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Fazit / Archiv | Beitrag vom 03.04.2015

Verdi-Oper in AmsterdamMacbeth tötet nur einen Plüschteddy

Von Stefan Keim

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Blick auf die Oper in Amsterdam (dpa / picture alliance / Johanna Hoelzl)
Blick auf die Oper in Amsterdam (dpa / picture alliance / Johanna Hoelzl)

Verdis düstere Shakespeare-Vertonung gerät in der Oper Amsterdam ziemlich konventionell: Andrea Breth inszeniert den "Macbeth" uninspiriert und harmlos.

Schon die Ouvertüre klingt matt. An Klangkultur mangelt es den Niederländischen Philharmonikern nicht, aber Dirigent Marc Albrecht sucht nicht nach Geheimnissen und versteckten Drohungen. Er lässt Verdis Musik entspannt herunter musizieren und kommt erst nach der Pause etwas mehr in Schwung. Immerhin passt das zur Szene, denn auch Andrea Breth ist zu dieser düsteren, blutigen Shakespearevertonung nur Konventionelles eingefallen.

Der "Macbeth" stammt aus Verdis hochproduktiver Phase, bevor er sich mit seinen Meisterwerken durchsetzte. Er musste viele Opern liefern, was zur Folge hatte, dass neben grandiosen Szenen viel Belcantohandwerk zu hören ist. Im Macbeth weist die Rolle der Lady schon ins Musikdrama der späteren Jahre hinein. Meistens versuchen Dirigenten, auch die anderen Passagen etwas aufzurauen, mit Andeutungen zu unterfüttern, interessanter zu machen. Marc Albrecht tut das nicht.

Die Absage der Sopranistin Nadia Michael schmerzt natürlich, Amarilli Nizza entpuppt sich als ordentlicher Ersatz. Sie hat eine durchschlagskräftige, in der Arena di Verona geschulte, aber nicht unbedingt anrührende Stimme. Immerhin wirkt sie schauspielerisch am besten vorbereitet, obwohl sie die kürzeste Probenphase hatte. Scott Hendricks bewältigt die Verwirrungs- und Verzweiflungsarien des Macbeth routiniert, aber es ist schon ungewöhnlich, dass es bei dieser effektgeladenen Oper bei der Premiere erst im vierten Akt eine stärkere Reaktion des Publikums gab, bei der Tenorarie von Wookyung Kim als Macduff.

Klischees wie im Regietheater

Sängerisch bietet die Oper Amsterdam also diesmal nur Mittelklasse. Doch das ist nicht das Hauptproblem der Aufführung. Martin Zehetgrubers Bühnenbild – mal Heide, mal kühler Innenraum einer heutigen Konzernzentrale – ist so ungeschickt konstruiert, dass es mehrere lange Umbaupausen gibt, auch mitten in den Akten. Das zerreißt die Oper vor allem nach der Pause. Allerdings wäre ein echter Spannungsbogen wohl ohnehin nicht aufgekommen.

Andrea Breth liefert viele Inszenierungsklischees, die man vom angejahrten Regietheater erwartet. Die Mächtigen laufen in Anzügen herum, die Hexen sind eine Art Putztrupp. Wenn das Gespenst Banquos erscheint, wechselt das Licht ins Grünliche, und im Hintergrund wabert Nebel. Macbeth und die Lady machen sich nicht die Hände schmutzig, emotionaler Höhepunkt ist das Abfackeln eines großen Teddybären, der sonst in einem Kinderbett ruht. Ja, die beiden sind kinderlos, das Teddytöten soll wohl ihren endgültigen Abschied von der Menschlichkeit symbolisieren. In ihrer Wahnsinnsszene drückt die Lady das verkohlte Plüschtier dann auch an sich.

Was soll´s? In einer Inszenierung der sonst so präzise psychologisierenden Andrea Breth stellt man sich diese Frage selten. In Brüssel zum Beispiel hat sie noch vor kurzem eine packende, verstörende "Traviata" inszeniert. Diesmal wirkt ihre Regie schlapp, uninspiriert und ungenau. Eine Enttäuschung.

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