwartet seine Bahn. Er hat seinen Plan aufgegeben, weil er sich, wie uns der Erzähler erklärt, im Wettrennen mit einem anderen Himmelskörper, der "Mode der Saison", befand und von diesem Konkurrenten auf den letzten Millimetern überholt worden war.

"Der Komet" ist eine Geschichte des polnisch-jüdischen Avantgardekünstlers Bruno Schulz, dieses großen Skeptikers unter den Autoren der europäischen Moderne. Siebzehn Erzählungen hat der Hanser Verlag im zweiten Band seiner von Doreen Daume neu übersetzten und gründlich kommentierten Bruno-Schulz-Ausgabe versammelt. In fast allen mythologisiert Schulz, der 1892 im habsburgischen Drohobytsch geboren wurde, zwischen den Weltkriegen als Zeichenlehrer am Gymnasium tätig war und 1942 der Kugel eines deutschen SS-Manns zum Opfer fiel, seine Kindheit. Der Autor liefert fantastische Bilder aus einer Epoche, die im Ersten Weltkrieg unterging.

Im Mittelpunkt steht die Figur des weltfremden, zunehmend geistig verwirrten Vaters. Der provinzielle Alltag in der ostgalizischen Stadt wird zum Weltdrama. Bruno Schulz stellt die Drohobytscher Welt in einer skurrilen, nicht selten barock ausufernden Sprache dar, die voller biblischer Bezüge und philosophischer Anspielungen steckt. So auch die Titel-Erzählung "Das Sanatorium zur Sanduhr". Hier ist der Vater eigentlich schon gestorben, doch auf einem "Nebengleis der Zeit" kann ihn der Sohn noch erreichen. Die Ärzte des Sanatoriums sind imstande, die Vergangenheit ihrer Patienten zu reaktivieren, sie sogar ins Leben zurückzuholen.

In der ersten deutschsprachigen Bruno-Schulz-Ausgabe, die vor fünfzig Jahren in der Übersetzung von Joseph Hahn erschien, hieß diese Geschichte nicht "Das Sanatorium zur Sanduhr", sondern "Das Sanatorium zur Todesanzeige". Die Übersetzerin des nun vorliegenden Buches hat sich im Titel für die eher passende, in der Bedeutung angemessen schillernde "Sanduhr" entschieden. Wie bereits bei den "Zimtläden", die 2008 als erster Band der Hanser-Ausgabe erschienen, hat Doreen Daume auch hier viele von Joseph Hahn künstlich errichtete Hürden für das Verständnis von Bruno Schulz beseitigt. Sie hat die Schulz' sche Prosa nicht nur enträtselt, sondern ihr die im polnischen Original unverkennbare Musikalität zurückgegeben.

Besprochen von Martin Sander

Bruno Schulz: Das Sanatorium zur Sanduhr
Aus dem Polnischen von Doreen Daume
Carl Hanser Verlag
366 Seiten, 24,90 Euro

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