Seit 05:05 Uhr Aus den Archiven
Samstag, 23.10.2021
 
Seit 05:05 Uhr Aus den Archiven

Politisches Feuilleton | Beitrag vom 30.09.2021

Vergebung oder Verdammung?Wie Jugendsünden uns herausfordern

Überlegungen von Daniel Hornuff

Der Schriftzug "Ich will Sünde!" ist auf eine Mauer gesprüht. (imago images / imagebroker)
Was einem im Augenblick des Tuns als Mittelpunkt der Welt erscheint, kann man später bereuen und vergessen machen wollen, meint Daniel Hornuff. (imago images / imagebroker)

Von Tattoo bis Aktivismus: Wie distanziert man sich glaubhaft von demjenigen, der man einmal war? Muss man es überhaupt? Kein einfaches Feld, meint der Kulturwissenschaftler Daniel Hornuff, denn es gibt mehrere Perspektiven auf "Sünden" von früher.

Man bereut sie. Manche schämen sich für sie, wollen sie vergessen machen. Andere entwickeln ein ironisches Verhältnis und beginnen, mit ihnen zu kokettieren. Und wieder anderen werden sie zum biografischen Verhängnis – zu einem Makel, der sich nicht mehr abstreifen lässt.

Die Rede ist von sogenannten Jugendsünden. Ihr Merkmal besteht darin, erst später zu einer Sünde geworden zu sein. Im Moment des jugendlichen Handelns mögen sie zwar schon unangebracht, verwerflich oder sogar strafbar gewesen sein.

Doch damals war davon kaum etwas zu spüren, im Gegenteil: Das eigene Verhalten erschien als das einzig legitime. Man richtete an sich – und vielleicht auch an andere – den Anspruch auf Unbedingtheit.

Doppelt attraktive Lebensmomente

Jugendsünden sind doppelt attraktiv. Zum einen für tatsächliche oder vermeintliche Jugendliche, die etwas tun, was ihnen im Augenblick des Tuns als Mittelpunkt der Welt erscheint.

Die Palette reicht vom Piercing bis zur Demoteilnahme, vom Haarschnitt bis zum Parteieintritt, vom Tattoo bis zum politischen Aktivismus, vom Instagram-Post bis zum ersten veröffentlichten Text. All dies birgt Potenzial für spätere Irritationen.

Jugendsünden eignen sich daher auch, nachträgliche Urteile über Personen zu fällen – das macht sie für andere attraktiv: Wer damals dieses und jenes getan habe, könne doch heute keine vollständige Akzeptanz mehr einfordern.

Hier geht es zur Denkfabrik 2021. Auf der Suche nach dem Wir. (Foto: Deutschlandradio / Malte Müller)

Von Jugendsünden sprechen dabei allerdings weniger die Urteilenden als diejenigen, die sich mit der eigenen Vergangenheit konfrontiert sehen. Es sei halt nur eine Jugendsünde gewesen, hört man oft. So wird das eigene Verhalten in den Bereich des Naiv-Unbedachten geschoben.

Folgt nicht auf eine Sünde stets Vergebung?

An die christlich konnotierte Rede von der Jugendsünde bindet sich umso mehr die Hoffnung auf Vergebung. Gerade weil keine Sünden im umfassenden Sinne vorliegen, sondern eben nur ein jugendliches Verhalten, solle mit ihm nachsichtig umgegangen werden.

Mit dem Verweis auf eine bloße Jugendsünde will man Kürze und Nebensächlichkeit der heute als falsch erscheinenden Lebensweise betonen – und zugleich dafür sorgen, dass aus ihr keine Langzeitfolgen abgeleitet werden.

Marginalisierung durch Verniedlichung mag psychologisch naheliegend sein. Tatsächlich aber verpasst, wer dazu greift, die Chance, in eine produktive Auseinandersetzung mit früheren Überzeugungen, Vorlieben und Werten zu treten. Denn die oft hitzig geführten Debatten über mutmaßliche Jugendsünden speisen sich auch aus dem Bedürfnis, Koordinaten für das gegenwärtige Zusammenleben zu finden.

Klar ist: Wer im Rückblick Schuld bemessen möchte, arbeitet an der aktuellen Verfestigung moralischer Normen. Umso wichtiger wäre es, angebliche Jugendsünden auf zwei Ebenen zu diskutieren – und erstens zu fragen: Welcher Sachverhalt steht tatsächlich zur Debatte? Und zweitens: Was bedeutet es, diesen Sachverhalt heute zum Thema zu machen?

Wer andere verurteilt, verfolgt auch eigene Ziele

Diese zweite Ebene ist wichtig, weil moralische Urteile im öffentlichen Raum kaum ohne spezifische Interessen auskommen.

So ließe sich noch differenzierter fragen: Von welcher Position aus und mit welchem Ziel wird über frühere Entscheidungen einer Person geurteilt? Zielen die Vorwürfe auf die Person selbst, geht also ums Diskreditieren im Hier und Jetzt? Oder macht das frühe Verhalten der Person seinerseits auf gesellschaftliche Konflikte aufmerksam, die bislang verdrängt wurden?

Wer sich anschickt, über das jugendliche Verhalten anderer Menschen zu urteilen, begibt sich auf ethisch fragiles Terrain. Eine biografische Anklage sollte daher zumindest auch einen Blick auf eigene Verstrickungen miteinschließen.

Porträt von Daniel Hornuff (Felix Grünschloß)Daniel Hornuff (Felix Grünschloß)Daniel Hornuff ist Professor für Theorie und Praxis der Gestaltung an der Kunsthochschule in der Universität Kassel. Zuletzt erschienen von ihm "Hassbilder. Gewalt posten, Erniedrigung liken, Feindschaft teilen" im Verlag Klaus Wagenbach sowie "Krass! Beauty-OPs und Soziale Medien" bei J.B. Metzler.

Mehr zum Thema

Vergeben und Vergessen - Wie können wir einander verzeihen? 
(Deutschlandfunk Kultur, Im Gespräch, 03.04.2021)

Comic-Sachbuch „Vergebung ist ziemlich strange“ - Die Seele nicht dem Groll überlassen
(Deutschlandfunk Kultur, Buchkritik, 14.10.2020)

Radiolexikon Gesundheit - Tattooentfernung
(Deutschlandfunk, Sprechstunde, 07.03.2017)

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Politisches Feuilleton

Ökologische WendeDen eigenen Lebensstil ganz neu denken
Vor einem Supermarktregal hält jemand ein Glas mit veganem Aufstrich in den Händen und liest die Inhaltsstoffe. (picture alliance / photothek / Ute Grabowsky)

Grün zu sein, sei heute einfach, behauptete unlängst Regierungschef Boris Johnson. Der Journalist Uwe Bork hingegen meint, kleine Veränderungen im persönlichen Verhalten seien gut. Um den Planeten zu retten brauche es aber ein radikales Umdenken.Mehr

Zeit für den NachwuchsWas politisches Talent ausmacht
Anführer auf einem Podium spricht zu einer Menschenmenge (imago/Ikon Images)

Während die Kanzlerin jahrelang Nachfolger in der eigenen Partei verschlissen hat, ist nun endlich überall Zeit für den Nachwuchs. Doch wodurch zeichnet sich ein politisches Talent eigentlich aus? Der Soziologe Marcel Schütz weiß, worauf es ankommt.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur