Seit 06:00 Uhr Nachrichten
Sonntag, 20.06.2021
 
Seit 06:00 Uhr Nachrichten

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 23.06.2015

"Verraten" von Ha JinThriller mit Spannungsproblem

Von Katharina Borchardt

Eine Frau schaut durch ein Schlüsselloch. (picture alliance / dpa)
Spionage: Kann offenbar auch langweilig sein (picture alliance / dpa)

Der Protagonist im neuen Roman des chinesisch-amerikanischen Schriftstellers Ha Jin ist ein Spion. Echte Spannung kommt deswegen aber leider nicht auf. Stattdessen erfährt der Leser viel über chinesische Geschichte.

Er soll einer der wichtigsten Spione gewesen sein, die die Volksrepublik China je in die CIA eingeschleust hat. Gary Shang ist der Name dieses fiktiven Spions, den der Autor Ha Jin in seinem neuen Roman "Verraten" bereits im Jahr 1949 für die CIA als Übersetzer tätig werden lässt.

Thriller-Qualitäten entwickelt der Roman dabei leider nicht, behauptet der Autor doch lediglich, dass Gary mit den Jahren immer brisantere Dokumente zu Gesicht bekommt, vor allem seit er die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen hat. Ha Jin setzt Garys Entdeckungen weder in Szene noch nutzt er sie für den Spannungsaufbau. Er lässt ihn die Texte nur abfotografieren und seinem Verbindungsoffizier in Hongkong übermitteln.

Beherrschend für den Roman ist die Sehnsucht des Spions

Beherrschend ist stattdessen Garys Sehnsucht nach seiner Heimat und seiner Familie, die er in China zurücklassen musste. Sein Pflichtbewusstsein aber wiegt schwerer als jeder private Wunsch. Schließlich heiratet er eine Amerikanerin und gründet eine neue Familie. Sein Heimweh weiß er zu verbergen, und so zeichnet Ha Jin seinen Protagonisten als zutiefst zerrissenen und größeren politischen Mächten ausgelieferten Menschen.

Hier mag sich der Autor selbst ein wenig in Gary gesehen haben. Ha Jin kam in den 1980er Jahren zum Studieren in die USA und kehrte nach dem Massaker am Platz des Himmlischen Friedens nicht mehr nach China zurück. Inzwischen ist er amerikanischer Staatsbürger und schreibt seine Romane, für die er etliche renommierte Preise erhielt, auf Englisch.

Sein Heimatland spielt in seinen Romanen jedoch stets eine große Rolle. Meist spielen sie in kritischen Momenten der jüngeren chinesischen Geschichte.

Der Roman bietet viel Historisches - zu viel

Auch in "Verraten" fährt Ha Jin wieder viel Historisches auf – dieses Mal jedoch leider zu viel. Seine seitenlangen Referate zur chinesischen Zeitgeschichte begründet der Autor erzähltechnisch damit, dass Garys amerikanische Tochter Lilian Historikerin ist. Sie lehrt "Geschichte Asiens" an der Universität und geht für ein Gastsemester nach Peking.

Dort nutzt sie die Gelegenheit, um Nachforschungen über ihren Vater anzustellen, der 1980 enttarnt wurde, und um mit dessen erster Familie Kontakt aufzunehmen. Ihre aus der Ich-Perspektive erzählten Erfahrungen in China und die von einem allwissenden Erzähler – womöglich soll dies Lilian selbst sein – vermittelte Lebensgeschichte ihres Vaters wechseln sich auf uninspirierte Weise ab. Denn sowohl Lilian als auch Gary bleiben kaum individuell gestaltete Figuren, die sich völlig vorhersehbar durch das historische Tableau der allseits bekannten jüngeren chinesischen Geschichte bewegen.

Irgendwann tritt auch noch Garys Enkel Ben auf, der sich ebenfalls als Spion in den USA versucht. Fühlte sich sein Großvater noch ganz und gar seinem Land verpflichtet, fordert Ben für sich persönliche Freiheit ein, die sich allerdings bloß in einem biedermeierlich anmutenden Bekenntnis zur Kleinfamilie ausdrückt.

Susanne Hornfeck hat den Roman versiert übersetzt. Ihre sprachlich gewandte deutsche Fassung kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Geschichte ein handfestes Spannungsproblem hat.

Ha Jin: "Verraten"
Arche-Verlag, Hamburg/Zürich 2015
368 Seiten, 22,99 Euro

Mehr zum Thema:

Der Wahnsinn eines Massakers
(Deutschlandradio Kultur, Buchkritik, 13.12.2012)

Lagerkampf der Ideologien
(Deutschlandradio Kultur, Buchkritik, 31.10.2005)

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Buchkritik

Jan Haft: "Heimat Natur"Die Geheimnisse des Engelsrotz
Cover des Buches "Heimat Natur: Eine Entdeckungsreise durch unsere schönsten Lebensräume von den Alpen bis zur See" von Jan Haft. (Deutschlandradio / Penguin Verlag)

Jan Haft gehört zu Deutschlands besten Naturdokumentaristen. Mehrfach hat der Biologe bereits die Natur in faszinierenden Nahaufnahmen auf die Leinwand gebracht. Sein Buch „Heimat Natur“ zum gleichnamigen Film ist ein Plädoyer für den genauen Blick.Mehr

weitere Beiträge

Literatur

Die Literaturkritik in der KritikWer bespricht wen?
Eine schwarze Brille liegt auf einem Stapel aufgeschlagener Bücher. (Unsplash / Tamara Gak)

Literaturkritik gibt es im Feuilleton und im Netz. Grün sind sich ihre Exponenten nicht immer. „Elektronisches Stammtischgeschnatter“ nannte Sigrid Löffler die Konkurrenz, die sich als moderner und aufgeschlossener begreift. Eine Debatte.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur