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Interview / Archiv | Beitrag vom 17.12.2016

Vatikan-Experte über Papst Franziskus:"Ein General, der allein vor seinem Heer marschiert"

Marco Politi im Gespräch mit Ute Welty

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Papst Franziskus läuft über den Petersplatz in Rom (picture alliance / dpa / ANSA / Giuseppe Lami)
Amtsmüde? Wirkt Papst Franziskus nur selten. Hier eilt er über den Petersplatz auf dem Weg zu einer Audienz. (picture alliance / dpa / ANSA / Giuseppe Lami)

Papst Franziskus wird heute 80 Jahre alt. Anlass, um Bilanz zu ziehen und für Spekulationen: Wird er sich wie sein Vorgänger Benedikt zu Lebzeiten aus dem Amt des Papstes zurückziehen? Marco Politi, Vatikan-Experte und Franziskus-Biograph hält das für möglich.

Papst Franziskus, das Oberhaupt der katholischen Kirche mit ihren rund 1,2 Milliarden Gläubigen, wird heute 80. Seit April 2013 ist der Argentinier im Amt. Zeit für eine Bilanz seines Wirkens und Anlass für Spekulationen: Wird er sich wie sein Vorgänger Benedikt zu Lebzeiten aus dem Amt des Papstes zurückziehen? Kaum ein Außenstehender kennt sich im Vatikan so gut aus wie der italienische Journalist und Autor Marco Politi, der seit Jahrzehnten über die Päpste und die Kurie berichtet.

Der italienische Vatikan-Experte Marco Politi hält es für möglich, dass Papst Franziskus sich wie sein Vorgänger Benedikt XVI zu Lebzeiten aus dem Amt des Papstes zurückzieht.  

Franziskus habe im Vorfeld seines Geburtstages Äußerungen wiederholt, dass er das Gefühl habe, dass seine Amtszeit wenige Jahre dauern werde. Dies sei ein starkes Indiz dafür, dass Franziskus in absehbarer Zeit dem Beispiel Benedikts Beispiel folgen könnte, sagte Politi im Deutschlandradio Kultur.

"Ein Untergrundkrieg" der konservativen Kräfte

Der innerkirchliche Widerstand der konservativen Kräfte gegen die Reformprojekte Franziskus sei sehr stark geworden. "Es ist ein Untergrundkrieg", sagte Politi auch mit Blick auf den Protest von zuletzt vier Kardinälen gegen das päpstliche Schreiben Amoris Laetitia. "Vor allem weil der Papst einen Türspalt offenlässt für die Kommunion der wiederverheirateten Geschiedenen." Im Zusammenhang mit diesem "direkten Angriff auf seine Autorität" würden die Äußerungen des Papstes bei der heutigen Messe mit den Kardinälen mit Spannung erwartet, erklärte der Journalist, Vatikan-Experte und Autor des Buches "Franziskus unter Wölfen".

Papst Franziskus habe in seiner fast vierjährigen Amtszeit einerseits einiges bewirkt. Als Beispiel nannte Politi die Veränderungen für mehr Transparenz bei der Vatikanbank oder eine neue Budgetüberwachung. Bedeutsam sei auch die Einführung einer neuen Beschwerdestelle für Gläubige, die über Bischöfe richten könne, die Vorwürfe von sexuellem Missbrauch vernachlässigten.

Unterstützende Reformbewegung fehlt

Im Unterschied zur Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) sieht Politi heute aber keine breite Reformbewegung in der katholischen Kirche. Es gebe dagegen viel Passivität. Franziskus erhalte zwar von Gläubigen großen Zuspruch, werde aber auch allein gelassen: "Der Papst sieht so aus wie ein General, der sehr stark alleine vor seinem Heer marschiert und eigentlich ist das Heer ein bisschen hinter ihm geblieben."

Von Marco Politi sind unter anderem erschienen: "Benedikt. Krise eine Pontifikats" (2012, Rotbuch-Verlag) und "Franziskus unter Wölfen. Der Papst und seine Feinde" (2015, Herder-Verlag)


Das Interview im Wortlaut:

Ute Welty: Die maltesische Präsidentin, der Präfekt der Kongregation oder der Bischof von Chur, all diese Menschen werden die Gelegenheit haben, Papst Franziskus heute zum 80. Geburtstag persönlich gratulieren zu können. Das liegt aber nicht daran, dass Franziskus sie zu Kaffee und Kuchen eingeladen hat, das liegt daran, dass diese Menschen heute einen regulären Audienztermin haben. Dem Papst liegt nicht viel an Geburtstagsfeiern, heißt es aus dem Vatikan, und wie diese Äußerung einzuordnen ist, weiß Marco Politi, der unter anderem jahrelang für "La Repubblica" aus dem Vatikan berichtet hat. Guten Morgen, Herr Politi!

Marco Politi: Guten Morgen!

Welty: Es gibt ja viele Menschen, die sich an ihren Geburtstag gerne verdrücken wollen und dann doch hocherfreut sind, wenn man an sie denkt und ihnen gratuliert. Gehört Franziskus auch in diese Kategorie oder ist Geburtstag tatsächlich für ihn völlig unwichtig?

Politi: Ja, er ist kein Feiertyp. Er ist kein Feiertyp, er will nicht besonders feiern, er will auch nicht immer in Ferien fahren, und vor ein paar Tagen hatte man ihm schon so Glückwünsche überbracht. Dazu hat er gesagt, nein, wenn man vor dem Geburtstag Glückwünsche sagt, das bringt Unglück. Also für ihn ist das ein ganz normaler Tag. In dem ersten Jahr zum Beispiel hat nicht zum Geburtstag, aber man hatte für ihn ein großes Konzert organisiert, und da ist er überhaupt nicht hingegangen und hat gesagt, ich bin kein Renaissanceprinz, ich brauche nicht Konzerte.

Welty: Ob man …

Politi: Den einzigen Geburtstag, den er wirklich gefeiert hat, war ein paar Monaten nach seiner Wahl. Im ersten Jahr, da hat er eine Gruppe Obdachlosen, einen samt Hund, in den Vatikan geladen und hat dann später gesagt, das war mein schönster Geburtstag meines Lebens.

Welty: Ob man ihn nun feiert oder nicht, der 80. Geburtstag markiert ja schon, dass der größte Teil des Weges gegangen ist. Folglich mehren sich jetzt gerade auch die Gerüchte, dass Franziskus wie Benedikt XVI. zurücktritt. Haben wir in absehbarer Zeit drei Päpste?

"Die Opposition gegen seine Reformpolitik ist sehr stark geworden"

Politi: Es könnte sein. Ganz bestimmt ist es auch ein bitterer Geburtstag, denn es hat ja in den letzten Monaten einen Brief gegeben von vier Kardinälen, der einen direkten Angriff an seine Autorität ist. Diese Kardinäle haben offen sein postsynodales Schreiben "Amores laetitia" über die Familie kritisiert, vor allem, weil der Papst sozusagen einen Türspalt offen lässt für die Kommunion, für die wiederverheirateten Geschiedenen, und heute Morgen eigentlich das Wichtigste dieses Geburtstags wird in 20 Minuten passieren, denn da wird er eine Messe zelebrieren mit den Kardinälen, die hier in Rom sind, und da warten wir alle, was wird er sagen, denn die Opposition gegen seine Reformpolitik ist in den letzten zwei Jahren nicht nur in Rom, aber in der ganzen Weltkirche von Seiten der Konservativen sehr stark geworden. Es ist so ein Untergrundkrieg. Man sieht wenig an der Oberfläche, aber es gibt eine starke Opposition gegen ihn. Komischerweise hat er wieder im Vorfeld dieses Geburtstags noch einmal gesagt, ich glaube, mein Pontifikat wird nur vier, fünf Jahre dauern, das ist so ein Gefühl, das ich habe. Das hat er schon im Jahre 2015 gesagt, aber dass er das wiederholt hat, jetzt, bedeutet irgendwie, dass er fühlt, dass sein Pontifikat doch nicht lange sein wird.

Welty: Vor diesem Hintergrund, was hat Franziskus bislang erreichen können, und was hat er erreichen wollen?

Politi: Er hat eigentlich schon vieles Konkretes geleistet auf verschiedenen Ebenen. Zum Beispiel, er hat Transparenz und Sauberkeit in die Vatikanbank gebracht. Es gibt im Vatikan jetzt ein Komitee gegen Geldwäsche. Viele Bankkonten sind geschlossen worden. Es gibt jetzt auch eine Kontrolle zu sehen, wie sind die Geldbewegungen in der Vatikanbank, wenn es von verschiedenen Leuten, also Geld genommen wird oder Geld gegeben wird, ob es sich nun um einen Angestellten handelt, einem Bischof, einen Kardinal. Der Vatikan hat das Abkommen von der UNO für den Kampf gegen die Korruption unterschrieben. Es gibt ein Sekretariat für Ökonomie, das jetzt auch wachen soll, dass die Budgets in den verschiedenen Dikasterien also immer in Ordnung sind. Also auf dieser Ebene ist sehr viel getan worden. Oder zum Beispiel, was die Missbrauchsskandale anbetrifft, hat der Papst ein besonderes Richteramt in der Glaubenskongregation eingerichtet, das auch über Bischöfe richten soll, die sich in ihren Diözesen nicht um diese Skandale kümmern. Also wenn sie diese Probleme vernachlässigen, hat dann ein Gläubiger, und natürlich ein Opfer, die Möglichkeit, direkt diese Bischöfe vor den Richtstuhl in Rom zu bringen.

Welty: Was wünschen Sie Franziskus denn zum Geburtstag? Dass er seine Nachfolge regeln kann?

"Das große Problem ist, dass der Papst eigentlich alleingelassen wird"

Politi: Ja, ich bin ein Beobachter. Ich glaube, das große Problem ist, dass der Papst eigentlich alleingelassen wird, denn er hat einen großen Konsens unter den Gläubigen, großen Applaus findet er immer, aber in der Weltkirche gibt es nicht eine starke Reformbewegung, die aktiv ist, wie es zu Zeiten des Konzils war. Zu Zeiten des Konzils gab es natürlich starke Kämpfe zwischen Konservative und Reformer, aber die Reformer hatten Bischöfe, Kardinäle, die sich stark einsetzen, es gab Zeitschriften, es gab Bewegungen unter den Gläubigen, es gab Interessengruppen, und diese Bewegung fühlt man heute nicht. Es ist so, eigentlich der Papst sieht so aus wie ein General, der sehr, sehr stark alleine vor seinem Heer marschiert, und eigentlich ist das Heer ein bisschen hinter ihm geblieben.

Welty: Eine sehr gemischte Bilanz an dem 80. Geburtstag von Papst Franziskus, zusammen mit dem Vatikankenner Marco Politi. Dafür sage ich herzlichen Dank!

Politi: Auf Wiedersehen!

Welty: Auf Wiederhören!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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