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Fazit / Archiv | Beitrag vom 11.12.2010

Varietéhafter Agitprop

"Lulu - Die Nuttenrepublik" an der Berliner Schaubühne

Von Eberhard Spreng

In "Lulu - Die Nuttenrepublik" an der Berliner Schaubühne stehen echte Prostituierte auf der Bühne. (Berliner Schaubühne, Sebastian Gabsch)
In "Lulu - Die Nuttenrepublik" an der Berliner Schaubühne stehen echte Prostituierte auf der Bühne. (Berliner Schaubühne, Sebastian Gabsch)

Mit 17 professionellen Sexarbeiterinnen, die eigene Texte auf die Bühne der Berliner Schaubühne bringen, holt Volker Lösch Frank Wedekinds "Lulu" als "Nuttenrepublik" in die Wirklichkeit. Der bei seinen Inszenierungen sonst oft übliche Skandal findet diesmal nicht statt.

Es sind zwei Spielebenen, die Volker Lösch ineinander verschränkt hat: Die eine zeigt einen Chor von Berliner Sexarbeiterinnen verschiedenen Alters, die in Sprechchören von ihren Erfahrungen berichten und denen der Zuschauer gar nicht anders als mit Sympathie begegnen kann.

Die zweite ist eine plakative Agitprop-Version mit Texten aus Wedekinds Dyptichon "Lulu". die Schauspieler der Schaubühne treten das Stück mit wackerem Gehampel, hohler Gestik und rotzigem Gebrüll vor sich her wie einen alten Fußball, in dem fast keine Luft mehr ist. Und jedes Mal, wenn sie auf der Vorderbühne mit einer ihrer Nummern fertig sind, treten die 17 professionellen Sexarbeiterinnen durch die Lücken einer aus aufgestapelten Kopfkissen gebildeten Wand an die Rampe und berichten von den elenden Verhältnissen, in die sie die reale Männerwelt immer wieder stürzt.

"Lulu", das Stück über männliche Projektionen und die verstörende Macht einer ungebremsten Erotik, ist so zwar auch nicht erzählt, aber immerhin etwas Wirklichkeit rettet sich damit in diese varietéhafte Theatershow, mit der man heute selbst hartgesottene Spießer nicht mehr erschrecken kann.

Der Skandal, den das Stück bei seiner Entstehung auslöste und der Skandal, den Lösch in seinen Arbeiten stets provozieren möchte, findet hier nicht statt. Der wäre eher in einer Show zu haben gewesen, die Lösch eigentlich vorhatte und für das er bezeichnenderweise keine Wirklichkeitsvertreter gewinnen konnte: Banker auf Abwegen, erzählt anhand von Georg Kaisers "Von Morgens bis Mitternachts".

Service: "Lulu – Die Nuttenrepublik" von Volker Lösch nach Frank Wedekind mit Texten von Berliner Sexarbeiterinnen hat am 11.12.10 Premiere. Weitere Termine finden sie auf der Webseite der Berliner Schaubühne.

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"Wie viel Prostitution steckt im Bürgertum?"

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