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Interview / Archiv | Beitrag vom 02.04.2009

Verkehrsclub Deutschland kritisiert Abwrackprämie

Bundesvorsitzender Gehrmann: Geringe Effekte für sehr viel Geld

Michael Gehrmann im Gespräch mit Christopher Ricke

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Ein Kran hebt  in Bremen Autowracks in einen Schredder. (AP)
Ein Kran hebt in Bremen Autowracks in einen Schredder. (AP)

Der Verkehrsclub Deutschland (VCD) hat die Verlängerung der Abwrackprämie aus umweltpolitischer Sicht kritisiert. In Wirklichkeit sei eine ökologische Lenkungswirkung der Umwelt- oder Abwrackprämie nicht beabsichtigt, erklärte der VCD-Bundesvorsitzende Michael Gehrmann.

Christopher Ricke: Nichts hat in jüngerer Vergangenheit einen so großen Erfolg wie die Umweltpremiere, die 2500 Euro Abwrackzuschuss für alle, die ein altes Auto zum Schlachter bringen und sich ein neues, ein sauberes hoffentlich, kaufen. Eine Million Menschen haben die Prämie schon beantragt oder reserviert. Der Erfolg dieses Plans, der ja von der SPD kommt, ist also viel, viel größer als erwartet. Die Finanzmittel müssen ausgeweitet werden.

Das Sozialdemokratische an dieser Prämie: Die Höhe ist fix. Prozentual hat man also am meisten davon, wenn man ein möglichst preiswertes, neues Auto kauft. Preiswerte Autos sind klein, kleine Autos haben kleine Motoren, die brauchen weniger Sprit und das ist dann letztlich gut für die Umwelt.

Allerdings gibt es auch Kritiker dieser technischen Revolution, zum Beispiel Michael Gehrmann, der Bundesvorsitzende des ökologisch orientierten Verkehrsclubs Deutschlands ist das, und er ist bei mir im Studio. Guten Morgen, Herr Gehrmann!

Michael Gehrmann: Guten Morgen!

Ricke Warum müssen Sie denn gerade jetzt den Spielverderber geben?

Gehrmann: Wir wollen kein Spielverderber sein, sondern wir sollten die Krise nutzen, um einen Umbau zu schaffen in eine klimaverträgliche, nachhaltige Mobilität der Zukunft, und das wird durch die Abwrackprämie nicht erreicht. Wir führen das fort, was in den letzten Jahren nicht stattgefunden hat - eine alte Automobilpolitik mit immer größeren Fahrzeugen, mit immer größeren Motoren - und dementsprechend bleibt von der Abwrackprämie auch wenig Geld in Deutschland übrig.

Ricke: Aber das stimmt doch gar nicht, dieser Umbau findet doch statt. Es werden ganz viele kleine Autos gekauft. Das kann man schon daran sehen, wie es sich mit den Wartezeiten gerade verhält. Also wenn man einen Kleinwagen will, wartet man monatelang, ein Porsche oder einen großen Mercedes, den kriegen Sie sofort. Also: Kleine Autos werden gekauft, sparsame Autos werden gekauft, die Umwelt wird geschont.

Gehrmann: Ausländische Autos werden gekauft, und zwar vorwiegend ausländische Autos werden gekauft. Das ist kein Beitrag zum Konjunkturprogramm für Deutschland, vielleicht außer für Volkswagen. Volkswagen hat im vergangenen Jahr fünf Milliarden Rekordgewinn gemacht. Volkswagen hat jetzt im März noch die Dividende für ihre Aktionäre erhöht - also nicht unbedingt ein Unternehmen, was jetzt noch mal dringend weiteres Geld benötigt. Und trotzdem machen wir hier große Geschenke, Geschenke, die hauptsächlich die Automobilindustrie, die ausländische Automobilindustrie bekommt und von der der Wirtschaftsstandort Deutschland auf Dauer nichts hat. Wir brauchen andere Lenkungswirkung. Wir brauchen Lenkungswirkungen, die durch diese Abwrackprämien nicht erreicht werden können.

Ricke: Es handelt sich aber auch um eine Umweltprämie, und letztlich ist es mir doch egal, ob ein ausländisches oder ein inländisches Auto die Umwelt weniger belastet als ein altes Auto, das ich abwracke.

Gehrmann: Also wir müssen erst mal schauen und die Zahlen genauer anschauen vom BAFA, wie ökologisch denn die Autos tatsächlich sind. Tatsächlich ist keine ökologische Lenkungswirkung vorgesehen. Weder wird gesagt, wir wollen nur Fahrzeuge mit Euro 5 voranbringen, noch wird gesagt, die Autos dürfen nicht mehr als 120 Gramm CO2 pro Kilometer, sondern auch für einen Mercedes-Benz, auch für einen anderen solchen Wagen bekommen sie das.

Es mag geringe Effekte geben, dafür müssen wir aber sehr viel Geld investieren, was wir nachher nicht mehr haben werden, um beispielsweise den öffentlichen Nahverkehr stärker zu fördern.

Ricke: Ich bleibe noch mal bei den kleinen Autos. Ich habe mir mal aus dem Internet den kleinsten Opel rausgesucht, der ist einigermaßen anständig. Der kostet 10.000 Euro, mit Umweltprämie kriegt man sozusagen 25 Prozent Rabatt. Das ist ein Kaufanreiz. Das Ding braucht fünf Liter im Drittelmix und es hat 119 Gramm CO2-Ausstoß auf einen Kilometer, erfüllt also diese strenge Richtlinie. Das ist doch in Ordnung, wenn solche Autos auf die deutschen Straßen kommen. Und das sagen die Käufer auch, sie warten inzwischen acht Monate.

Gehrmann: Mitunter sind aber die alten Fahrzeuge, die wir auch gehabt haben, nicht immer die größeren Fahrzeuge gewesen, sondern es sind ebenfalls schon Kleinwagen gewesen. Das heißt, der Umweltvorteil ist dann vergleichsweise gering. Bisschen höher was die Schadstoffe angeht. Wenn man vorher nur Euro 0, Euro 1, Euro 2 gehabt hat und jetzt einen Euro-5-Wagen bekommt, dann sieht das besser aus mit Stickoxiden, dann sieht es besser aus mit Feinstaub. Bezüglich Kohlendioxid sieht das nicht unbedingt besser aus. Das heißt, da eine Lenkungswirkung jetzt hochzubeten, bringt es alleine nicht.

Ricke: Eins mag man ja zugeben: So eine Umweltprämie wäre vielleicht noch besser für die Umwelt, wenn damit nicht die Kaufverpflichtung für ein neues Auto angeboten wäre, also wenn man zum Beispiel sagen würde, jeder, der ein altes Auto abwrackt, bekommt dieses Geld. Glauben Sie, dass das in der politischen Diskussion gehört werden kann?

Gehrmann: Nein, es nicht gewollt, es geht hier nicht um eine umweltpolitische Diskussion, sondern es geht allein um eine industriepolitische Diskussion, wie wir sie auch gerade wieder bei der Deutschen Bahn AG erleben, wo nicht verkehrspolitische Ansätze eine Rolle spielen. Es geht dabei darum, der Autoindustrie kurzfristig zu helfen. Diese Hilfe wird auf Dauer aber verpuffen. Jetzt werden Käufe vorweggezogen, die man sonst in ein, zwei oder drei Jahren getätigt hätte. Diese Käufe, die man jetzt vorschiebt, werden dann, wenn diese Abwrackprämie ausläuft, ganz böse zurückfallen.

Große Autokonzerne wie Volkswagen, auch Mercedes-Benz haben gesagt, wir brauchen eigentlich nicht diese Abwrackprämie. Aber wenn diese schon existiert, brauchen wir jetzt ein fähiges Auto, sprich: Es muss jetzt dafür gesorgt werden, dass das nicht schlagartig beendet wird. Man befürchtet da also intensive Umsatzrückgänge für den Tag, wo diese Abwrackprämie nicht mehr gezahlt wird.

Ricke: Michael Gehrmann, er ist der Bundesvorsitzende des ökologisch orientierten Verkehrsclubs Deutschland. Vielen Dank, Herr Gehrmann!

Gehrmann: Bitte schön!

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