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Interview / Archiv | Beitrag vom 06.01.2020

Veganismus als ReligionSieht so Gott aus?

Kai Funkschmidt im Gespräch mit Axel Rahmlow

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Eine vegane Spinat-Suppe, auf die aus Gemüse wie Spinatblätter und Möhren ein Gesicht gezeichnet wurde. (dpa/Fredrik von Erichsen)
Eine vegane Spinatsuppe: Zum Veganismus gehören Heilungs- sowie Heilsversprechen, erklärt Kai Funkschmidt. (dpa/Fredrik von Erichsen)

Nach dem Urteil eines britischen Arbeitsgerichts fällt der Veganismus unter die gleichen Regeln wie eine religiöse Weltanschauung. Auch der Theologe Kai Funkschmidt sieht diese Verwandtheit – und einen zentralen Unterschied.

Rund eine Millionen Menschen in Deutschland leben vegan. Keine tierischen Produkte zu sich zu nehmen, ist für viele eine grundsätzliche Haltung. In Großbritannien ist es auch eine Weltanschauung und gleicht damit einer Religion - das hat ein britisches Arbeitsgericht entschieden.

Der Kläger war bei einer Tierschutzorganisation beschäftigt und hatte den Rentenfonds seines Arbeitsgebers kritisiert, weil der angeblich in Unternehmen investiere, die Tierversuche durchführten.

Der 55-Jährige bezeichnet sich selbst als "ethischen Veganer" und verzichtet nicht nur auf Fleisch, Fisch, Eier und Milch, sondern auf alle Tierprodukte wie auch Leder oder Wolle. Das Arbeitsgericht in Norwich stellte fest: Ethischer Veganismus sei "wichtig" und des "Respekts einer demokratischen Gesellschaft würdig". So zitiert die BBC den Richter.

Die juristischen Auswirkungen dieser Entscheidung sind noch nicht absehbar. Aber es war nicht das erste Mal, dass britische Richter so entschieden haben: Demnach fällt Veganismus unter Artikel 9 der Europäischen Menschenrechtskonvention, die die Religions- und Weltanschauungsfreiheit regelt.

Eine Weltanschauung, die alles bestimmt

Auch Kai Funkschmidt hält den Veganismus für eine Weltanschauung, die religiöse Züge trägt. Der Theologe ist Referent bei der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen. "In der Praxis ist es für manche Menschen, die es sehr ernst nehmen, auf jeden Fall eine Religion." Es gehe um eine Weltanschauung, die das ganze Dasein und das ganze Verhalten präge. "Und das liegt sicherlich bei manchen Veganern so vor."

Zum Veganismus gehörten zum Beispiel körperliche Heilungsversprechen ebenso wie Heilsversprechen, erklärt der Theologe: Also die Hoffnung, dass Weltprobleme gelöst wären, wenn genug Menschen vegan lebten – wie der globale Hunger oder die Klimakrise.

Eine Gruppe von Menschen kommt aus einem Gebäude. (imago images / PA Images / Nick Ansel)Jordi Casamitjana (Mitte) verlässt das Gericht in Norwich. Dort wurde entschieden, dass ethischer Veganismus eine Weltanschauung ist. (imago images / PA Images / Nick Ansel)

Da der Veganismus einen universalen Anspruch hat, sei es ganz normal, wenn Anhänger versuchen, andere Menschen von ihm zu überzeugen. Dieser "missionarische Impuls" sei etwas Positives, weil er Menschen ins Gespräch bringe.

Es fehlt der Transzendenzbezug

Es fehlten dem Veganismus jedoch ein Gott und ein Transzendenzbezug – und dieser fehlende Transzendenzbezug sei ein Problem und der zentrale Unterschied zur christlichen Religion.

"Säkulare Heilsversprechen" wie den Veganismus habe es schon vorher gegeben. Auch der Kommunismus oder der Nationalsozialismus hätten ein allgemeines Heil versprochen, sagt Kai Funkschmidt.

Aber diesen säkularen Heilsversprechen fehle ein wichtiges Korrektiv. Dieses Korrektiv sei die Aussage, dass das kommende Friedensreich unter einem Vorbehalt bestehe und dass es sich dabei nur um eine Richtung handle, nach der man handle: "Der Glaube, man könne das hier verwirklichen, der führt immer in den Totalitarismus."

Die Gefahr, intolerant zu werden

Es fehle das Korrektiv, dass das letzte Gute Gott vorbehalten sei. Es bleibe etwas Jenseitiges, das der Mensch nicht verwirklichen könne: "In dem Moment, wo sie so einen Vorbehalt haben zu sagen 'Ich strebe dort hin, aber ich werde es nie erreichen', werden sie gnädig. Sie werden gnädiger mit sich selber, mit ihren eigenen Fehlbarkeiten."

Diese Gefahr gebe es auch in religiösen Fundamentalismen, sagt Kai Funkschmidt. Ohne diese Gnädigkeit gegenüber den eigenen Fehlern und Menschen, die sich nicht überzeugen lassen, bestehe immer die Gefahr, intolerant zu werden.

(sed)

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