Vereinigungskrise

Rezensiert von Uwe Stolzmann |
Der Autor Jens Bisky zeigt in seinem Buch "Die deutsche Frage" auf, warum sich die Einheit seiner Ansicht nach als Schimäre erwiesen hat. Es gebe keine Aussicht auf Angleichung der Lebensverhältnisse in Ost und West, fasst der Autor die Situation zusammen. Der Nachbau der Bundesrepublik in den neuen Ländern sei missglückt.
Die Biskys stehen offenbar gern im Rampenlicht. Nicht nur Vater Lothar als PDS-Vorsitzender und Bruder Norbert, der Maler mit dem Faible für flachsblonde Knaben - auch der Journalist Jens Bisky (geboren 1966 in Leipzig) macht von sich reden. Nach einer spätsozialistischen Musterkarriere - Funktionärskind mit Abi und Offizierspatent - ging Bisky junior zielstrebig Richtung Westen. Seit 2001 ist er Feuilletonredakteur der "Süddeutschen Zeitung". Sein Spezialgebiet: das deutsch-deutsche Gerangel.

Die Wende nannte er spitzzüngig eine "Rebellion der kleinen Leute"; die "Ostalgiewelle" der jüngsten Zeit ist für ihn eine "gesamtdeutsche Kuschelorgie über dem Abgrund". Den Abbau des Sozialstaats hält Bisky für unumgänglich, "Wohlstand" für ein fragwürdiges Ziel. "Eine Neiddebatte, wie sie jetzt zu beginnen scheint, wäre fruchtbarer als realitätsblinde Sanftmut", schrieb er 2004. Mit solchen Äußerungen machte er sich vermutlich keine Freunde, doch er sorgte für Aufsehen, für Öffentlichkeit. Als Buchautor tut er dies erneut.

"Die deutsche Frage": ein großer Titel (man fühlt sich an Bismarcks Preußen erinnert, an den "Anschluss" Österreichs, vielleicht noch an das gleichnamige Werk des Historikers Sebastian Haffner). Dazu dieser Untertitel - "Warum die Einheit unser Land gefährdet" - eine gezielte Provokation. Wenn Politiker beim Nachdenken über die Zukunft des Landes kollektiv versagen, schlägt die Stunde der "utopischen" Publizisten. Bisky folgt dem Pfad, den der Kultursoziologe Wolfgang Engler ("Die Ostdeutschen als Avantgarde") und andere bereits ausgetreten haben. Die Visionäre denken das Undenkbare, sie üben den Tabubruch.

Dies (Jens Bisky erinnert daran) ist die fatale Lage: Der Aufbau Ost verschlang bisher 1250 Milliarden Euro Transfergelder. "Dafür haben wir erhalten: herrliche Kulissen, komfortables Elend, dauerhafte Abhängigkeit und Ruhe im Osten."

Die versprochene Einheit, eine Einheit mit ähnlichen Werten und Bedingungen, habe sich als Schimäre erwiesen: "Es gibt keine Aussicht auf Angleichung der Lebensverhältnisse in Ost und West." Der Nachbau der Bundesrepublik in den neuen Ländern - missglückt.

Kurzweilig und fundiert auf der Grundlage zahlreicher Quellen referiert Jens Bisky über die "Angstgesellschaft" und "Deutschland im Abstiegskampf", über das "böse Biest Ost" und dessen "Wagenburgmentalität" sowie - als Ausblick – über eine wünschenswerte "Politik im Zeichen des Weniger".

Eine andere Vorstellung von Einheit sei bitter nötig, meint Bisky. Und so sieht er die "Facetten der neuen deutschen Frage": Wie wollen die zwei deutschen Gesellschaften künftig in einem Staat zusammenleben? Was wären die Absichten und Erfolge eines illusionslosen Aufbaus Ost? Was meint Einheit, wenn Ost und West doch deutlich unterschieden bleiben? Umdenken, sofort!, verlangt der Publizist. Und für alle, die nicht hören mögen, malt er eine drastische Warnung an die Wand: "Falls kein Neuanfang gewagt wird, droht auch der Westen zu verarmen, zu vergreisen und zu verblöden."