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Im Gespräch | Beitrag vom 17.10.2019

Verleger Halldór Gudmundsson"Isländisch ist das Latein des Nordens"

Moderation: Susanne Führer

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Halldór Gudmundsson bei Deutschlandfunk auf der Frankfurter Buchmesse. (Deutschlandradio/ David Kohlruss)
Halldór Gudmundsson mit Susanne Führer auf der Frankfurter Buchmesse. (Deutschlandradio/ David Kohlruss)

Den Auftritt des Gastlands Norwegen bei der Frankfurter Buchmesse managt ein Isländer: Halldór Gudmundsson. Kein Problem für den Verleger, denn er ist in allen skandinavischen Sprachen und Literaturen zuhause.

Norwegens Literatur deutschen Verlegern bekannter machen - das sieht Halldór Gudmundsson als seine Hauptaufgabe auf der Frankfurter Buchmesse, "damit sie wirklich einen Bezug zur norwegischen Literatur bekommen". Die ist hierzulande zwar keine unbekannte, aber "wir müssen natürlich neue Stimmen hinzubekommen". Mit Erfolg: In diesem Jahr werden Werke von 80 norwegischen Autoren ins Deutsche übersetzt, die man bisher hier noch nicht lesen konnte.

Halldór Gudmundsson ist ein alter Hase, 2011 hat er den vielbeachteten Auftritt seines Heimatslands Island auf der Frankfurter Buchmesse organisiert. Damals keine leichte Aufgabe, denn Island laborierte noch an den Nachwehen der Finanzkrise, bei der das Bankenwesen der Nordatlantik-Insel vollkommen zusammengebrochen war. Was dazu führte, dass er vor der Reise nach Frankfurt "Euros auf dem schwarzen Markt kaufen musste, um überhaupt das Hotel zu bezahlen".

"Kanarienvögel" in der Mine des Finanzkapitalismus

Über den finanziellen Crash Islands 2008 hat Halldór Gudmundsson ein Buch geschrieben, er ist nicht nur Verleger, sondern auch Autor. "Wir waren die Kanarienvögel in der Mine", sagt er über seine Landsleute in der Zeit der großen Finanzspekulationen nach der Jahrtausendwende. Wie die Vögel, deren Tod früher in Bergwerken vor Grubengasen warnte, waren Islands Banken die ersten, die zusammenkrachten, als die Spekulationsblase platzte. Gudmundsson beschreibt in seinem Buch, wie Menschen über Nacht alles verlieren und trotzdem den Mut finden, neu anzufangen.

Seinen aktuellen Job, norwegische Literatur zu promoten, übt Halldór Gudmundsson in einem wesentlich angenehmeren Umfeld aus. Seine isländische Herkunft ist dabei kein Problem, weder sprachlich noch kulturell. Vom Isländischen, dem "Latein des Nordens", komme man leicht in die anderen skandinavischen Sprachen. Und die Literatur war schon im 19. Jahrhundert identitätsstiftend für die Völker Skandinaviens, sagt Gudmundsson: "Wieso bin ich Norweger oder wieso bin ich Isländer? Da geht es sehr viel über die Literatur." Wobei er einräumen muss, dass die Norweger noch lesebegeisterter sind als die Isländer. 15,5 Bücher lese der Durchschnittsnorweger im Jahr: "Stellen Sie sich vor, wenn einige von denen von Knausgård sind, dann sind wir schon bei 20.000 Seiten!"

Kulturschock in Reykjavik

Er selbst kam über Karl May zum Lesen. Denn einen Teil seiner Kindheit hat Halldór Gudmundsson im Bonn der frühen 1960er-Jahre verlebt, wo sein Vater Medizin studierte. Als er mit 13 Jahren nach Reykjavik zurückkehrte, musste er einiges hinter sich lassen, was er in deutschen Schulen gelernt hatte: "Ich stand ja immer auf, wenn die Lehrer mich ansprachen. Das fanden die Isländer unglaublich lustig. Und ich habe sie auch gesiezt, was man in Island nie tut."

Offenbar keine schlechte Grundlage für jemanden, der internationale Kulturvermittlung zu seiner Lebensaufgabe gemacht hat.

(pag)

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