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Friedhofsbesuche mit Schriftstellern / Archiv | Beitrag vom 30.08.2013

Uwe Timm

Bogenhausener Friedhof, München, Deutschland

Von Tobias Wenzel

Uwe Timm auf dem Bogenhausener Friedhof (Tobias Wenzel)
Uwe Timm auf dem Bogenhausener Friedhof (Tobias Wenzel)

Inwiefern sind die Toten laut Uwe Timm nicht so tot, wie wir meinen? Und warum möchte der Agnostiker auf einem katholischen Friedhof beerdigt werden?

"Hier kommen wir dann zu ... Na, wo ist er, unser Fassbinder? Komisch. Der muss hier irgendwo liegen."

Gerade eben hat Uwe Timm noch erzählt, wie er jedes Mal auf dem riesigen Friedhof in Hamburg-Ohlsdorf das Grab seiner Mutter sucht, und ergänzt, so etwas könne einem zum Glück auf dem Bogenhausener Friedhof nicht passieren. Und nun findet er auf ebendiesem überschaubaren Kirchhof das ihm vertraute Grab des Regisseurs nicht.

"Ach da ... ist dieses kleine nette Bäumchen, das man ihm gepflanzt hat. Rainer Werner Fassbinder liegt hier. Da hat irgendjemand so ein merkwürdiges Küken abgesetzt. Das gehört auch dazu, dass bei dem Fassbinder immer irgendwelche Devotionalien sind, die manchmal ganz komisch sind. Also hier hat einer so eine Plastikente raufgesetzt."

Die Spätnachmittagssonne lässt die ehemalige Dorfkirche St. Georg im Münchner Stadtteil Bogenhausen in einem warmen Weiß erleuchten. Hier wurde am 28. Juli 1944 Pater Alfred Delp nach der Frühmesse verhaftet und ein halbes Jahr später in Berlin erhängt. Zwei Gedenktafeln an der Kirche erinnern an den Jesuiten und andere Münchner, die hingerichtet wurden, nachdem sie sich gegen die Nationalsozialisten aufgelehnt hatten.

"Deshalb ist mir dieser Friedhof ganz besonders nah und sympathisch, weil er auch etwas Widerständiges hat."

Überhaupt ist der gebürtige Hamburger ein Friedhofsgänger. Sein Roman "Halbschatten" spielt zu einem großen Teil auf einem Friedhof. Und die Hauptfigur seines Romans "Rot" verdient ihr Geld als Beerdigungsredner. Timm selbst hat ein feines Gespür für die Toten entwickelt:

"Diese Toten sind natürlich nicht so tot, wie wir denken. Die sind körperlich tot. Aber die Präsenz der Toten ist natürlich enorm. Die begleiten uns im Bewusstsein, in der Emotion. Es gibt immer wieder Situationen, wo man plötzlich aufmerkt und denkt: ‚Ach, könnte das nicht meine Mutter sein, so von dem Lachen, von der Stimme her?‘"

Diese Erinnerung an die Toten erlösche oft erst mit unserem eigenen Tod. Den fürchtet Uwe Timm nicht. Ganz im Gegenteil:

"Es ist eine große Neugierde bei mir, wie das dann ist, dieses Moment des Erlöschens. Diese Spannung, diese Offenheit darauf, diese Erwartung darauf, das ist etwas, was dem Tod auch eine große Würde gibt. Also das ist eben nicht nur ein Zufall oder so versteckt, sondern es ist etwas, was ich auch erwarte, also sehr bewusst erwarte."

Uwe Timm auf dem Bogenhausener Friedhof (Tobias Wenzel/ Knesebeck Verlag)Uwe Timm auf dem Bogenhausener Friedhof (Tobias Wenzel/ Knesebeck Verlag)


"Und hier ist der Erich Kästner. Man muss sich dieses Grab ansehen! Das ist wirklich so was von schön! Ein riesiges Blumenbeet. Dann sind immer irgendwelche Zettelchen von Kindern, die hier waren und die anheften. Das wuchert geradezu. Als ob er sich in Blumen verwandelt hätte."

Uwe Timm würde gerne einmal selbst auf diesem katholischen Friedhof mit den schmiedeeisernen Grabkreuzen beerdigt werden. Obwohl er evangelisch war und nun als Agnostiker in gar keiner Kirche mehr Mitglied ist.

"Ich weiß gar nicht, ob die hier aufgenommen werden, die Nichtgläubigen."

Seit seiner Kindheit denkt Uwe Timm über den Tod nach, seit sein Bruder Karl-Heinz im Krieg starb, nachdem er sich freiwillig zur SS gemeldet hatte.

"Also es ist genau der Tote, der gar nicht tot war. Der saß also mit am Tisch bei uns zu Hause, weil immer seiner gedacht wurde, über ihn geredet wurde, der mir auch als Vorbild vorgehalten wurde."

Der Vater habe den Tod seines Kindes verklärt und die enttäuschten Erwartungen dann auf Uwe Timm übertragen. Die Mutter habe dagegen wirklich getrauert und so den Tod des Sohnes besser bewältigen können:

"Bei meiner Mutter war das eine viel genauere und offenere Liebe zu den Kindern, die sie so nahm, wie sie waren. Und das war bei meinem Vater eben gar nicht so. Das ist bei vielen Menschen so: Das ist so ein Moment, in dem sie sich geradezu beleidigt fühlen, wenn jemand weggeht, den sie eigentlich brauchen. Das kann eine sehr egoistische Haltung sein."

Uwe Timm hat auf einer Holzbank Platz genommen. Die Sonne ist hinter der efeuberankten Friedhofsmauer untergetaucht.

"Dieses Loslassen steckt auch in der Liebe drin: Wer wirklich liebt, kann eben auch loslassen."

"Uwe Timm, Bogenhausener Friedhof, München, Deutschland"

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