Valeria Gordeev: "Die Zikade ..."
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Lang, länger, für immer…
10:47 Minuten

Valeria Gordeev, Valeria Gordeev
Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden HülleS. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2026640 Seiten
26,00 Euro
Valeria Gordeevs Collageroman "Die Zikade ..." verschaltet Unsterblichkeitsfantasien mit den langen Schatten der russischen Geschichte. Ein ambitioniertes Debüt, das sich an seinem Detailreichtum und der Formenfülle letztlich aber verhebt.
17 Jahre Altersunterschied, 1600 Kilometer Luftlinie und ein Zerwürfnis trennen die Geschwister Lada und Konstantin.
„Als ob sie nicht lieber keinen scheißverdammten Psycho als Bruder hätte – okay, das hätte sie vielleicht nicht sagen sollen; auch nicht, dass sie eher sämtliche Kühlschrankböden ablecke, als ihm noch länger zuzuhören, oder der Vorwurf, er habe ihre Mutter terrorisiert, habe ihre ganze Familie terrorisiert. Doch bestand die größere Grausamkeit nicht viel eher darin, sich so lange und über so viele Kilometer zu entziehen?“
Lada, die Jüngere, hat Filmwissenschaft studiert und wurschtelt sich in Berlin so durch, dauerpleite und planlos. Während der Reinlichkeitsfanatiker Konstantin in einer unterirdischen Forschungsanstalt des russischen Gesundheitsministeriums herumgeistert und den Konservierungsstand von Lenins öffentlich dauerausgestellter Leiche überwacht. Seine Wahlheimat Moskau hat er auch nach Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine nicht verlassen, aus der er mit Mutter und Schwester noch zu Sowjetzeiten nach Deutschland ausgewandert war. Viel gemeinsam haben Bruder und Schwester in Valeria Gordeevs ambitioniertem Debüt „Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle“ auf den ersten Blick nicht. Ihr letztes Bindeglied ist der gemeinsame Patenonkel Boris Bogdanov, ein schwerreicher Oligarch mit mannigfaltigen Interessen:
Der Wunschtraum vom ewigen Leben
„Napoleon, er plane gerade eine neue Biographie, die einiges richtigstellen würde (womit er nicht meinte, dass er sie selber schrieb, er hatte jemanden beauftragt, der sie verfassen würde, Boris, der auch ein Museum finanzierte, das Napoleons Leben gewidmet war, ursprünglich auf St. Helena, bis er die Sammlung nach einem Rechtsstreit auf die Insel Elba hatte verlegen müssen […])“
Boris’ größter Spleen jedoch ist die Longevity. Ein ebenso weit gespanntes wie undurchsichtiges Firmennetzwerk hat sich in seinem Auftrag der Langlebigkeitsforschung verschrieben, wobei in letzter Konsequenz sogar der Tod überwunden werden soll. Sowohl Lada als auch Konstantin weiß der Milliardär in seine Machenschaften einzuspannen, ohne dass die eine um die Zuarbeit des anderen wüsste, und umgekehrt.
„In der Regel stammten die Dinge, die [Konstantin] im Auftrag seines Patenonkels beschaffte, aus einer der unzähligen Forschungsreihen des Instituts, Forschungsreihen, die im Laufe der Jahrzehnte aufgenommen und wieder eingestellt worden waren: Studien über das Altern, Studien über das Nichtaltern, Studien über die Unsterblichkeit. Lebensformen, die selbst den widrigsten Bedingungen zu trotzen gelernt hatten, in extremer Hitze oder extremer Trockenheit, ohne Nahrung oder Licht, in einem Zustand erstarrt, den man als tot bezeichnen müsste, wüsste man nicht, dass schon ein Wassertropfen genügte, um sie zum Leben zu erwecken […]“
Alternative Geschichtsschreibung
Lada wiederum schmuggelt im Reisebus aus Kyjiw illegale Substanzen und bewirbt sich schließlich als Probandin von Medikamentenstudien im Dunstkreis der übrigens real existierenden „Partei für schulmedizinische Verjüngungsforschung“.
Von Allmacht und Kontrollwahn, vom Bindungsverlust und den Wirren der europäischen Geschichte erzählt Valeria Gordeevs ausufernder Collageroman in zig miteinander verschachtelten Geschichten. Der Kunstwille bricht sich bereits im metaphorisch aufgeladenen Titel Bahn: Mit „Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle“ wählt Gordeev für ihren Roman ein Wappentier, das in verschiedensten Kulturkreisen symbolisch für die Ewigkeitssehnsucht steht. Die allzumenschlichen Unsterblichkeitsfantasien schließt die Autorin geschickt mit dem nimmersatten russischen Imperialismus kurz.
Bloß nicht linear erzählen
Der Haupthandlungsstrang über die unbewusst einander wieder zustrebenden Schicksale der Geschwister setzt im Frühsommer 2023 ein und gipfelt im Finale anderthalb Jahre darauf. Doch wird die grobe Plotline immer wieder unterbrochen durch einen wilden Reigen unterschiedlichster Erzählformen: vom Filmskript zum Interview über Google-Bewertungen, Newstickermeldungen und Telefonmitschnitte.
Gordeevs Roman tut alles, um bloß nicht linear zu erzählen. So machen sich unzählige Nebenfiguren breit und wechseln ständig die Schauplätze. Mit besonderem Interesse richtet sich der Blick auf den bewaffneten Aufstand von Jewgeni Prigoschins revoltierender Wagner-Gruppe, der in fiktiver Fortschreibung bis nach Moskau schwappt und der Ukraine den Frieden bringt. Zugleich werden Gerüchte über Putins Doppelgänger genährt, deren Wahrheitsgehalt bewusst in der Schwebe gehalten wird.
„Auf dem Fälschungsvideo sieht man einen Schauspieler, der sich als das Staatsoberhaupt ausgibt und nach der Besichtigung der an einem Altai-Fluss gelegenen Räucherei bei einem Auftritt eines Ensembles traditioneller Kehlkopfsänger einen spirituellen Anfall erlebt. Noch während der Darbietung steht er vor versammelter Zuhörerschaft auf und ruft die folgenden Sätze in den Saal: ‚Ich bin nicht der Präsident. Der Präsident ist tot. Gott schütze Russland … ist verflucht‘, bis der erregt wirkende Mann anschließend, von Sicherheitskräften gestützt, aus dem Saal begleitet wird.“
Lang lebe der Zar!
Am Ende bekommt Russland seinen eigenen Trump, einen vermeintlichen Romanow-Abkömmling mit unschlagbaren Entertainerqualitäten, der Volk und Staatsgewalt miteinander zu versöhnen weiß.
Valeria Gordeev versammelt viele gute Einfälle in ihrem über 600 Seiten starken Erstlingswerk. Auch hat sie Mut zum komplexen Satzbau, den viele ihrer Kollegen im immergleichen Holzhammerstakkato so gar nicht mehr hinbekommen. Dennoch gilt es bei allem Respekt für den hochgesteckten Anspruch nüchtern zu konstatierten – als Roman scheitert „Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle“, weil das Debüt an der eigenen Langatmigkeit allmählich erstickt. Rund zehn Jahre hat die Autorin daran geschrieben, einzelne Szenen wurden lange vor Pandemie und russischer Vollinvasion bereits in diversen Zeitschriften gedruckt. Den Hype so richtig entfacht hat dann der Ingeborg-Bachmann-Preis bei den 47. Tagen der deutschsprachigen Literatur im Jahr 2023, wo Valeria Gordeev unter dem Titel „Er putzt“ einen Auszug las, der seinen Platz letztlich im finalen Sechstel des Gesamtganzen gefunden hat.
Im Rückblick sind Lada und Konstantin noch unter der Obhut der Mutter vereint. Der Ältere putzt minutiös die Küche, derweil die kleine Schwester gemeinsam mit einer Freundin eine Folge „Emergency Room“ schaut.
„Was auffällt, wenn man dem Seriengeschehen nur akustisch folgt, ist, wie gleichbleibend die Szenen nach dem Prinzip von Schrecken und Besänftigung aneinandergereiht sind: Schrecken und Besänftigung, Schrecken und Besänftigung. Man könnte auch von Zuckerbrot und Peitsche sprechen, nur dass es eben stets mit einem Peitschenhieb beginnt und das Zuckerbrot erst hinterhergereicht wird. Es zieht sich über die ganze Folge. Auf die Aufregung, das Geschrei, das Fachvokabular folgen Phasen des Innehaltens, der Ruhe, des friedlich-witzelnden, freundlich kollegialen Köpfe-Zusammensteckens. Man verabredet sich, bespricht die Feierabendpläne, bespricht den draußen niedergehenden Regen. Einer der Pfleger spielt hobbymäßig in einem Shakespeare-Ensemble und trägt zur Belustigung seiner Kolleginnen Textstrophen vor. Sehr irritierend: Ein Arzt, es ist der Schleimer und Frauenheld in der Runde, spricht mit der deutschen Synchronstimme des Sternenflottenoffiziers William Riker.“
Am eigenen Anspruch gescheitert
Eine Passage, in der Licht und Schatten von Gordeevs Prosa aufeinandertreffen. Der Rhythmus sitzt, auch die Detailtreue fasziniert – bis man sich fragt, was hier eigentlich verhandelt wird? Und das ist in der Pointe leider nicht mehr als die einigermaßen banale Erkenntnis, dass die US-Schauspieler George Clooney und Jonathan Frakes gleichsam vom versierten Detlef Bierstedt eingedeutscht werden.
„Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle“ ist voll von 90er-Jahre-Kleinodien und darüber hinaus allen möglichen anderen Gemeinplätzen: Napoleon war gar nicht außerordentlich klein; Eisbärenmännchen killen die Kids fürsorglicher Weibchen, um diese rasch wieder begatten zu können; Piroggen schmecken mal so, mal so. Valeria Gordeev tendiert mitunter dazu, mittelmäßig spannende Beobachtungen für bewusstseinserweiternde Erkenntnisse zu halten. Nehmen wir Lada, die während einer Reisebuspinkelpause versucht, ihre Trinkreserve aufzufüllen.
„Armaturen, die so dicht über dem Waschbecken angebracht waren, dass sie die Flasche nicht unter den Wasserstrahl halten konnte, nicht aufrecht jedenfalls, der Abstand war zu gering. Ein formbares Behältnis hätte sie knicken und portionsweise mit Wasser befüllen können, bei einer Flasche aus Hartplastik funktionierte diese Knick-und-Durchlauf-Technik jedoch nicht. Um sie trotzdem irgendwie aufzufüllen, musste Lada den Flaschenmund schräg unter den Wasserstrahl halten und mit der Hand ein Verbindungsstück formen, wodurch das Wasser, das durch ihre Faust schoss, nicht nur den Spiegel bespritzte, den Spiegel und den Boden, auch Ladas Ärmel hatte es erwischt, die Hose, die Schuhe.“
Ungerechtfertigter Hype
Passagenweise erhärtet sich der Eindruck, hier habe jemand ihre Notizbücher Stück für Stück in einen immer weiter aus dem Leim gehenden Roman transformiert. Auch die allermeisten eingefügten Zeichnungen der erfahrenen Illustratorin erscheinen im eigenen Romandebüt bloß wie gimmickgleiche Absatztrenner. Ebenso beliebig wirkt der anfängliche Flirt mit dem Kyrillischen und der Mehrsprachigkeit, was bald schon keine entscheidende Rolle mehr spielt.
Auf gewitzt-humorvolle Episoden folgt Klamauk, den im Vorschautext angedrohten „Höllenritt“ kann man sich lediglich mit fehlendem Blickkontakt zum Abgrund erklären. Was alles ungemein hart klingt in Anbetracht eines Debütromans, der so viel riskiert, zugleich aber auch unbedingt eine eierlegende Wollmilchsau sein will. Beinahe schlüssig zögert „Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle“ das eigene Ende immer weiter hinaus – wie jener Boris Bogdanov, der partout nicht sterben will. Doch der stimmige Effekt rechtfertig nicht den Hype um den insgesamt unstimmigen Roman.








