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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 24.11.2017

Verlust der Stabilität?Das Ende der Behaglichkeit

Von Christian Schüle

Wahlplakte zur Bundestagswahl 2017 (imago/Future Image/Christoph Hardt)
Martin Schulz Wahlplakat der SPD, Christian Lindner Wahlplakat der FDP und Angela Merkel Wahlplakat der CDU zur Bundestagswahl 2017 in Krefeld. (imago/Future Image/Christoph Hardt)

Nach dem Absaufen von Deutsch-Jamaika erheben sich auch hierzulande die großen Götzen: Zorn, Schuld, Verrat. Und plötzlich erkennen wir, dass die Langeweile zuvor höchst wohltuend war, meint der Publizist Christian Schüle.

Und wieder verrät eine Nacht unsere Träume. Nächte haben es neuerdings in sich, als griffe eine monströse Macht ins Räderwerk ein, verdrehte die Stellschrauben und tilgte die Paragrafen unseres Weltwahrnehmungsvertrags. Nun hat auch Deutschland sein Rendezvous mit der Realität, und es gilt, ein neues Phänomen zu begreifen, das die Weltgeschichte seit kurzer Zeit hervorbringt: die Bewusstseinsdämmerung.

Erst Brexit, dann Trump, jetzt das Absaufen von Deutsch-Jamaika, und schon erheben sich auch hierzulande die großen Götzen: Zorn, Schuld, Verrat. Wir haben uns jetzt einzugestehen, dass Zukunft eben nicht vorhersagbar ist. Wir haben zu lernen, dass Demoskopen die Scharlatane der Spätmoderne sind. Wir haben hinzunehmen, dass die absolute, alle Widersprüche aufhebende Vernunft als Göttin auf Erden peu à peu unter die Räder kommt.

Konsens-Sehnsucht ist schmerzhaft gestört

Quasi über Nacht tritt ein, was Bundespräsident Roman Herzog vor zehn Jahren anmahnte: Ein Ruck geht durch Deutschland. Natürlich ein ganz anderer. Der Ruck heute ist, wirtschaftsdeutsch gesprochen, disruptiv. Ein Realitäts-Hub, der alles bisher Bewährte aus den Angeln hebt – was unsere traumverlorene Konsens-Sehnsucht schmerzhaft stört und die Gleichgewichte ungleich-gewichtig macht.

Rumms! Jetzt sind wir nahe an dem, was unsere Deutschlandkritiker seit langem fordern: Endlich ist die Langeweile der Komfortzonenprüderie vorbei. Klare Kanten, Unterschiede, Alternativen. Wurde nicht dringend Revolte gewünscht? Der polierte Vorwurf, alles sei – als Standard-Produkt einer großkoalitionären Themen-Vereinnahmungsmaschinerie – nährstoffloser Einheitsbrei, läuft ja jetzt ins Leere. Nun dämmert vielmehr, dass die lange Zeit für garantiert gehaltene Stabilität unserer so überaus aufgeräumten Republik verloren gehen und der Grat zwischen Prosperität und Abgrund denkbar schmal werden könnte. Und über allem schwebt – als weißer Elefant im Raum – die AfD, deren in den Salon-Sessel zurückgelehnte Dramaturgen ja nur zuzuschauen brauchen, wie alle Anderen das Vertrauen in den guten Gang der Dinge verlieren.

Der Herbst der Patriarchen

Wie behaglich es vor Kurzem doch noch war, als uns die Spießertums-Verächter aus ihren warmen Stuben den kulturellen Biedermeier vorhielten. Als man Politik und Gesellschaft dafür tadelte, im Schlaflabor zu dösen, im Wohlstand zu verdämmern und nicht einmal vor der Wahl einen Kampf zu inszenieren. Jetzt aber tobt der Herbst einiger Patriarchen, draußen stürmt es, die Ära der Schaumschläger und Schlammschmeißer scheint angebrochen. Die einen schwafeln von Staatskrise, die anderen von kommenden Bürgerkriegen, und im noch absolutistischen Bayern vollzieht sich das quasi-antike Laienschauspiel eines Königsmords ganz ohne ödipale Komponente. 

Rumms! Wir aber loben unverdrossen die Langeweile und verklären durchaus nostalgisch die Protestantisierung der Politik, den Problemlösungs-Pragmatismus und die Diskretions-Diplomatie, die bei all den notorischen Lügnern, Autokraten und Propagandisten dieser gerade wahnsinnigen Welt höchst wohltuend war. Aufsehenvermeidende Sachlichkeit, ausgeglichene Haushalte und verantwortungsethische Reflexion mögen aufmerksamkeitsökonomisch betrachtet fade sein. Rebellische Wut aber, die Plötzlichkeit von Anarchie, Punk, Rock 'n' Roll und Revolution stehen uns nicht, das können andere besser. 

Rumms! Über Nacht verlangt die Evolution etwas Neues von uns: Man muss jetzt würdevoll scheitern lernen. Dafür ist bei allem gebotenen Ernst eine neue Tugend nötig: Gelassenheit. 

Der Autor Christian Schüle. (imago / Sven Simon)Der Autor Christian Schüle. (imago / Sven Simon)Christian Schüle, 46, hat in München und Wien Philosophie, Soziologie und Politische Wissenschaft studiert, war Redakteur der ZEIT und lebt als freier Essayist, Schriftsteller und Publizist in Hamburg. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht, darunter den Roman "Das Ende unserer Tage" (Klett-Cotta) und zuletzt die Essays "Heimat. Ein Phantomschmerz" (Droemer) sowie "Wir haben die Zeit. Denkanstöße für ein gutes Leben" (edition Körber-Stiftung). Seit 2015 ist er Lehrbeauftragter im Bereich Kulturwissenschaft an der Universität der Künste in Berlin.

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