Verbraucherzentrale: EU-weites Provisionsverbot für Finanzprodukte ist alternativlos

"Es gibt noch eine kleine Chance", sagt Dorothea Mohn über ein mögliches Provisionsverbot (hier die Frankfurter Börse). © AP
Dorothea Mohn im Gespräch mit André Hatting · 24.10.2012
Für Dorothea Mohn, Finanzexpertin der Verbraucherzentrale Bundesverband, gibt es keine Alternative zum Provisionsverbot für Verkäufer von Finanzprodukten. Dies sei "das Modell der Zukunft". Am Freitag stimmt das EU-Parlament über eine neue Finanzmarktrichtlinie ab.
André Hatting: Die Finanzkrise hat auch gezeigt: Gier ist kein guter Ratgeber, zum Beispiel, wenn man Provisionen einfach nur dafür kassiert, dass man Verträge abschließt, egal wie sinnvoll die sind. Die Falschberatung unter anderem im Fall der maroden Bank Lehman Brothers hat Tausende Anleger weltweit viel Geld gekostet. Die Politik hat versprochen daraus zu lernen, Regulierung hieß das Zauberwort. Ein Bestandteil: das Provisionsverbot für Verkäufer von Finanzprodukten.

In dieser Woche stimmt das EU-Parlament über die neue Richtlinie ab, aber SPD und Konservative haben jetzt durchgesetzt, dass es nun doch kein Provisionsverbot geben wird. Eine Offenlegung der Vergütung soll ausreichen. Ich bin jetzt mit Dorothea Mohn verbunden, sie ist Finanzexpertin beim Verbraucherzentrale-Bundesverband. Guten Morgen, Frau Mohn!

Dorothea Mohn: Guten Morgen, Herr Hatting!

Hatting: Ist es tatsächlich so, ist das Provisionsverbot gestorben oder gibt es noch eine Chance dafür?

Mohn: Es gibt noch eine kleine Chance, dass sich doch noch ein Provisionsverbot durchsetzen könnte, nämlich eine Europaabgeordnete aus Großbritannien hat noch einen entsprechenden Änderungsantrag eingebracht, über den noch abgestimmt wird. Aber offen gestanden ist das eine sehr kleine Restchance, ich gehe nicht davon aus, dass sich das Provisionsverbot, obwohl es für den Verbraucherschutz extrem wichtig wäre, auf EU-Ebene in diesem Jahr noch durchsetzen wird.

Hatting: Sie sagen in diesem Jahr. Glauben Sie, dass es sich überhaupt noch durchsetzen kann?

Mohn: Ich meine, in dieser Runde, in dieser sogenannten Revision der Finanzmarktrichtlinie – ich glaube, dass das Provisionsverbot das System der Zukunft sein wird, und ich glaube fest daran, dass sich das Provisionsverbot irgendwann durchsetzen wird. So haben sich beispielsweise UK und die Niederlande dafür entschlossen, ab 2013 national Provisionen generell zu verbieten, und ich denke, das ist zukunftsweisend, und ich gehe davon aus, dass weitere Länder dem Vorbild folgen werden.

Hatting: Immerhin, mit Großbritannien als Vorreiter, eigentlich immer sehr bankenfreundlich, das erstaunt. Generell erstaunt es aber auch, dass alle Parteien ja nach dem Schock der Weltfinanzkrise eine umfassende Finanzmarktregulierung angekündigt hatten. Aber jetzt, wo stehen die da?

Mohn: Wir haben meines Erachtens ein wenig Kosmetik in puncto Verbraucherschutz am Finanzmarkt gemacht - wir denken an Produktinformationsblätter, die aber nicht standardisiert sind, wir denken an Beratungsprotokolle, die ebenfalls nicht standardisiert sind, und aus unserer Erfahrung in der Praxis auch nicht für den Verbraucher funktionieren, sondern eher für die Banken im Sinne einer Haftungsabsicherung. Und wir haben verlängerte Verjährungsfristen, das ist sicherlich positiv, aber was man bislang nicht in die Hand genommen hat, ist den Konstruktionsfehler im System anzugreifen, und das sind nun mal die Provisionen.

Für den Verbraucher stellt sich die Situation so dar, dass er in eine Finanzberatung geht, die in Wirklichkeit aber letztendlich ein Verkaufsgeschäft ist, weil im Kern geht es eben darum, dass eine solche Beratung sich nur dann für die Bank oder für den Finanzvermittler lohnt, wenn es tatsächlich zu einem Produktabschluss kommt, und der Finanzvermittler ist aufgrund der provisionsbasierten Vergütung ökonomisch daran interessiert, möglichst Produkte abzuschließen und möglichst viele Produkte abzuschließen, die eine auskömmliche, gute Provision bringen.

Aus den Provisionen erwächst ein Interessenkonflikt, der in vielen Situationen zulasten des Verbrauchers ausgeht, weil er ist in dem Verhältnis zur Bank natürlich kein Experte, er ist der Laie, das ist ja gerade der Grund, warum er eine Finanzberatung aufsucht, und er unterliegt in diesem Interessenkonflikt häufig und trägt die Konsequenzen häufiger Fehl- und Falschberatung mit den entsprechenden finanziellen Nachteilen für ihn.

Hatting: Die Banken und Sparkassen in Deutschland begrüßen, dass es dieses Provisionsverbot vorerst nicht geben wird. Da fragt man sich natürlich, hat da die Bankenlobby ganze Arbeit geleistet?

Mohn: Die Bankenlobby, das ist ganz klar erkennbar – mir liegen auch deren Lobbypapiere vor, und mir gruselt es ein wenig bei der Art der Argumente, die dort angeführt werden, die nach meiner Auffassung häufig einfach nicht der Wahrheit entsprechen. Und natürlich, die Banken kämpfen um den Erhalt der Provisionsvermittlung, weil das für sie eine Absicherung einer guten Einkommensquelle darstellt.

Hatting: Sie haben gesagt, da sind Argumente, die zum Teil nicht der Wahrheit entsprechen, welche zum Beispiel?

Mohn: Beispielsweise wird behauptet, dass schon heute eine vollkommene Transparenz über Provisionen greifen würde. Wir haben das mehrfach untersucht und kommen zu dem Ergebnis, das Gegenteil ist der Fall: Verbraucher erhalten keine glasklare Information darüber, was ihre Finanzgeschäfte in Euro und Cent kosten, wir sind weit davon entfernt.

Dann wird behauptet, dass sich die Honorarberatung nur für vermögende Kunden lohnen würde, ein Großteil – es ist die Rede von 80 Prozent der Bevölkerung - würden von der Finanzberatung abgeschnitten. Auch das ist meines Erachtens eine Behauptung, die auf nichts fußt. Da werden 50.000 Euro ins Spiel gebracht, ab der sich eine Finanzberatung erst lohnen würde, aber wenn man genau hinguckt, 50.000 Euro, wenn man die anlegt, zahlt man darauf schnell 2500 Euro Vermittlungsprovision, und das sind nur die Abschlussprovisionen, da kommt noch was drauf.

Hingegen, wenn sich ein Verbraucher eine Stunde lang gegen Honorar beraten lassen würde, wären das 150 Euro, also eine starke Differenz. Und ich glaube, die Zahlungsbereitschaft für eine Honorarberatung wäre enorm anders, wenn tatsächlich bekannt wäre und dem Verbraucher bewusst wäre, wie viel er schon heute tatsächlich für eine Finanzberatung, Finanzvermittlung zahlt, wenn die Provision denn wirklich auf den Tisch gelegt würden, aber das ist eben nicht der Fall.

Hatting: SPD und Konservative im Europaparlament haben das Argument, dass der Verbraucher noch nicht reif dafür sei, für ein Provisionsverbot. Wie soll man das denn verstehen?

Mohn: Da bin ich auch ein wenig überfragt, ich würde sagen, die Zeit ist nicht nur nicht reif, sie ist überfällig für eine Änderung in diesem System, aber die Politik verweist jetzt in diesem Moment stark auf UK und Niederlande und sagt, lassen Sie uns erst mal gucken, was dort passiert, wie sich dort die Märkte und der Beratungsmarkt entwickeln wird, und dann gucken wir noch mal nach, ob wir uns das als Vorbild nehmen. Aber ich glaube, wir verlieren an der Stelle einfach nur Zeit, und der Verbraucher verliert Zeit, der verliert Zeit für gute Verbraucherfinanzen.

Hatting: Das EU-Parlament knickt ein, kein Provisionsverbot für Banken und Sparkassen beim Verkauf von Finanzprodukten. Das war ein Gespräch mit Dorothea Mohn, Finanzexpertin beim Verbraucherzentrale-Bundesverband. Vielen Dank, Frau Mohn!

Mohn: Vielen Dank!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.
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