Seit 14:30 Uhr Kulturnachrichten

Montag, 16.09.2019
 
Seit 14:30 Uhr Kulturnachrichten

Fazit / Archiv | Beitrag vom 01.10.2015

"Vergessene Meister" im Folkwang MuseumEine parallele Moderne

Von Michael Köhler

Podcast abonnieren
Henri Rousseaus Werk "Der hungrige Löwe wirft sich auf die Antilope" in der Ausstellung "Der Schatten der Avantgarde - Rousseau und die vergessenen Meister" im Folkwang Museum in Essen (dpa / picture alliance / Marcel Kusch)
Henri Rousseaus Werk "Der hungrige Löwe wirft sich auf die Antilope" in der Ausstellung "Der Schatten der Avantgarde - Rousseau und die vergessenen Meister" im Folkwang Museum in Essen (dpa / picture alliance / Marcel Kusch)

Den Kuratoren Kasper König und Falk Wolf gelingt im Folkwang Museum in Essen eine wunderbare Ausstellung: Mit ihrer Schau über vergessene Meister weisen sie auf einen blinden Fleck unserer Auffassung von der künstlerischen Moderne hin.

Wilhelm Uhde: "Séraphine! Sie haben es mir nie erzählt, wodurch haben sie Lust bekommen zu malen?"
Séraphine Louis: "Ich hab´ meine kleinen Geheimnisse."

Diese 1864 geborene Frau gilt heute als die bedeutendste französische Malerin naiver Kunst. Ihr Geheimnis war heilig. Sie hatte Eingebungen. Ein Engel führte ihr die Hand. Kasper König: 

"Das sind Bilder von abstrakten Blumen, die aber sehr existentiell und sehr tief gehen. Das hat schon ne Tragik, ne unglaubliche Schönheit, und die sind groß und die sind aus Lack produziert in den 20er-Jahren. Große Bilder, könnte man denken, naja, die kommen aus den 50er-Jahren, is ne Form von Informel. Nein, das ist vielleicht ne übersteigerte Religiosität, oder so. Es sind wahnsinnige Bilder."

Die Ausstellungsmacher Kasper König und Falk Wolf haben nicht nur eine außergewöhnliche, eine großartige Schau sogenannter naiver Kunst von Autodidakten zusammengetragen. Sie haben im Grunde 13 Retrospektiven teils unbekannter Künstler im Essener Folkwang Museum aufgebaut.

Eine Feier der Fülle und des Lebens

Eines der Glanzlichter sind die Bilder von Séraphine Louis, die 1942 in einer französischen Irrenanstalt starb. Ihre Bilder von Granatäpfeln, Trauben und Margeriten sind eine Feier der Fülle und des Lebens. Sie sind menschenleer, ohne Zeitbezug oder Hintergrund. König:

"Es ist ja doch erstaunlich, also für mich erstaunlich, wie stark dieses Religiöse in der ganzen Ausstellung drin steckt."

Was Kasper König sagt, gilt für viele Maler. Die Paradiesszenen und der nackte Mensch bei Adalbert Trillhase und die Weintrauben bei Séraphine Louis sind teilweise direkte Allegorien des Heils. Manchmal streifen die knieenden und stehenden vollbusigen Nymphen eines Michel Louis Eilshemius von 1917 aber auch den Kitsch. Dennoch, diese Werke liegen auf Augenhöhe mit der Kunst der Moderne sagt Kurator Falk Wolf. Sie gehören zur Moderne, wären im 19. Jahrhundert. Nicht denkbar. Falk Wolf:

"Das ist das, was wir eigentlich mit der Ausstellung als These formulieren möchten, dass es um Kunst geht, die zwar eben abseits der Akademien, häufig auch abseits der entsprechenden Märkte entstanden ist, dass sie aber ein Teil dieses Bildes der Moderne sein kann und sein sollte eigentlich, wenn man diesen Begriff ernst nimmt."

Sie kannten und schätzten sich teilweise

König und Wolf holen die sogenannten Naiven aus der Ecke der L´art brut. Die Entdeckungen, die man in Essen machen kann, sind groß. Da hängen Bilder von Emil Nolde, Paul Gauguin und Paula Modersohn Becker neben Werken von Adalbert Trillhaase und Morris Hirshfiled. Sofort wird klar, ein Autodidakt wie Emil Boedeker interessiert sich genauso für skulpturale Formen wie Fernand Leger. Mehr noch. Sie kannten und schätzten sich teilweise. Max Ernst, Andre Breton und Marcel Duchamp kannten den Amerikaner Morris Hirshfield. König:

"Und der große Verteidiger dieses Malers war Piet Mondrian. Und Mondrians Werk ist geradezu das Gegenteil scheinbar von Hirshfield. Und das ist der Punkt, der mich interessiert, dass die Referenzen, Einzelwerke, Paula Modersohn Becker, dass das eigentlich mehr ne Referenz ist, um den ungeheuren Qualitätsstandard zu erläutern. Der in diesen Werken dieser Künstler steckt."

Es geht hier nicht nur um ein Nebengleis der Moderne, den Schatten der Avantgarde, sondern eine parallele Moderne. Es geht nicht darum, die Autodidakten als die besseren Maler herauszuheben. Sie waren nur an ähnlichen Dingen interessiert. Die Naiven waren nicht auch modern, sondern umgekehrt müsste man sagen: die Avantgarde war zu nicht geringen Teilen auch naiv. König:

"Unser Anliegen ist es sehr stark, dass die Kunst komplexer wahrgenommen wird und sie nicht formalistisch zu reduzieren und dass diese Wahrnehmung eigentlich ne Bereicherung sein kann und dass es sich lohnt, das Museum zu besuchen als Ganzes, aber dies noch mal als Punkt, um die Batterie aufzuladen, ja!"

Hinweis auf blinden Fleck unserer Auffassung

Viele Namen liest der Besucher hier zum ersten Mal, viele Bilder wird er nicht vergessen. Unter anderem die auf Papp Karton, mit Plakatfarbe und Bleistift gemalten Motive von Bill Traylor. Ein schwarzer Jäger mit schwarzem Hut und schwarzem Gewehr zu Pferde von 1940.

"Also die Bilder von Traylor zeigen eben sehr deutlich, die Situation der Sklaverei und noch mal die Gewalttätigkeit derer, die sich aus der Sklaverei befreit haben oder befreit wurden. Aber die Ungerechtigkeit bleibt. Und in diesen Werken ist es indirekt, wenn man sich drauf einlässt zu lesen und zu spüren."

König und Wolf ist in Essen eine wunderbare Ausstellung gelungen. Sie zeigt existentielle Malerei und weist auf den blinden Fleck unserer Auffassung von der künstlerischen Moderne.

"Es ist ne erstaunliche Konvention in diesem Kunstbetrieb und ich glaube, dass das ne gute Art ist, noch mal den Puls zu fühlen."

Die Ausstellung "Der Schatten der Avantgarde - Rousseau und die vergessenen Meister" ist zwischen dem 2. Oktober 2015 und dem 10. Januar 2016 im Museum Folkwang in Essen zu sehen.

Mehr zum Thema:

Folkwang Museum in Essen - Die Schau der vergessenen Maler
(Deutschlandradio Kultur, Kompressor, 01.10.2015)

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsTodesstrafe für Wucherpreise
Statuen aus Porphyr zeigen die römischen Tetrarchen Diokletian, Maximian, Constantius und Galerius, die sich umarmen. (imagebroker / imago-images)

"Die Welt" meint, dass der Mietpreisdeckel schon im alten Rom nicht funktioniert habe. Ein Gesetz habe für Waren und Dienstleistungen Maximalpreise festgesetzt und sogar mit der Todesstrafe gedroht, sei aber an der "Macht des Faktischen" gescheitert.Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

Folge 17Wirtschaftswunder, Winnetou und Wurst?
Olaf Hoerbe als Intschu-tschuna spielt während der Hauptprobe von "Winnetou " auf der Felsenbühne in Rathen, Sachsen. (dpa /  Matthias Rietschel)

Wie reagieren Theater auf veränderte gesellschaftliche Bedingungen in Zeiten des erstarkenden Rechtspopulismus? In einer Umfrage haben 32 Theaterleiter in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen darauf geantwortet.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur