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Nachspiel / Archiv | Beitrag vom 13.12.2020

Vergessene Sportart FuchsprellenHoffähiger Sadismus

Von Matthias Baxmann

Im Hof des Dresdener Schlosses werden 1678 Tiere beim sogenannten Fuchsprellen gejagt.  (picture alliance / akg-images | akg-images)
Sadismus aus dem 17. Jahrhundert: Fuchsprellen im Schloßhofe zu Dresden 1678. (picture alliance / akg-images | akg-images)

Der Dokumentarfilmer Edward Brooke-Hitching hat vergessene Sportarten zusammengetragen. Dazu zählt das Fuchsprellen, das im 17. und 18. Jahrhundert an europäischen Höfen die Herrschaften trotz oder wegen tierquälerischer Methoden erfreute.

Auch Sadismus mag einmal als Sport gegolten haben: Das Fuchsprellen war ein höfisches Vergnügen, mit dem Tiere auf bestialische Art gequält und getötet wurden. Zur Belustigung der Zuschauenden wurden die Tiere in die Luft geworfen, sobald sie auf speziell dafür angebrachte Tücher traten.

Der Londoner Dokumentarfilmer Edward Brooke-Hitching hat über Jahre zahlreiche Archive durchforstet, um herauszufinden, wie sich die Menschen früher die Zeit vertrieben haben. Sein "Kleines Brevier vergessener Sportarten" führt etliche davon auf, von denen viele der Zeit zum Opfer gefallen sind. 

Der Schlosshof als Kampfarena

Fuchsprellen wurde, ähnlich wie beim heutigen Tennis, im Mixed gespielt. Ein Team bestand aus einem Mann und einer Frau. Über ein Dutzend solch vornehmlich unverheirateter Paare traten gleichzeitig gegeneinander an. Geschlagen oder geworfen wurde nicht etwa mit einem Ball. Als Spielobjekte dienten die verschiedenen einheimischen Wildtiere wie der Fuchs, der diesem Treiben seinen Namen gibt, aber auch Hasen, Rehe, Dachse, Wildkatzen und sogar Wildschweine.

Der Dokumentarfilmer und Autor Edward Brooke-Hitching auf einer Schwarzweiß-Aufnahme.  (Liebeskind)Archivar seltener Phänomene: Edward Brooke-Hitching (Liebeskind)

Zur Vorbereitung wurde der Schlosshof zu einer Kampfarena mit großen Tüchern an Pfosten eingefriedet. Anschließend wurde der gepflasterte Platz mit etwa einer halben Elle Sand aufgeschüttet. Damit sollte der Tod der Tiere hinausgezögert werden, die sich sonst beim Aufprall Kopf oder Rückgrat gebrochen hätten. 

Die zuvor eingefangenen Wildtiere wurden mit Kostümen aus Pappe, Hütchen und Lametta lächerlich gemacht. In Käfigen warten sie sodann an den Seiten des Turnierplatzes auf ihren Einzug in die Arena.

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Begleitet von Jagdmusik hielten die Adligen Einmarsch, auch sie verkleidet als mythische Helden, römische Krieger, Nymphen, Göttinnen oder Zentauren. Die Paare nahmen Aufstellung. Je nach Größe der Arena standen sich bis zu 20 solcher Paare von Mann und Frau gegenüber. Zwischen ihnen das etwa sechs Meter lange und 50 Zentimeter breite Prelltuch, deren Enden mittels Schlaufen von den beiden gehalten wurden.

Tierquälerei als Spiel

Verängstigt und orientierungslos rannten die Tiere über den Parcours, gescheucht von Dienern, die die Geschöpfe zu den Prelltüchern trieben. Dort lauerten die Teilnehmenden darauf, dass ein Opfer sich auf das auf dem Boden liegende Tuch verirrt, um mit voller Kraft an den Enden des Tuches zu ziehen. Dieses straffte sich dadurch so ruckartig, dass das Tier bis zu sieben Meter emporschnellte. Beim erneuten Straffen des Tuches wurde die Beute wie bei einem Trampolin wieder und wieder hochgeschleudert.

Das Spiel war beendet, wenn alle Opfer bewegungslos aufgrund von Knochenbrüchen oder Bewusstlosigkeit am Boden lagen und schließlich von Jägern getötet wurden. Noch 1747 wurden auf der Dresdner Reitbahn insgesamt 414 Füchse, 182 Hasen, 39 Dachse und sechs Wildkatzen geprellt.

Edward Brooke-Hitching: "Kleines Brevier vergessener Sportarten"
Aus dem Englischen von Matthias Müller
Liebeskind, München 2020
96 Seiten, 10 Euro

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