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Im Gespräch | Beitrag vom 03.04.2021

Vergeben und VergessenWie können wir einander verzeihen?

Moderation: Gisela Steinhauer

Zeichung Paar mit Beziehungsproblemen sitzt voneinander weggedreht (imago / Ikon Images)
Der erste Schritt bei der Versöhnung ist meist schwer. (imago / Ikon Images)

Jens Spahn tat es, Angela Merkel, Kardinal Woelki. Sie baten die Menschen um Verzeihung. Und auch im Privaten gibt es mehr als genug Gelegenheiten, um um Entschuldigung zu bitten. Doch das klappt nicht immer – beiderseits. Wie kann es gelingen?

"Wir werden in ein paar Monaten einander wahrscheinlich viel verzeihen müssen." Knapp ein Jahr liegt dieser Satz von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn nunmehr zurück. Damals fragten sich viele, was er wohl meinte.

Heute sind wir klüger und blicken auf die eine oder andere politische Fehlentscheidung im Zuge der Coronapandemie zurück. Nicht zuletzt deshalb wandte sich Angela Merkel in der vergangenen Woche mit der Bitte um Entschuldigung an die Menschen für die Verunsicherung, die sie und die Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten mit der kurz zuvor beschlossenen "Oster-Ruhe" angerichtet hatten.

"Sorry", "Verzeih mir", "Tut mir leid" – damit versuchen wir auch im Privaten und Beruflichen wieder einzurenken, wenn wir andere verletzt haben. Aber ist es damit getan? Müssen wir alles verzeihen? Und was muss gegeben sein, dass beide Seiten sagen, es ist wieder okay?

Verzeihen heißt nicht Versöhnen

"Beim Verzeihen geht es nicht nur darum, dass man wieder mit sich ins Reine kommt und dass man seine Wut hinter sich lässt", sagt Susanne Boshammer, Professorin für Praktische Philosophie an der Universität Osnabrück. "Wenn wir jemandem verzeihen, erlauben wir dem anderen, dass er sich das, was er uns angetan hat, nicht mehr zum Vorwurf macht. Wir helfen ihm oder ihr also gewissermaßen dabei, das eigene Gewissen zu entlasten."

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Verzeihen heiße allerdings nicht Versöhnen: "Man kann jemandem verzeihen und sich trotzdem von ihm trennen", so die Wissenschaftlerin. Es könne auch Gründe geben, anderen nicht zu verzeihen: "Dazu gehört etwa der Respekt vor uns selbst. Eine Frau, die häusliche Gewalt erlebt und ihrem Mann immer und immer wieder verzeiht, riskiert, ihre Selbstachtung zu verlieren. Nicht immer zu verzeihen, heißt, dass ich eine Grenze setze und nicht alles mit mir machen lasse." Mehr dazu findet sich in Susanne Boshammers Buch "Die zweite Chance. Warum wir (nicht alles) verzeihen sollten".

"Verzeihen können nur die Opfer"

"Das Verzeihen gehört zu dem großen Komplex Schuld und Sühne", sagt Stefan Friedrichowicz, katholischer Gemeindepfarrer in Berlin. "Der Akt der Buße ist Verzeihen durch Gott, und das geht einher mit Gewissensbildung und Reue." Wie schwer Verzeihen oder gar Vergeben sein kann, erfährt der Pastor in seiner Tätigkeit als Gefängnisseelsorger in der JVA Tegel, einem der größten und ältesten Männergefängnisse in Deutschland.

Er höre viel Schreckliches: Mord, Überfälle, Kindesmissbrauch. Und doch müsse er neutral bleiben: "Seelsorge im Knast heißt, Menschen unvoreingenommen zu begegnen. So wie Jesus. Es macht keinen Sinn, da so ranzugehen: Das ist ein dreifacher Mörder. Wenn ich das alles verurteilen würde, könnte ich nicht arbeiten." Wenn es um das Verzeihen gehe, sei er jedoch nicht der richtige Adressat für die Gefangenen: "Verzeihen können nur die Opfer."

In den zehn Jahren im Knast habe er gelernt: "Wir leben aus Beziehungen. Beziehungen sind das Kostbarste, was wir haben. Deshalb ist Verzeihen eine Möglichkeit, über das Gewesene zu sprechen und möglichst einen Plan zu entwerfen für das Kommende."

Vergeben und vergessen? Wie können wir einander verzeihen?
Darüber diskutiert Gisela Steinhauer heute von 9:05 Uhr bis 11 Uhr mit dem Pfarrer Stefan Friedrichowicz und der Philosophin Susanne Boshammer. Hörerinnen und Hörer können sich beteiligen unter der Telefonnummer 0800 2254 2254 sowie per E-Mail unter gespraech@deutschlandfunkkultur.de. Besuchen Sie uns auch auf Facebook, Instagram und Twitter!

(sus)

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