USA

Oscars, Walk of Fame und die Armut

Viele illegale Einwanderer bekommen irgendwann eine Green Card - doch der Weg dorthin ist lang. © AP Archiv
Von Kerstin Zilm · 28.01.2014
Vom Glanz und Glamour nur ein Paar Blocks weiter bekommt man hier wenig mit: Die Wohnungen in Ost-Hollywood sind mit Einwandererfamilien überfüllt. Obama will etwas gegen die Armut tun - doch die bemerken bisher nicht allzu viel davon.
Am Küchentisch zwischen Herd und Spüle sitzen acht Frauen eng nebeneinander und löffeln Suppe und Reis. Aus den Schlafzimmern neben der Küche und aus dem oberen Stockwerk kommen immer wieder Männer in Arbeitskleidung dazu. Einer von ihnen winkt mich hinüber ins Wohnzimmer. Dort sitzen nochmal vier Frauen auf einem niedrigen Sofa. Sie schauen Det Kongpia und mich neugierig an. Sechs Zimmer, sechs Familien. Küche und Wohnzimmer werden geteilt, erklärt Det mit Hilfe einer Übersetzerin.
Miete in Hollywood ist so teuer. Wir müssen alle zusammen wohnen, um zu überleben. Wir leben zu viert in einem Raum, die ganze Familie. Es wäre gut, wenn es mehr bezahlbare Wohnungen gäbe.
Ein Zimmer in dem zweistöckigen Haus nur wenige Minuten entfernt vom Hollywood Boulevard kostet 450 Dollar plus Nebenkosten. Damit ist die Hälfte von Det Lohn weg, er arbeitet Vollzeit als Küchenhilfe in einem Thai-Restaurant.
Vor sieben Jahren zahlt er Menschenschmugglern 20.000 Dollar für die Einreise in die USA. Dort angekommen zwingt man ihn zu unterbezahlter Erntearbeit, bis ihn die Anwälte einer Thai-Organisation rausboxen, er eine Green Card erhält, schließlich seine Frau und seine zwei Töchter in die USA holt.
Viele Familien leben in überfüllten Wohnungen
Det ist Reisbauer. In Amerika hofft er auf eine bessere Zukunft für sich und vor allem für seine Kinder. Doch die tun sich schwer mit der Sprache.
Wir arbeiten den ganzen Tag und haben keine Zeit, ihnen zu helfen und mit ihnen Englisch zu lernen. Manche Kinder aus dem Viertel hier arbeiten, um ihre Eltern zu unterstützen. Wir aber wollen, dass sie zur Schule gehen.
In Ost-Hollywood leben viele Familien wie die von Det in überfüllten Wohnungen. Sie sind Einwanderer mit Niedriglohnjobs, kommen aus Armenien, Lateinamerika und Thailand. Von Glanz, Glamour, Oscars und rotem Teppich ein paar Blocks westlich bekommen sie nichts mit.
Wenig später kommt Det Frau an den Tisch. Die Haare im Nacken zusammen gebunden, verbeugt sie sich vor mir, legt die Handflächen dabei vor der Brust aneinander.
Niemand hier besitzt viel
Liam ist voller Energie, lacht gerne, erzählt lebhaft. Aus ihrem Leben in den USA, wo es so viel schwerer ist, überhaupt zu überleben, als sie ursprünglich dachte.
In Thailand hatte ich mein eigenes Zimmer, meine eigene Küche und konnte auf der Straße Essen verkaufen. Das darf man hier nicht ohne eine Genehmigung.
Deshalb geht sie jetzt putzen, obwohl sie viel lieber als Masseuse arbeiten würde. Doch Unterricht und Lizenz kosten 3000 Dollar - unerschwinglich für die Thailänderin. Zum Glück, sagt sie, bekommen die Kinder in der Schule Frühstück und Mittagessen kostenlos. Möbel und Kleidung sind Spenden von Hilfsorganisationen. Viel, sagt Liam, besitzt hier sowieso niemand. Das bisschen will sie mir gern zeigen.
Ein paar Frauen folgen uns die Treppe hinauf, warnen mich, es sei nicht aufgeräumt. Links neben der Treppe kommen wir an einem Vorhang vorbei, dahinter eine kleine Nische mit einer Matratze: der Schlafplatz für einen Teenager. Liam öffnet die Tür daneben.
Drei Matratzen liegen eng nebeneinander auf dem Fußboden, Medikamentenschachteln auf einem Tischchen daneben. Kleidung ordentlich gestapelt und aufgehängt im Schrank ohne Tür. Ein Gaskocher auf dem Boden. Liam erklärt: Murat und die 19 Jahre alte Tochter haben eine eigene Matratze. Sie teilt ihre mit der zehnjährigen Nai.
Bis zum Studium zu kommen, ist schwer
Die ist inzwischen von der Schule nach Hause gekommen. Mit zwei anderen Mädchen aus dem Haus macht sie Hausaufgaben am Wohnzimmertisch. Die drei haben noch ihre Schuluniformen an: weiße Hemden über blauem Faltenrock.
Immer, wenn wir mit den Hausaufgaben nicht fertig werden, sagt die 10-Jährige, müssen wir sie halt hier machen. Und das sei manchmal schwer. Weil es immer laut ist und Nai nicht alle Wörter weiß - und dann auf ihre ältere Schwester warten muss.
Auch die ist inzwischen zu Hause. In einer Hand hält Ying ein Schlüsselbund mit Mickey-Mouse-Anhänger, in der anderen ein Handy. Ihr langer Pony fällt ins Gesicht. Die 19-Jährige will am liebsten Maschinenbau studieren. Doch bis dahin ist es ein weiter Weg.
Zuerst muss ich den Schulabschluss schaffen, dann will ich studieren. Aber vor allem will ich meinen Eltern helfen, die Rechnungen zu bezahlen und ich passe auf meine Schwester auf. Am Wochenende kellnere ich in einem Thai-Restaurant.
Die anderen Frauen haben inzwischen Essen auf den Tisch gestellt: Suppe, frittierten Fisch, Fleisch und Reis. Alle Stühle im Wohnzimmer und das Sofa sind besetzt mit Kindern, Teenagern, Müttern und Vätern.
Das Viertel soll eine "Promise-Zone" werden
Dass Barack Obama ihr Viertel zur Promise-Zone erklärt hat, in nächster Zeit also Geld für Projekte zur Armutsbekämpfung fließen soll - das wussten Det, Liam und die anderen gar nicht.
Doch wenn schon mal eine Reporterin da ist und sich für ihr Leben interessiert, dann soll ich dem Präsidenten doch gleich eine Botschaft überbringen:
Det: Wir brauchen mehr bezahlbare Wohnungen, bessere Bildung und Jobs für die Kinder, wenn sie fertig mit der Ausbildung sind.
Liam: Wir brauchen auch Jobs für Frauen, damit die Männer nicht die ganze Last tragen müssen. Wir können nur überleben, weil wir die Kosten teilen. Keine Familie würde es allein schaffen.
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