Verbotene Bücher, verfemte Denker

Mulsow berichtet von vielen Werken aus der Frühen Neuzeit, die nicht überlebt haben. © picture alliance / dpa / Bernd Thissen
13.12.2012
Es gab Zeiten, da war es lebensgefährlich, wenn man bestimmte Dinge dachte, wusste und sie auch noch ausposaunte. Manch einer landete dann auf dem Scheiterhaufen - oder zumindest in der Isolation. Über dieses "prekäre Wissen" hat der Historiker Martin Mulsow ein anschauliches Buch geschrieben.
Was passiert eigentlich, wenn jemand ganz andere Dinge und auf ganz andere Weise denkt, als es dem Zeitgeist entspricht? Schlimmstenfalls landet er auf dem Scheiterhaufen, bestenfalls in der Isolation. Ersterer war im 17. und frühen 18. Jahrhundert zwar noch rege in Betrieb für Ketzer, Atheisten und Freidenker, aber es ist vor allem letzteres, für das sich der Philosophiehistoriker Martin Mulsow in seinem neuen Buch interessiert. Nicht so sehr die großen und spektakulären Andersdenker wie Galileo Galilei, die noch immer jedem Schulkind bekannt sind, sind sein Thema, sondern vielmehr eine Vielzahl weniger bekannter Wissenschaftler und Intellektueller, deren Denken oft nur in Ansätzen überlebt hat. Schriften wurden zensiert und vernichtet, Autoren haben ihre Gedanken nicht publiziert oder erst gar nicht aufgeschrieben, um sich zu schützen.

Wissen ist immer prekär, wie Mulsow in seiner Einleitung ausführt, das weiß selbst in Zeiten der fast unbegrenzten digitalen Speichermöglichkeiten jeder, dem schon mal eigene Texte mit einer kaputten Festplatte für immer ins Nichts abgerutscht sind. Und um wie viel fragiler waren die handgeschriebenen Manuskripte und Briefe, die Bücher in kleinen, leicht verbrennbaren Auflagen, der Frühen Neuzeit!

Das Wissen, das Mulsow beschreibt, ist also weitgehend ein solches, das nicht überlebt hat. Sein Werk handelt darum auch über weite Strecken weniger von Ideen und Theorien als von ganz konkreten Materialfragen der Überlieferung und den vielen kleinen Tricks und Kniffen, dank derer auch verbotenes Gedankengut in der Frühen Neuzeit zirkulierte. Er beschreibt den blühenden Handel mit verbotenen Büchern und heimlich kopierten Manuskripten zu Beginn des 18. Jahrhunderts (Hamburg war ein Zentrum). Oder das Projekt einer Auflistung und Beschreibung aller verbrannten Bücher, das der entlassene Kieler Juraprofessor Johann Heinrich Heubel in den 1720er-Jahren anging. Er befasst sich mit allegorischen Bildern, mit denen der Versuch gemacht wurde, Dinge auszudrücken, die nicht gesagt werden durften. Und erzählt von verzweifelten Selbstmordversuchen, trotzigen Schreibverweigerungen und kunstvollen Argumentationskapriolen, mit denen Philosophen ihr christliches Ich von ihren durch heidnische Philosophie inspirierten Schriften zu distanzieren suchten.

Eines der anschaulichsten Beispiele für "prekäres" Wissen ist die fast einem Krimi ähnelnde Geschichte von den gesammelten Notizen zur Philosophiegeschichte des Göttinger Theologen Christoph August Heumann, die auf dem Postweg verloren gingen – unklar ob durch ein Versagen der Post, oder die Intrige eines Konkurrenten, des Gelehrten Johann Christoph Gottsched. Heumann konnte danach kein Werk zur Philosophiegeschichte mehr schreiben.

Ob wir das Fehlen eines solchen Werkes eines längst vergessenen Gelehrten des frühen 18. Jahrhunderts im Kanon des abendländischen Wissens heute wirklich noch als gravierend empfinden, lässt sich natürlich fragen. Wer aber Interesse für eine Geschichte des Denkens jenseits der gewöhnlichen, breit ausgetretenen Pfade aufbringt, wird Mulsows anschaulich geschriebenen Versuch, auch die vielen Nebenwege und Alternativen zu beleuchten, mit Gewinn lesen.

Besprochen von Catherine Newmark

Martin Mulsow: Prekäres Wissen. Eine andere Ideengeschichte der Frühen Neuzeit
Suhrkamp, Berlin 2012
556 Seiten, 39,95 Euro