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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 30.11.2015

Vergewaltigung als KriegswaffeDer Körper der Frau – ein Schlachtfeld

Von Mechthild Müser

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Frauen trauern in der Gedenkstätte Potocari am 20. Jahrestag des Massakers von Srebrenica (picture alliance / dpa / Fehim Demir)
Frauen trauern in der Srebrenica-Gedenkstätte Potocari (picture alliance / dpa / Fehim Demir)

In Bosnien wurden während des Krieges mindestens 25.000 muslimische Frauen systematisch vergewaltigt. Es gehörte zur Strategie und wurde wie eine Kriegswaffe genutzt, so zeigen neue Forschungsergebnisse. Ziel war auch die Demütigung des Feindes.

"Vergewaltigung ist nicht einfach. Es gibt einfache Methoden der Gewalt, man kann Waffen benutzen. Es gibt so viel Risiko, und wir haben die Täter niemals erforscht: Warum benutzen sie Vergewaltigung, wenn sie so viele andere Formen der Gewalt haben? Warum?"

Die kanadische Wissenschaftlerin Elvan Isikozlu beschäftigt sich am Bonner Internationalen Zentrum für Konversion mit genau solchen Fragen.

In den Nürnberger Prozessen spielte das Problem noch keine Rolle. Aber Massenvergewaltigungen in Bosnien, Anfang der 90er-Jahre im zivilisierten Europa? Das rief auch Forscher auf den Plan. Die gängige These, dass der in Kämpfen triebentfesselte Mann sich sexuell abreagieren muss, brach schnell zusammen.    

Studien am Beispiel des Bosnienkriegs zeigen, dass hinter den Vergewaltigungen sehr viel mehr steckt.                                                                 

"Das ist wie eine Strategie des Kriegs, das wird wie eine Waffe benutzt."

Vergewaltigung aus geostrategischem Kalkül

Auf bosnischem Territorium wollten Serben und serbische Bosnier gemeinsam ein Groß-Serbien errichten, deshalb zogen sie in den Krieg. Die muslimischen Bosniaken sollten weichen.  Vergewaltigung geschah aus geostrategischem Kalkül.

"Die Vergewaltigungen fingen sofort an, im April 92, und sie korrespondierten völlig mit den Tötungen. Vergewaltigung und Tötung kamen zusammen vor. Das alles passierte in diesem Land - mit Ausnahme von Srebrenica -  in den vier Monaten von 1992.  Massiv. Die meisten der Menschen wurden zwischen April und August getötet. Die meisten der Frauen wurde in dieser Zeit vergewaltigt."

Mirsad Tokaca leitet das Research and Documentation Center in Sarajewo. Er hat einen digitalen Atlas erstellt mit genauer Markierung von Massentötungen und Massenvergewaltigungen. Mehr als 90 Prozent der vergewaltigten Frauen im Bosnienkrieg waren muslimisch, die Mehrzahl der Täter bosnische Serben, sagt Tokaca:

"Vergewaltigung ist kein isoliertes Ereignis. Es war geplant, gut geplant,  und ausgeführt. Und es ist nicht – so sagen wir es hier – es ist nicht die Befriedigung sexueller Bedürfnisse von Soldaten. Es ist sexueller Ausdruck von Aggression."

Systematische Anordnung der Taten

Die Psychiaterin Amra Delic gibt Erfahrungen wieder:

"Meine Patientinnen bestätigen, dass die Taten systematisch passierten und oft angeordnet wurden. Es ist bekannt, dass viele Vergewaltigungen Massenvergewaltigungen waren, öffentlich, auf der Straße, in Nachbarschaften, wo die Nachbarn, die Familie, der Ehemann, die Verwandten sehen konnten, wie eine Frau vergewaltigt wurde. Der Report sagt, die Strategie diente dazu, in der ethnischen Gruppe Angst zu verbreiten, damit sie flüchtete. Vergewaltigung als Werkzeug für ethnische Säuberung."

Angst und Scham. Gerade in patriarchalen Gesellschaften ist die Frau für die Ehre des Mannes zuständig. Viele bosnische Ehemänner haben sich von ihren vergewaltigten Frauen scheiden lassen. So haben die Täter ein zweites Mal gewonnen. Amra Delic, Psychiaterin in Sarajewo, hat in ihrer Studie über Vergewaltigungen im Bosnienkrieg versucht, über Berichte der Frauen auch die Motive der Täter zu ergründen.

"Es ging darum, den Feind zu demütigen, einzuschüchtern, ihn zu entmenschlichen, über die Frauen. Die Körper der Frauen wurden zu einer Art Schlachtfeld während des Krieges in Bosnien-Herzegowina."

In den Lagern, in denen Frauen gefangen gehalten wurden, ging es oft auch darum, sie zu schwängern.

Eine Studie über Täter

Im Frühjahr 2015 legte die norwegische Sozialpsychologin Inger Skjelsbaek vom Peace Research Institute Oslo erste Ergebnisse einer Studie über Täter vor. Sie unterscheidet drei Gruppen: im militärischen Rang Höherstehende gaben vor, sich gegenüber den Frauen geradezu ritterlich verhalten zu haben, es seien Liebesbeziehungen gewesen.

Lagerwächter, einfache Polizisten und Milizen vom Dorf  nutzten dagegen die Gunst der Stunde. Sie waren nicht wählerisch und empfanden Vergnügen daran, wehrlose Frauen zu quälen und ihre Macht auszuspielen. Die Hierarchie hielten sie genau  ein: Schichtleiter zuerst.

Die dritte Gruppe redete quasi von einer anderen Identität, als seien nicht sie es gewesen, die vergewaltigt hatten. Dazu die Erkenntnisse der Wissenschaftlerin Elvan Isikozlu:                                                           

"Wir haben auch gesehen, dass, als die internationale Kommunität mehr Interesse an diesem Krieg gezeigt hat, dass es am Ende des Kriegs viel weniger Vergewaltigung gegeben hat als zu Beginn des Kriegs. Und wir glauben, das hat was mit viel internationaler Aufmerksamkeit für diesen Krieg und diesem Typ von Gewalt zu tun. Die Leute haben darüber geredet: Wir sehen das, und das war nicht gut für die bosnischen Serben."

Aber es reichte auch nicht, um die Vergewaltigungen in Bosnien endgültig zu stoppen.

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