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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 24.02.2008

Verkalkt durch Calcium

Steigern zu hohe Calciumgaben das Herzinfarktrisiko?

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Schlaganfall-Patient. Erhöht Calcium das Risiko? (AP-Archiv)
Schlaganfall-Patient. Erhöht Calcium das Risiko? (AP-Archiv)

Anlass: Große Aufregung in der Fachwelt: Eine Interventionsstudie mit anderthalbtausend Frauen stellt die gängige Vorstellung infrage, dass man vom Calcium nie genug haben könnte. Mit Calciumsupplementen stieg unerwartet die Rate an Herzinfarkten und Schlaganfällen.

Führt Calcium tatsächlich zur "Verkalkung"?

Vermutlich ja. Bisher ging man davon aus, dass jegliches Calcium, das wir zu uns nehmen, wie von Geisterhand geführt, sich an den hormonellen Regelkreisen des Körpers vorbei in die Knochen schleicht, um sie nach Lust und Laune zu stärken. Deshalb vertrauten viele Menschen auf calciumangereicherte Lebensmittel bzw. Calciumpräparate. Aber offenbar weiß unser Körper noch nichts von den klugen Verbrauchertipps und Ernährungstheorien. Stattdessen lagert er die Extraportion Calcium bei manchen Menschen in den Blutgefäßen ab und erhöht - wie wir seit der aktuellen Interventionsstudie aus Neuseeland wissen - damit die Herzinfarktrate. Während in der Placebogruppe 35 Patientinnen einen Herzinfarkt, Schlaganfall oder plötzlichen Tod erlitten, war es mit Calciumgaben mit 51 Fällen fast ein Drittel mehr.

Aber es hieß doch immer, dass einer vermehrte Calciumzufuhr die Cholesterinwerte verbessert?

Ja, das tut sie auch - und mit den besseren Werten steigt manchmal das Risiko. Warum ist das so? Weil das Cholesterin ein sogenannter "Risikofaktor" ist. Risikofaktor heißt in der Fachsprache, es ist nicht die Ursache der Krankheit. Wenn sich beispielsweise herausstellt, dass es beim Überfahren einer roten Ampel vermehrt zu schweren Unfällen kommt, ist die rote Ampel ein "Risikofaktor" für Unfälle. Wenn man das Rotlicht gezielt abschaltet, um Unfällen vorzubeugen, kann das auch schiefgehen. Deshalb leuchten bei jedem naturwissenschaftlich geschulten Zeitgenossen sofort die Warnlämpchen auf, wenn wieder einmal "Risikofaktoren" bekämpft werden. Oft genug werden dann einfach nur die Warnsignale abgeschaltet, aber nicht die Gefahr beseitigt.

Und warum merkt man das erst jetzt? Oder ist die Studie ein Ausreißer?

Zunächst: Wenn mit großer Begeisterung ein pseudologischer Ernährungstipp gegeben wird, dann ist es bis heute absolut unüblich, nach Nebenwirkungen zu fragen. Dies gilt als "unsachlich" oder "Verunsicherung" - früher nannte man das noch "Wehrkraftzersetzung". Auf der anderen Seite gibt es natürlich auch allerlei skeptische Zeitgenossen, die es sich nicht nehmen lassen, den Dingen auf den Grund zu gehen. Da gibt es vor allem eine deutsche Studie aus dem Jahre 2005 mit Nierenpatienten. Dort kam es während der zweijährigen Laufzeit zu einer zunehmenden Verkalkung der Blutgefäße bei einer gleichzeitigen Abnahme der Knochendichte - im Vergleich zu den Patienten, die kein Calcium erhielten. Klar, dass diese Studie angesichts eines weltweiten Marktwertes von Calciumpräparaten bzw. calciumangereicherten Lebensmitteln von etwa drei Milliarden Dollar, keine Freunde fand.

Dennoch: die Wirkung einer optimalen Calciumzufuhr wurde doch oft genug überprüft. Warum kommt das erst jetzt ans Licht?

In der Tat gibt es mehr Untersuchungen, die schon vor Jahren auf einen solchen Zusammenhang hinwiesen. Damals war in einigen Studien ein solcher Trend erkennbar, aber die Ergebnisse wurden nicht recht ernst genommen, unter anderem weil sie nicht deutlich genug ausgefallen waren. Hinzu kommt, dass in einigen der größten Studien aus völlig unerfindlichen Gründen genau diese Daten fehlen.

Ist also Calcium damit seinerseits zum Risikofaktor geworden?

Es gibt keinen Grund, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Aber es scheint eine Gruppe von Menschen zu geben, vermutlich vor allem ältere Personen, deren Nierenfunktion im Laufe des Lebens etwas gelitten hat, für die Calciumpräparat problematisch sein können. Das zu klären ist Aufgabe der Medizin. In Sachen Ernährung ist weiterhin Entspannung angesagt: Es gibt keinen Grund für eine "calciumbewusste" Ernährung oder für den Kauf calciumangereicherter Produkte. Bei der berühmten "gemischten" Kost, die keiner wie auch immer gearteten "gesunden" Ernährungsideologie frönt, sind keine Mängel zu erwarten - nicht zuletzt weil damit dem Appetit die Möglichkeit gegeben wird, die Zufuhr zu regeln; der Verdauungstrakt kümmert sich dann um die Aufnahme.

Literatur:

Bolland MJ et al: Vascular events in healthy older women receiving calcium supplementation: randomised controlled trial. British Medical Journal 2008; epub before print
Asmus HG et al: Two year comparison of sevelamer and calcium carbonate effects on cardiovascular calcification and bone density. Nephrology Dialysis Transplantation 2005; 20: 1653-1661
Reid IR et al: Randomized controlled trial of calcium in healthy older women. American Journal of Medicine 2006;119: 777-785

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