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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 25.04.2010

Veganes Gemüse

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Veganer essen keine tierischen Produkte. (AP Archiv)
Veganer essen keine tierischen Produkte. (AP Archiv)

Veganer sind eine Gruppe besonders ernährungsbewusster Zeitgenossen. Sie verzichten nicht nur auf Fleisch, sondern auf alle tierischen Lebensmittel. Diese Art der Ernährung ist aber gar nicht so einfach - nicht nur weil ein Mangel an Vitamin B12 drohen könnte.

Die Veganer erfreuen sich eines wachsenden Zulaufs – nicht etwa, weil ihr konsequenter Verzicht auf tierische Produkte gesund wäre, sondern eher, weil man sich damit im Club der Ernährungsmarotten als Paradiesvogel outen kann. Ernährungsphysiologisch steht die Gefahr eines Vitaminmangels im Vordergrund, und zwar eines Mangels an B12. B12 kommt nur in tierischen Geweben vor und - in Fäkalien. Der Mensch kann das Vitamin glücklicherweise in seinem Körper speichern und die Speicher halten jahrelang vor.

Wer also im Alter von 20 auf vegane Ernährung umsteigt - nicht etwa nur ohne Fleisch, sondern auf jedwede tierische Kost verzichtet, auch auf Eier, Milch, Quark, Fisch oder Shrimps - der kann damit bis 40 durchhalten. Von einem Mangel sind vor allem Kinder von veganen Müttern bedroht. Mütter, die sich auch nur halbwegs normal ernähren, versorgen ihre Kinder bereits während der Schwangerschaft mit einer B12-Reserve. Ist das nicht mehr möglich, verursacht vegane Kost schwere Entwicklungsstörungen und geistige Behinderung.

Nun ist das konsequente Vermeiden von tierischen Produkten weitaus schwerer, als man sich das gemeinhin vorstellt. Deshalb sind die Veganer immer in Habachtstellung, um ja nicht versehentlich doch noch ein tierisches Fitzelchen zu erwischen. In diesen Kreisen steht sogar Honig auf dem Index, weil er von kleinen Tierchen eingesammelt wurde – obwohl es sich ja überwiegend um Blütennektar handelt. Nur wer keinen Honig isst, schützt die Bienen vor Tierquälerei durch Imker. Wenn die wüssten, dass es früher üblich war, Getreide mit Mottenbefall schnell zu Müsliflocken zu verarbeiten ...

Da fragt man sich natürlich, was mit den vielen Insekten ist, die eher unauffällig in unser Essen geraten. Die Amerikaner haben dafür übrigens genaue Regeln: Erdnussbutter darf in den USA auf 250 Gramm maximal 75 Insektenfragmente enthalten, 1 Liter Tomatensaft 100 Fliegeneier oder wahlweise 20 Taufliegenlarven – ja, die Geschmäcker sind verschieden! – und getrocknete Pilze 75 Milben pro 100 Gramm. Und natürlich dürfen Fäkalien nicht fehlen: Erlaubt sind zwei Nagerköttel pro Kilo Mehl – was bei Rattenschiet schon einen halben Teelöffel ergibt.

Das Lebensmittelrecht der EU will das gar nicht so genau wissen, hier zählt niemand Fliegenbeine, aber Lebensmittel werden nun mal in Feld und Flur erzeugt, und da lässt sich keine absolute Reinheit erzielen. Und so schätzen Fachleute, dass jeder von uns pro Jahr ganz nebenbei ein bis zwei Pfund Insekten vertilgt – fein zerkleinert natürlich. Insofern könnten sich die Veganer schon mal ein Honigbrot gönnen. Vielleicht ist ja in Insekten ausreichend Vitamin B12 enthalten? Tja, aber nur wenn man die richtigen verzehrt, wie beispielsweise Termiten.

Brisant für den Veganer ist aber auch Gemüse und Obst. Denn bei der Verarbeitung werden schon mal Phosphorverbindungen verwendet – und da viele Verbraucher auf natürliche Zutaten stehen, gibt es natürlich auch Zusatzstoff-Anbieter, die hierfür Knochen statt Rohphosphat aufarbeiten. Wer weiß, ob das Calcium, das als Blattdünger und zum Tauchen von Obst verwendet wird, nicht aus Eierschalen gewonnen wurde? Gemüsebrühe wird heute enzymatisch aus Sojaeiweiß hergestellt. Als Enzyme bieten sich Extrakte aus der Bauchspeicheldrüse von Schweinen und Rindern an.

In den Internetforen wird rege darüber diskutiert, welche Pflanzen vielleicht doch noch ein wenig B12 enthalten könnten. Bisher blieb ihre Suche ergebnislos. Deshalb hier ein kleiner Tipp: Wie wär’s mit fleischfressenden Pflanzen? Zwar ist der Tod eines Insektes oder Kleinsäugers in den klebrigen Fängen einer fleischfressenden Pflanze eher qualvoll. Aber es könnte ja ein wenig Vitamin B12 aus dem Tiere von der Pflanze aufgenommen werden. Und es gibt außerdem viel mehr fleischfressende Pflanzen als man bisher dachte. Sie wurden übersehen, weil sie nur bei einem Mangel an Dünger auf tierische Kost umstellen, so wie ein Hybridmotor. Ziemlich intelligent die Stauden, gell? Mahlzeit!

Literatur
Darnowski DW et al: Evidence of protocarnivory in triggerplants (Stylidium spp.; Stylidaceae). Plant Biology 2006; 8: 805-812
Wakayama EJ et al: Vitamin B12 levels in selected insects. Insect Biochemistry 1984; 14: 175-179
Lücke T et al: Mütterlicher Vitamin-b12-Mangel: Ursache neurologischer Symptomatik im Säuglingsalter. Zeitschrift für Geburtshilfe und Neonatologie 2007; 211: 157-161
Louwman MWJ et al: Signs of impaired cognitive function in adolescents with marginal cobalamin status. American Journal for Clinical Nutrition 2000; 72: 762-769

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