Seit 19:00 Uhr Nachrichten

Freitag, 19.07.2019
 
Seit 19:00 Uhr Nachrichten

Interview / Archiv | Beitrag vom 18.09.2018

VerbraucherschutzNur wenige Lebensmittelbetrügereien werden aufgedeckt

Pablo Steinberg im Gespräch mit Liane von Billerbeck

Podcast abonnieren
Zweimal Olivenöl, einmal Rapsöl: Durchs Fälschen lässt sich eine große Gewinnmarge erzielen. (picture alliance / dpa / Jörg Carstensen)
Zweimal Olivenöl, einmal Rapsöl: Durchs Fälschen lässt sich eine große Gewinnmarge erzielen. (picture alliance / dpa / Jörg Carstensen)

Das Thema Lebensmittelbetrug habe endlich die Politik erreicht, sagt Pablo Steinberg. Der Präsident des Max-Rubner-Instituts fordert allerdings weitere Anstrengungen in Europa. Denn Lebensmittelbetrug sei lukrativ und darum sehr verbreitet.

Unerlaubte Zusätze oder Panschereien sind typische Tatbestände für Lebensmittelpanschereien. Für Schlagzeilen sorgt auch ein Fall von Pferdefleisch in der Lasagne, allerdings war das im Jahr 2013. Doch nur ein Teil Lebensmittelbetrügereien werden aufgedeckt, sagt der Biologe und Toxikologe Pablo Steinberg. Steinberg ist Präsident des Max-Rubner-Institutes (MRI), dem Bundesforschungsinstitut für Ernährung und Lebensmittel, und er verweist hier beispielhaft auf Italien. Dort habe man es derzeit mit der Panscherei von Olivenöl zu tun – ein Lebensmittel, bei dem man durchs Fälschen eine große Gewinnmarge erzielen könne. Auch in Griechenland sei mit diesem Lebensmittel Schindluder getrieben worden. So habe im vergangenen Jahr dort eine Bande Sonnenblumenöl grünlich gefärbt und als Olivenöl auf den Markt gebracht. Neben der Zugabe von unerlaubten Zusätzen komme es auch vor, dass ranziges Ölivenöl mit höherwertigem verdünnt werde, so dass die Ranzigkeit nicht mehr bemerkt werde.

Nur die Spitze des Eisbergs wird entdeckt

Solche Betrügereien gebe es in großem Maße, sagt Steinberg. Und er fügt hinzu, dass in Europa wohl nur die Spitze des Eisbergs entdeckt werde. Auch wenn es zahlreiche analytisch-chemischen Verfahren gebe, um Betrügereien auf die Schliche zu kommen, würden eben auch die Betrüger immer erfinderischer. Inzwischen sei das Thema Lebensmittelfälschung aber in der Politik angekommen – erfreulicherweise, wie Steinberg findet. 

In Großbritannien wurde eine National Food Crime Unit ins Leben gerufen, also eine Abteilung der Kriminalpolizei, die sich hauptamtlich mit Lebensmittelbetrug beschäftigt.

An seinem Institut, dem MRI, habe man darum im vergangenen Jahr das Nationale Referenzzentrums für Echtheit und Integrität in der Lebensmittelkette (NRZ-EIL) etabliert, dass alle bisherigen Aktivitäten im Bereich der Lebensmittelfälschung koordinieren soll, so Steinberg. Zudem habe das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit gemeinsam mit dem Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit ein Frühwarnsystem entwickelt, das Warenströme und Marktinformationen verarbeite. Die Idee dahinter sei es, mögliche Szenarien für Betrügereien aufzudecken. Als Beispiel nannte Steinberg: Wenn etwa in der Türkei - von wo 80 Prozent der Haselnüsse kommen -  die Haselnussproduktion schlecht ausfalle, dann sei es wahrscheinlich, dass später Haselnüsse durch andere Nussarten ersetzt würden.

Nationale Schritte reichen nicht

Steinberg sagt, die Zahl der Lebensmittelkontrolleure in Deutschland müsse größer sein als sie derzeit ist. So sei der Think Tank am MRI das einzige Zentrum seiner Art in der Europa. Es brauche mehr solcher Einrichtungen, fordert  Steinberg. Zudem reichten nationale Schritte allein nicht aus: "Wenn wir der ganzen Sache Herr werden wollen, werden wir eine europäische Initiative entfachen müssen, um das Problem, zusammen mit dem Zoll, zusammen mit der Polizei in den Griff zu bekommen."

(mf)

Mehr zum Thema

Analyse des Bundesamts für Verbraucherschutz - Öko-Test und Stiftung Warentest im Vergleich
(Deutschlandfunk Kultur, Mahlzeit, 20.10.2017)

Lebensmittelklarheit - Fünf Jahre Kampf gegen Etikettenschwindel
(Deutschlandfunk, Umwelt und Verbraucher, 13.07.2016)

Gegen den Etikettenschwindel
(Deutschlandfunk Kultur, Netscout, 09.03.2013)

Interview

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur