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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 24.01.2006

Verlust mit Gewinn

"Das Opfer" von Ingeborg Clarus

Rezensiert von Susanne Mack

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Das Schaf ist in vielen Kulturen ein Opfertier. (dradio.de)
Das Schaf ist in vielen Kulturen ein Opfertier. (dradio.de)

Welche Bedeutung können Opfer im Leben des modernen Menschen haben? Dieser Frage geht Ingeborg Clarus in "Das Opfer. Archaische Riten modern gedeutet" nach. Die 2003 verstorbene Autorin kommt zu dem Schluss, dass ein bewusster Verzicht durchaus einen Gewinn für den Opfernden bedeuten kann.

Opfer - Das Wort hören wir nicht gern. Es klingt nach Schmerz, Verzicht und Verlust. Wir denken spontan an Verkehrsunfall oder Erdbeben, oder daran, dass wir jetzt "Opfer bringen" sollen, um den Sozialstaat zu retten. Aber wir wollen keine Opfer bringen, jedenfalls nicht freiwillig. Im Gegenteil: Wir wollen mehr haben: mehr Liebe, mehr Geld, mehr Sicherheit, mehr Freiheit.

Ist das klug? - Das ist fraglich. Ingeborg Clarus wirft einen Blick in die Geschichte und erzählt von Opfer-Riten aus alter Zeit: bei den Kelten, den Germanen, den Griechen, den Römern, den Juden. Danach stellt sie Überlegungen an über den Sinn des Opfers im Christentum und fragt sich schließlich: Welche Bedeutung könnten Opfer im Leben des modernen Menschen haben - egal ob er religiös geprägt ist oder nicht?

In den archaischen und den antiken Kulturen wurde regelmäßig geopfert, um Geister oder Götter günstig zu stimmen. Beim Opfer geht es um einen Tauschhandel. Der Mensch gibt etwas hin (einen anderen Menschen, ein Tier, einen Teil seiner Ernte). Er leistet Verzicht auf etwas und lässt sich dafür belohnen: Der Opferstier ist der Preis, mit dem man göttliches Wohlwollen erkauft.

Die Juden sind die ersten, die diese Praxis in Zweifel ziehen. In der hebräischen Bibel gibt es in Sachen "Opfer" ein geteiltes Echo. Beim Propheten Hesekiel finden wir detaillierte Anweisungen, wann die Fürsten Israels dem Gott Jahwe welche Opfer zu bringen haben. Beim Propheten Hosea dagegen lässt Jahwe seinem Volk vermelden: "Ich habe Lust an der Liebe - und nicht am Opfer!", und auch beim König Salomo heißt es: "Wohl und recht tun ist dem Herrn lieber denn Opfer", und Abraham, der Stammvater der Israeliten, hatte ja auch schon festgestellt, dass Gott sein Opfer nicht haben wollte. Und dennoch: Bis zur Zerstörung des Tempels in Jerusalem finden dort regelmäßig blutige Opferrituale statt.

Der Jude Jesus Christus steht in der Tradition von Hosea und Salomo , das heißt, er lehnt Opfer-Schlachtungen ab. "Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer", heißt es im Matthäus-Evangelium. Aber wenn man genauer hinsieht, wird klar: Christus fordert vom Menschen ein anderes Opfer, er will kein äußerliches, kein "Stellvertreter-Opfer". Der Mensch soll selbst ein Opfer bringen: Er soll verzichten auf seine verblendete, egozentrische Lebensweise. Die Gnade und die Liebe Gottes ist nicht zum Nulltarif zu haben, sie setzt voraus, dass man die göttlichen Gebote als Leitsterne seines Lebens wählt: dass man verzichtet aufs Stehlen, Lügen, Hassen, Töten und sich stattdessen um Liebe und Frieden bemüht.

Am Ende des Buches fragt sich die Autorin: Gibt es einen allgemeinen Sinn des Opfers? Ingeborg Clarus meint, Christus habe den Sinn des Opfers in einer Weise gedeutet, wie er dem modernen Menschen angemessen ist, ob der nun an Gott glaubt oder nicht. Ein Opfer ist dann als sinnvoll zu betrachten, wenn es die Wandlung (die Läuterung, die seelische Gesundung) des Opfernden bewirkt. Wer seelisch gesunden, sich verwandeln, sich erneuern will, der muss immer auch opfern: einen Standpunkt vielleicht oder eine schal gewordene Beziehung oder eine alte Gewohnheit, die sich mittlerweile als schädlich erweist. Opfern, Verzichten, Sein-Lassen - das ist immer eine harte, schmerzliche Sache. Aber es gibt auch die andere Seite der Medaille, den Lohn: die neue Erfahrung, den neuen Horizont, manchmal ein ganz neues Leben.

Das Buch ist mit "Herzblut" geschrieben. Der Stil ist manchmal etwas manieriert, das Werk hätte einen sorgfältigen Lektor gebraucht. Dennoch: eine überzeugende Darstellung der Allianzen von Leiden und Läuterung. Die Autorin besteht darauf: Es gibt ihn tatsächlich, den "Verlust mit Gewinn" – und vielleicht sogar ist jeder echte Gewinn die Frucht eines bewussten Verzichts.

Ingeborg Clarus war Dozentin am C.G. Jung-Institut und Lehranalytikerin für Tiefenpsychologie. Sie hat eine Reihe von Büchern und Aufsätzen verfasst über Themen, die Psychologen und Religionswissenschaftler gleichermaßen interessieren. Sie starb 2003.

Ingeborg Clarus: Das Opfer. Archaische Riten modern gedeutet
Patmos Verlag, Düsseldorf 2005
200 Seiten
9,95 Euro

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