ver.di betont Unterschied zu IG Metall in Tarifverhandlungen

Ein Mitarbeiter des Stuttgarter Nahverkehrsunternehmens SSB läuft mit Streikweste und einer Flagge der Gewerkschaft ver.di durch das Busdepot in Stuttgart. © AP
Joachim Meerkamp im Gespräch mit Ute Welty · 10.02.2010
Der Verhandlungsführer der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft ver.di, Achim Meerkamp, betont angesichts des angekündigten Verzichts der IG Metall auf Lohnerhöhung die unterschiedliche Ausgangslage der Gewerkschaften.
Ute Welty: Die einen wollen mehr Geld, die anderen vor allem mehr Sicherheit. Und hier geht es nicht um unterschiedliche Forderungen von Arbeitnehmern und Arbeitgebern, nein, die unterschiedlichen Forderungen kommen von unterschiedlichen Gewerkschaften. Die IG Metall geht zum ersten Mal in der Nachkriegszeit neue Wege und nennt keine konkrete Zahl. IG-Metall-Chef Berthold Huber:

Berthold Huber: Dass die IG Metall hier keine Lohnzahlen nennt, ist natürlich ungewöhnlich, aber für uns ist das die logische Konsequenz aus der jetzigen tiefen Krisensituation und aus den bisherigen Gesprächen.

Welty: Die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di dagegen bleibt bei ihrer Forderung von fünf Prozent mehr Lohn im öffentlichen Dienst. Joachim Meerkamp ist Vorstandsmitglied von ver.di, guten Morgen!

Joachim Meerkamp: Guten Morgen, Frau Welty!

Welty: Können Sie sich vorstellen, dass Sie sich an den Kollegen der IG Metall ein Beispiel nehmen?

Meerkamp: Nein, das können wir nicht. Auch die IG Metall will ja einen Inflationsausgleich, das wollen wir auch. Wir wollen auch, dass wir die Beschäftigungssituation im öffentlichen Dienst erhalten und verbessern, indem wir die Altersteilzeit verlängern, das will die IG Metall auch. Wir wollen Auszubildende eine bessere Perspektive geben, in den öffentlichen Dienst übernommen zu werden, das will die IG Metall auch. Nur das, was wir anders als die IG Metall wollen, ist zusätzliche Lohnerhöhung, weil wir einen Lohnabstand beispielsweise gegenüber der Metallwirtschaft von zehn Prozent in den vergangenen 15 Jahren hatten, und da muss sich in diesem Jahr was tun.

Welty: Aber Ihre Ausgangslage für die heutige Verhandlungsrunde wird durch das Vorgehen der IG Metall ja nicht besser. Der Deutsche Städte- und Gemeindebund hat die Vorlage ja zum Beispiel dankbar aufgenommen.

Meerkamp: Ob sie besser oder schlechter wird, ist für uns erst mal unerheblich. Tarifverhandlungen werden in den Branchen geführt, nicht gesamtgesellschaftlich, und das tun wir. Wenn sich die Städte und der Bund ein Beispiel nehmen würden, dann müssten sie das auch in den Jahren machen, wo in der Metall- oder in anderen Branchen dann auch Lohnerhöhungen erreicht werden, die der öffentliche Dienst nicht bekommen hatte. Wir haben drei Jahre lang keine linearen Lohnentwicklungen gehabt, 2005, 2006 und 2007, das war einmalig, und zwar in anderen Branchen hat es deutliche lineare Lohnsteigerungen gegeben, und dann müssten wir ja sagen können, dann richten wir uns auch an der Metallwirtschaft.

Welty: Noch mal die Frage nach der Strategie: Warum verzetteln sich die einzelnen Gewerkschaften derart?

Meerkamp: Also verzetteln würde ich das nicht nennen ...

Welty: Sondern?

Meerkamp: Die haben die gesonderte Ausgangssituation. Nach dem Auslaufen von Kurzarbeit, nach dem Auslaufen der Abwrackprämie hat natürlich die IG Metall eine Sondersituation, dass sie darum bangen muss, dass in diesem Jahr tatsächlich entlassen wird, und sie versucht, tarifpolitisch darauf zu regieren. Ich finde das sehr klug, was die IG Metall macht. Wir haben uns auch ausgetauscht und festgestellt, dass wir vollkommen unterschiedliche Ausgangsbedingungen haben. Der öffentliche Dienst hat in den vergangenen 15 Jahren 1,6 Millionen Arbeitsplätze abgebaut, wir sind am Ende der Fahnenstange angekommen, und insoweit können wir beispielsweise nicht über Beschäftigungspakte verhandeln.

Welty: Gehen wir noch mal ein auf Ihre Ausgangsforderung von diesen fünf Prozent, das ist ja ein Näherungswert, der sich aus verschiedenen Komponenten zusammensetzt, Sie haben es eben schon mal begonnen aufzuschlüsseln. Die Vergütung für Praktikanten spielt ebenso rein wie die Altersteilzeit. Welche Komponente ist Ihnen besonders wichtig?

Meerkamp: Es sind alle gleich wichtig. Wir brauchen eine verbesserte Einkommensperspektive im öffentlichen Dienst, wir bekommen große Probleme in einzelnen Branchen, für zum Beispiel im Krankenpflegebereich wird es in nächster Zeit immer schwieriger, Fachkräfte zu gewinnen. Wir haben schon seit zwei, drei Jahren ähnlich wie in der Privatwirtschaft im technischen und im Ingenieurbereich große Probleme. Und dadurch, dass der Abstand im Einkommensgefüge vorhanden ist, brauchen wir dort attraktive Bezahlungsbedingungen für. Die Altersteilzeit ist gerade für hoch belastete Beschäftigte im öffentlichen Dienst, die Schicht- oder Wechselschichtarbeit leisten oder witterungsbedingten Arbeiten ausgesetzt sind, wie zum Beispiel in der Müllabfuhr, in der Straßenreinigung oder beispielsweise an den Bodenverkehrsdiensten der Flughäfen eminent wichtig. Und wir haben Altersdurchschnitte im öffentlichen Dienst, die schon die 50 Jahre erreicht haben, und wir brauchen unbedingt Nachwuchs, und wir wollen dafür sorgen, indem wir Auszubildenden eine Übernahmechance geben. Aber wir brauchen auch – und das ist bisher noch nicht genannt worden – endlich ein Ende der Tarifreform im öffentlichen Dienst, die wir 2005 begonnen haben. Sie ist noch nicht abgeschlossen, weil es noch nicht gelungen ist, mit den Arbeitgebern Eingruppierungsregeln für Alt- und Neubeschäftigte zu verhandeln. Und das bedeutet, dass neue Beschäftigte deutlich weniger verdienen als ältere Beschäftigte.

Welty: Das insgesamt macht also diese fünf Prozent aus, dieses gesamte Paket, die Arbeitgeber bieten bisher nichts. Das heißt, könnte man das Verfahren nicht auch abkürzen und sich gleich in der Mitte bei 2,5 Prozent treffen?

Meerkamp: Nein, das geht so nicht. Wir haben eine Forderung, die Arbeitgeber haben bisher gar nichts angeboten, weder Lohnentwicklung noch in den anderen von uns gestellten Forderungsbereichen, und dann, wenn die Arbeitgeber sich bewegen, werden wir uns auf die Arbeitgeber zubewegen. Heute und morgen bietet sich dazu die letzte Chance. Wir haben den dritten Verhandlungstermin, und danach muss klar sein, ob wir am Verhandlungstisch ein Ergebnis erreichen oder nicht.

Welty: Das heißt, es geht Ihnen um die Drei vor dem Komma, die Drei vor dem Komma wäre der Kantersieg?

Meerkamp: Nein, das sage ich nicht, weil qualitative Tarifobjekte müssen auch bezahlt werden, aber letztendlich wird entscheidend sein, ob wir in allen unserer Forderungen irgendwie vernünftige Ergebnisse erreicht haben, und das bedeutet auch, wir brauchen über der Inflationsrate eine Lohnentwicklung im öffentlichen Dienst.

Welty: Sie selbst von ver.di als Arbeitgeber bieten Ihren Arbeitnehmern ja auch keine fünf Prozent, sondern nur 1,5 Prozent, ist das nicht ein bisschen schizophren und macht dieses ganze Ritual der nächtlichen Verhandlungen und der dicken Augen unglaubwürdig, wenn nicht sogar lächerlich?

Meerkamp: Nein. Also 1,5 Prozent sind ja schon mal deutlich mehr als null, wie die Arbeitgeber angeboten haben. Wir sind in Verhandlungen mit dem Gesamtbetriebsrat, und das, was in der Öffentlichkeit nicht bekannt ist: Wir haben die Eingruppierungsreform innerhalb von ver.di schon längst abgeschlossen, und im vergangenen Jahr haben viele Beschäftigte deutlich mehr Geld bekommen, und insoweit gibt es eine ganz andere Ausgangsbedingung.

Welty: ver.di-Vorstandsmitglied Joachim Meerkamp im Deutschlandradio Kultur, danke fürs Gespräch!

Meerkamp: Bitte schön!

Welty: Heute wird also verhandelt über die Tarife im öffentlichen Dienst. Und die gute Nachricht ist: Heute wird nicht gestreikt!
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