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Fazit / Archiv | Beitrag vom 04.03.2020

"Verbrechen der Wehrmacht"Wie eine Ausstellung die Deutschen aufrüttelte

Ulrike Jureit im Gespräch mit Eckhard Roelcke

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Das Eingangsportal der Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht" im September 2003 im Dortmunder Museum für Kunst und Kulturgeschichte (imago images)
Das Eingangsportal der Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht" im September 2003 im Dortmunder Museum für Kunst und Kulturgeschichte (imago images)

Vor 25 Jahren sorgte die Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht" für sehr emotionale Debatten. Sie habe auch die Frage nach der Verantwortung der deutschen Bevölkerung aufgeworfen, sagt die Historikerin Ulrike Jureit.

Vor 25 Jahren führte die Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht" des Hamburger Instituts für Sozialforschung in Deutschland zu heftigen politischen Auseinandersetzung und zu gewaltsamen Demonstrationen Rechtsradikaler.  

Die Ausstellung habe damals die Hauptthese gehabt, dass die Wehrmacht als Institution quer durch alle Waffengattungen systematisch an Kriegsverbrechen beteiligt war, sagt Ulrike Jureit. Die Historikerin gehörte ab dem Jahr 2000 als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Sprecherin zum Team der Ausstellung.

Die Hisorikerin Ulrike Jureit präsentiert am 27.01.2002 an einem Pult stehend den Ausstellungskatalog zur Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht" des Hamburger Instituts für Sozialforschung (imago images)Die Historikerin Ulrike Jureit präsentiert am 27.01.2002 den Ausstellungskatalog zur Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht". (imago images)

Diese Mitwirkung einer Truppe, zu der 18 Millionen Soldaten gehört hätten, habe auch zur Frage nach der Mitschuld und Verantwortung der deutschen Bevölkerung an diesen Verbrechen geführt. "Und darüber hat es dann ja auch in den nachfolgenden Jahren nach 1995 bis 2004 sehr heftige und auch sehr emotionale Diskussionen gegeben".

Verstoß gegen das Völkerrecht

Die Ausstellung habe gezeigt, dass die militärische Führung, etwa beim Krieg gegen die Sowjetunion ab 1941, bewusst entschieden hatte, das Kriegsvölkerrecht auszuhebeln. Und sie habe somit den Soldaten in Aussicht gestellt, dass sie auch im Fall verbrecherischer Handlungen keine Strafen zu befürchten hätten, so Jureit.

Die Ausstellung sei bei der deutschlandweiten Debatte dann vor allem von Veteranenverbänden, ehemaligen Soldaten, politisch Konservativen und in rechten Kreisen kritisiert worden, weil sie die Wehrmacht als Ganzes und auch die Soldaten insgesamt verunglimpft gesehen hätten.

"Sie kritisierten eine zu pauschale Argumentation, so nach dem Motto 'Alle Soldaten waren damals schuldig und auch Kriegsverbrecher', was in der Ausstellung so nie gesagt worden ist."

Neuauflage nach Kritik

Nach der berechtigten Kritik an Fotodokumenten, etwa von Erschießungen, die sich später als Taten herausstellten, die dann eher dem sowjetischen Geheimdienst zugeordnet werden konnten, habe es ab 2001 eine zweite Fassung der Ausstellung gegeben:

"Keine Überarbeitung, wohl aber mit der gleichen Grundaussage, dass die Wehrmacht als Institution und auch durch verschiedene Hierarchieebenen hindurch an Kriegsverbrechen mitgewirkt hat. Also in Kooperation mit anderen Verbänden, beispielsweise der SS."

Die Wehrmacht soll wieder rehabilitiert werden

Aktuell erlebten wir erneut – wie schon während der Ausstellung – dass rechtsextreme Zirkel versuchten, die Angehörigen der Wehrmacht, der SA und SS als "gute Kämpfer, als vorbildliche Soldaten" darzustellen.

"Wir sehen heute, dass dieses Thema wieder auf der Tagesordnung steht und das rechte Gruppierungen, auch aus Reihen der AfD, versuchen eben diese, wie es früher hieß, 'saubere Wehrmacht' wieder zu rehabilitieren."

Dass die Debatte damals so intensiv geführt wurde, liege auch an der familiären Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, vermutet Jureit:

"Also, dass die Besucher, egal ob sie für oder gegen diese Ausstellung waren, irgendwie das Gefühl hatten, das hat etwas mit ihnen persönlich zu tun, das sind nicht irgendwie abstrakte historische Fakten, die dort zu sehen sind. Es stellt die Frage tatsächlich nach ihrer eigenen familiären Geschichte."

Kriegserlebnisse aussprechen können

Die Kontroverse habe auch Veteranen erstmals die Gelegenheit gegeben, ihre eigenen Kriegerlebnisse öffentlich zu machen:

"Es gab auch Reaktionen von ehemaligen Soldaten, die sagten, ja, genau, das haben wir gesehen und jetzt können wir auch endlich darüber reden. Weil es auch unter den ehemaligen Soldaten lange tabuisiert war, solche Themen wie Beteiligung an Kriegsverbrechen offen anzusprechen."

(mle)

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