Verdi-Oper in der Hotellobby

Staatsoper Unter den Linden © AP Archiv
Von Bernhard Doppler · 20.01.2008
Das Bühnenbild zur Oper "Maskenball" zeigt die Lobby eines amerikanischen Hotels der 60er Jahre. Die Geschichte vom Attentat auf den schwedischen König Gustav III. verlegte Verdi bei der Uraufführung aus Rücksicht auf die Zensur nach Nordamerika. Das Berliner Regieteam Wieler – Morabito folgt dieser Verpflanzung des Geschehens in die Neue Welt.
Und schon wieder "Maskenball"! Schon wieder jenes Attentat auf einen Politiker aus politischen und privaten Gründen als Oper. Doch ein neuer überzeugender Zugang zu einem der populärsten Werke Giuseppe Verdis will sich in der Neuinszenierung in der Berliner Staatsoper Unter den Linden nicht eröffnen.

Das Regieteam Jossi Wieler und Sergio Morabito lassen " Ein Maskenball" in der Lobby eines amerikanischen Hotels aus den 60er Jahren spielen. Das Einheitsbühnenbild von Barbara Ehnes zeigt Bar, Kinostühle und Cafétische und hinter einem Vorhang Platz für das Hotelorchester. Die Geschichte vom Attentat auf den schwedischen König Gustav III. verlegte Verdi bei der Uraufführung aus Rücksichtnahme gegenüber der Zensur (die kein Königsattentat auf der Bühne zulassen wollte) ins koloniale Nordamerika und das Regieteam folgt dieser einst zensurbedingten Verpflanzung des Geschehens in die Neue Welt, wenngleich von Boston in ein Südstaaten-Amerika verlegt und mehr als 300 Jahre später.

Dass neben den Hotellüstern von der Decke auch gelynchte Schwarze hängen (2. Akt: Galgenberg), ist wohl 60er Jahre US-Südstaatenklischee und kaum historische Realität, eher schon die vom Gouverneur verspottete und dann begnadigte Wahrsagerin Ulrica als Satanistin. Als stumme Person läuft – laut Programmbuch - übrigens auch rätselhaft die Gouverneurs-Gattin über die Bühne. Warum? ist nicht ganz einsichtig, man könnte die schöne Frau auch für die Geschäftsführerin des Hotels halten, in dessen schäbigem Glanz man nicht allzu lange übernachten und bei dessen müden schlüpfrigen Nachmitternachts-Partys man nicht allzu gerne mitmachen wollte.

Wenn auch die dramaturgische Konzeption den Zuschauer nicht recht erwärmen will, an Personenführung und Charaktergestaltung (Kostüme: Anja Rabes) konnte man immer wieder durchaus Freude haben; und die Stahlgerten, die die Attentäter zum Erdrosseln in ihren Anzügen bereithalten, um ihren populären Gouverneur aus dem Weg zu räumen, lehren gruseln; vor allem wenn der sich gehörnt fühlende Ehemann Renato solch eine Drahtschlinge seiner Frau Amalia um die Gurgel legt, während sie todesbewusst ihre Arie singt!

Immer wieder überzeugen Momente, wenn die existentielle Bedrängnis im Kontrast zur grotesken Oberflächlichkeit der Maskenball-Gesellschaft herausgetrieben wird, unterstützt durch das Orchester unter Philippe Jordan. Mit ansteckender Spielfreude auch die Sänger, die das Premierenpublikum mit Zwischenapplaus belohnte!

Der finstere Alt der Satanistin :Larissa Didakova, der joviale langhaarige Gouverneurskumpel, der den vermeintlichen Seitensprung der Ehefrau nicht überwinden kann: Dalibor Jenis, die bedrängte Ehefrau und vom Gouverneur Begehrte: Catherine Nagelstadt, nicht ganz so funkelnd als Public-Relations-Girl Anna Prohaska (sonst die Hosenrolle des Pagen Oskar) und – mit Recht am meisten umjubelt – als naiver, doch durchaus mit politischem Instinkt und Ausstrahlung versehener Gouverneur: Pjotor Beczala. Gegenüber dem Regieteam Wieler – Morabito war das Premierenpublikum dagegen deutlich unfreundlicher.