Donnerstag, 12.12.2019
 

Politisches Feuilleton | Beitrag vom 31.07.2019

VerkehrspolitikVergesst die ländlichen Regionen nicht!

Ein Plädoyer von Don Dahlmann

Beitrag hören Podcast abonnieren
Eine leere Bushaltestelle bei Walkendorf in Mecklenburg-Vorpommern. Im Vordergrund eine schmale asphaltierte Strasse, im Hintergrund ein Kornfeld. (picture alliance /dpa / Arno Burgi)
Vielleicht mal der Schulbus, aber sonst? Auf dem Land ist die Anbindung an den ÖPNV oft nur sehr schwach. (picture alliance /dpa / Arno Burgi)

Wenn über die Verkehrswende nachgedacht wird, haben die meisten nur die Metropolen im Blick. Und was ist mit der Provinz, fragt der Journalist und Mobilitätsblogger Don Dahlmann. Denn die drohe den Anschluss an die Zukunft zu verlieren.

Fahrverbote, City-Maut oder gleich ganz den Autoverkehr verbieten? Die Liste der Ideen, die verhandelt werden, ist sehr lang und kreativ. Aber sie beziehen sich fast ausschließlich auf die Metropolen. Das gilt auch für Deutschland. Doch dabei wohnt die Mehrheit der Bevölkerung hier nicht mal in der Stadt. 
Laut statistischem Bundesamt leben rund 30 Millionen Menschen in dicht besiedelten Gegenden und Großstädten wie Hamburg oder Frankfurt. Die anderen rund 50 Millionen Deutschen leben dagegen auf dem Land, in mittelgroßen oder Kleinstädten. Und dort ist man von einer Verkehrswende noch weit entfernt.

Es fehlt an Angeboten und Konzepten

Schon wenige Kilometer außerhalb Berlins steht man sich in den windschiefen Wartehäuschen des Nahverkehrs die Beine in den Bauch und die S-Bahn fährt nur alle 20 bis 30 Minuten. Carsharing? Günstiges Ridesharing? Ein Verleiher für E-Fahrräder? Da kann man lange suchen. Auf dem Land fehlt es nicht nur an konkreten Angeboten, sondern auch an Plänen für die Zukunft, wie die dort lebenden Menschen in die modernen Formen der Mobilität eingebunden werden können.

Nehmen wir mal an, Familie Müller lebt 40 Kilometer außerhalb einer Metropole und würde gern komplett auf das Auto verzichten. Für die Kinder mag es morgens noch einen Bus geben, der sie irgendwo in der Nähe abholt und zur Schule bringt. Die beiden Eltern müssen sich dagegen auf das Fahrrad schwingen, um dann einige Kilometer zur nächsten Bahnstation fahren, um ihre Arbeitsstellen erreichen zu können. Das ist im Sommer vielleicht okay, im Winter dürfte die Sache anders aussehen. Und Oma Müller, die ihre täglichen Einkäufe erledigen möchte, muss hoffen, dass der Landbus pünktlich ist und sie nicht im Regen stehen muss.

Für Stadtbewohner ist das Leben ohne Auto heute schon recht einfach. Morgens steigt man auf, oder auf sein E-Bike, am Abend nutzt man ein Carsharing Auto um sich mit Freunden zu treffen und zurück geht es entweder mit einem Ridesharing Anbieter wie Clever Shuttle oder mit dem ÖPNV, der in Städten wie Berlin rund um die Uhr unterwegs ist. Tagesausflüge und Kurzurlaube im Umland lassen sich mit Mietwagen erledigen. 

Auf dem Land wird das Auto gebraucht

Dass man die Autos aus den Städten haben möchte, macht Sinn. Es reduziert die Staus und die Emissionen , fördert somit die Gesundheit der Menschen und erhöht die Lebensqualität. Auf dem Land wird man aber weiterhin auf das Auto angewiesen sein. Landbewohner müssen täglich lange Pendelstrecken zurücklegen und wenn es dann weder einen vernünftigen ÖPNV noch andere Angebote gibt, bleibt diesen Menschen gar nichts anderes übrig, als auf ein eigenes Auto zu setzen.

Und weil diese langen Strecken zurückgelegt werden müssen, werden sie auch weiterhin zu einem Fahrzeug mit Verbrennungsmotor greifen. Die Elektromobilität steckt gerade auf dem Land noch in den Kinderschuhen. Zum einen fehlt es generell an günstigen Elektroautos auf dem Markt, zum anderen konzentrieren sich Hersteller und Stromlieferanten beim Ausbau der Ladestationen auf die Metropolen und die Autobahnen. Der Austausch der Verbrenner auf dem Land wird nicht vorankommen, solange es keine Elektrofahrzeuge gibt, die über eine gute Reichweite verfügen.

Mobilität in Stadt und Land verbinden

Trotzdem haben Großstädte wie Amsterdam oder Paris schon Pläne zur Verbannung von Autos mit Verbrennungsmotor aus den Innenstädten vorgelegt. Wer das vorhat, sollte sich vorher überlegen, wie man den Menschen vom Land den Zugang zu den Metropolen verschafft. Sonst stehen die auch noch in 20 Jahren frierend an den Wartehäuschen.
Es reicht also nicht zu sagen, dass man in den dicht besiedelten Gebieten einfach das Auto abschafft und demnächst alle in autonomen Pods durch die Gegend stromern sollen. Es müssen Konzepte her, wie man beide Formen der Mobilität miteinander verbinden kann.
Dazu braucht es neben den E-Autos auch einen weiteren Ausbau der Bahn, sowie kommunale Carsharing Angebote. Auf der anderen Seite müssen Metropolen Knotenpunkte schaffen, an denen man Fahrzeuge abstellen kann, um dann mit anderen Transportmitteln in die Stadt zu kommen. Nur so verliert das Land nicht den Anschluss an die Stadt und an die Zukunft.

Porträtaufnahme des Journalisten und Bloggers Don Dahlmann. (privat)Don Dahlmann (privat)Don Dahlmann ist Journalist, Autor und Berater in den Bereichen Future of Mobility, Autonomes Fahren, Smart Cities, IoT und AI.
Mehr zum Thema

Internet-Entwicklungsland Brandenburg - Große Löcher in der digitalen Versorgung
(Deutschlandfunk Kultur, Länderreport, 18.06.2019)

Mobilitätsexperte über Luftverschmutzung - Fahrverbotszonen für Dieselautos − "das ist schwachsinnig"
(Deutschlandfunk Kultur, Tacheles, 24.11.2018)

Landlust/Landfrust (1/2) - Dorfleben im Wandel
(Deutschlandfunk, Essay und Diskurs, 19.02.2017)

Politisches Feuilleton

Schulessen Zum Fraße vorgesetzt
Ein Schüler wirft nach dem Mittagessen Essensreste in bereitgestellte Behälter (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)

Man ist, was man isst, sagt ein altes Sprichwort. Wenn man das wörtlich nimmt, dann ist es schlecht bestellt um unseren Nachwuchs. Die Schriftstellerin Eva Sichelschmidt wagt einen Blick in eine Berliner Schulkantine. Guten Appetit! Mehr

Linker Protest und rechte GewaltWeimar als Mahnung
Menschen demonstrieren in einem Hörsaal der Universität Hamburg, während der Wirtschaftswissenschaftler und AfD-Mitbegründer Lucke versucht, seine Antritts-Vorlesung zu halten. (picture alliance / dpa /Markus Scholz)

Linker studentischer Protest wie kürzlich an der Universität Hamburg oder aber rechtsextreme Gewalttäter wie in Halle – es darf keinen Zweifel daran geben, wer unsere Demokratie bedroht, betont die Soziologin Sabine Hark.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur