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Fazit / Archiv | Beitrag vom 07.07.2016

Veranstaltung "Wenn das Fremde zum Eigenen wird""Identität ist fast immer eine Reaktion auf Differenz"

Armin Nassehi im Gespräch mit Anke Schaefer

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Integrationskurs in Hannover (dpa / picture-alliance / Julian Stratenschulte)
Integrationskurs in Hannover (dpa / picture-alliance / Julian Stratenschulte)

Ist das Fremde wirklich fremd? Das ist eine der Fragen, die im Mittelpunkt der Veranstaltung "Wenn das Fremde zum Eigenen wird" in München stehen. Beides, das Fremde und das Eigene, sei ähnlich schwer zu definieren, sagt der Soziologe Armin Nassehi.

Ist das Fremde wirklich fremd? Das ist eine der Fragen, die im Mittelpunkt der Veranstaltung "Wenn das Fremde zum Eigenen wird. Kulturwandel und Migration" im Prinzregententheater in München steht. Einer der Referenten ist der Soziologe Armin Nassehi, der im Deutschlandradio Kultur das Eigene zunächst einmal hinterfragte.

"Dass wir von so etwas wie homogenen Gesellschaften etwa mit nationalstaatlichen oder ethnischen Grenzen ausgehen, das ist ja eine relativ späte Entwicklung der Menschheitsgeschichte. Insofern war vieles von dem, was uns ganz selbstverständlich erscheint, mal durchaus fremd, und musste dann zum Eigenen werden."

Der deutsche Soziologe Armin Nassehi (dpa / picture alliance / Erwin Elsner)Der deutsche Soziologe Armin Nassehi (dpa / picture alliance / Erwin Elsner)

Nassehi zitierte Georg Simmel, einen der Begründer der deutschen Soziologie mit "Der Fremde ist der, der heute kommt und morgen bleibt". "Wenn man genau hinschaut", so der Soziologe, "dann ist all das, was wir für tausendjährige Tradition halten, meistens erheblich jünger."

Auch der Begriff Identität sei eine sehr moderne Erscheinung. Interessant sei vor allem die Frage, wann wir diese hinterfragen würden.

"Es ist doch sehr spannend, dass wir im Nachgang der Flüchtlingssituation erst jetzt nach unserer eigenen Identität fragen, nach Leitkulturen oder nach der Frage, was das Deutsche denn eigentlich sei oder womöglich das Abendland. Identität ist fast immer eine Reaktion auf Differenz, auf etwas anderes, bei dem man sich dann selbst vergewissern muss, wer man denn eigentlich sei."

Wenn das Fremde bedrohlich wird

Das Fremde zu definieren sei jedoch genauso schwierig wie das Eigene. Gleichzeitig ließen sich Fremdheiten, Differenzen und Ängste auch nicht wegreden. Er als Sozialwissenschaftler interessiere sich vor allem dafür, unter welchen Bedingungen das Fremde eigentlich bedrohlich werde.

"Aus der Forschung wissen wir ziemlich genau, dass die Angst vor dem Fremden fast immer eindeutig korreliert mit so etwas wie unsicheren Lebenslagen und Ängsten, die man in die Zukunft hineinprojiziert."

Gute "Integrationssituation" in Deutschland

Und noch etwas anderes verrieten wissenschaftliche Erkenntnisse, sagte Armin Nassehi.

"Wir wissen auch aus der Forschung, dass Integration von Migrantinnen und Migranten eigentlich dann gelingt, wenn sie schnell in Arbeit kommen, wenn sie eine Wohnung bekommen, wenn sie eine eigene Lebensperspektive haben. Übrigens wenn sie auch gefordert werden, sich an die Sitten des Landes auch irgendwie anzupassen."

Allerdings redeten wir die Migrationssituation in Deutschland meistens schlecht, obwohl wir es im internationalen Vergleich mit einer guten "Integrationssituation" zu tun hätten. Doch über gute Migrationsfolgen werde wenig geredet, da sie meistens unsichtbar seien.

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