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Zeitfragen | Beitrag vom 16.07.2019

US-Wissenschaftlerin Katharine HayhoeEine Klimaforscherin im texanischen Widerstand

Von Kerstin Zilm

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US-Präsident Barack Obama, Leonardo DiCaprio und mittendrin Dr. Katharine Hayhoe kommen am 3. Oktober zu einer Podiumsdiskussion über den Klimawandel im Rahmen der Veranstaltung "South by South Lawn" im Süden des Weißen Hauses , 2016 in Washington DC zusammen. (Getty Images / Aude Guerrucci)
Podiumsdiskussion im Weißen Haus: Katharine Hayhoe mit dem damaligen US-Präsidenten Barack Obama und Hollywoodstar Leonardo DiCaprio in Washington (Getty Images / Aude Guerrucci)

Texas ist berühmt für Riesensteaks, Ölbarone und konservative Menschen. Dort lebt aber auch eine Forscherin, die revolutioniert, wie man in den USA über Klimawandel spricht. Sogar Barack Obama und Leonardo DiCaprio hören Katharine Hayhoe zu.

Alle zwei Wochen erklärt Katherine Hayhoe in einem Video was Klimawandel ist. "Global weirding" heißt ihre Serie in Zusammenarbeit mit dem öffentlichen Fernsehsender von Austin Texas, KTTV. Auf deutsch etwa: "Globales Seltsam-Sein".

Sie widerlegt Mythen über den Klimawandel, die unter konservativen US-Bürgern weit verbreitet sind. Zum Beispiel: Erderwärmung ist erfunden. Klimawandel hat es schon immer gegeben. Es gibt keinen wissenschaftlichen Beweis für Erderwärmung. Es ist egal wie viel Energie wir verbrauchen, weil Gott bestimmt, was mit dem Planeten geschieht.

Katharine Hayhoe kontert: Klimawandel ist real und das meiste davon haben Menschen verursacht. Diese Botschaft verbreitet die Wissenschaftlerin wo immer sie kann. Bei "TED-Talks" zum Beispiel.  In lustigen Rap-Videos mit anderen Klima-Wissenschaftlern.

Mit Obama und DiCaprio auf der Bühne

Vor ein paar Jahren sogar auf einer Bühne mit Schauspieler Leonardo DiCaprio und dem damaligen US-Präsidenten Barack Obama. Obama sagte bei der Gelegenheit Katharine Hayhoe sei ein Vorbild dafür, wie über Erderwärmung und notwendige Veränderungen geredet werden sollte: über Parteigrenzen hinweg, ernst aber humorvoll und vor allem nicht herablassend.

Obama: "Es ist wichtig, dass wir, die dieses Thema wichtig finden, Katharines Beispiel folgen und andere ernst nehmen, die sich Sorgen machen, welche Folgen diese Veränderungen für ihre Familien haben."

Bis weit in ihr Studium kannte Katherine Hayhoe gar niemanden, der die Realität von Klimawandel anzweifelte. Sie wurde 1972 in Kanada geboren. Ihre Eltern waren Missionare. Ihr Vater war Lehrer für Naturwissenschaften, beide Eltern Missionare. Mehrere Jahre lebten sie in Südamerika. Katharine studierte dann in Toronto Physik und Astronomie. Nachdem sie eine Vorlesung über Klimawandel besuchte, wechselte sie die Disziplin und zog um, in die USA, um in Illinois atmosphärische Wissenschaften zu studieren.

Intensive Diskussionen mit dem späteren Ehemann

Dann traf die evangelikanische Christin ihren zukünftigen Mann. Der erste Mensch, der ihre Wissenschaft komplett in Zweifel zog. Pastor Andrew Farley gefiel, wie wichtig Katharine ihr Glaube war, erzählt er in einem Dokumentarfilm. An von Menschen verursachte Erderwärmung glaubte er nicht.

Farley überhäufte Hayhoe mit Fragen: Hat die Erwärmung nicht mit natürlichen Zyklen zu tun? Mit Vulkanen? Mit Kuhblähungen? Mit der Sonne? Katharine hatte überzeugende Antworten. Sie blieben in Kontakt, diskutierten weiter, heirateten.

Katharine bekam eine Stelle an der Universität von Texas Tech. Dort leitet sie jetzt das Zentrum für Klimawissenschaften. Ihr Sohn, Galvin ist inzwischen elf Jahre alt.

Der Pastor und die Professorin schrieben gemeinsam ein Buch über Klimawandel und christlichen Glauben. Beide berufen sich in Diskussionen um Erderwärmung auf Botschaften der Heiligen Schrift.

"Es steht schon in der Bibel: Wir Menschen sollen alle lebenden Dinge auf diesem Planeten bewahren. Außerdem werden wir in vielen Passagen aufgefordert, die zu lieben, denen es weniger gut geht. Klimawandel betrifft unverhältnismäßig stark genau die: Arme und Verletzliche."

Gut geschult für spätere Konfrontationen

Die Zweifel ihres zukünftigen Manns waren nur ein Vorgeschmack auf zukünftige Konfrontationen in den USA mit Gläubigen und mit Politikern. 2012 schrieb Hayhoe ein Kapitel für ein Buch über Umweltschutz, das der damalige republikanischen Präsidentschaftskandidaten Newt Gingrich veröffentlichte.

Als bekannt wurde, dass sie darin keinen Zweifel an der Realität von Klimawandel ließ, wurde ihr Text abrupt gestrichen. Hayhoe tat ihrem Unmut über die Entscheidung öffentlich kund und wurde prompt mit Hass-Briefen überschüttet.

"Es war schwierig. Als Wissenschaftlerin habe ich nicht geübt, mit dieser Art von Kommunikation umzugehen. Wir orientieren uns an Fakten und haben bestimmte Standards für Wahrheit und Anstand. Es war ein interessanter Realitätscheck wie außerhalb der Wissenschaftswelt diskutiert wird."

Freundlich trotz herablassender Kritik

Nach wie vor hat sie es regelmäßig mit herablassenden Kritikern zu tun. So vor Kurzem im Stadtrat von Austin Texas mit dem republikanischen Abgeordneten Dan Zimmerman:

Der warf ihr Angstmacherei vor und kritisierte, dass alle Probleme der Erde inzwischen auf Klimawandel zurückgeführt würden, obwohl es dafür niemals eindeutige Beweise geben würde. Aus seiner Sicht kennt jeder Fünftklässler den Grund für Klimaänderungen: die Sonne.

Hayhoe antwortet in diesen Konfrontationen freundlich und gelassen. Sie will über Parteigrenzen und spirituelle Grundsätze hinweg Fakten über Klimawandel vermitteln. Das Erwähnen dieser Fakten, das hat Hayhoe über die Jahre gelernt, hebt sie sich bei solchen Gesprächen allerdings am besten für einen späteren Zeitpunkt auf.

"Wir können nicht mit Wissenschaft anfangen, wir müssen mit Werten anfangen. Ich spreche also zuerst über etwas, was mich mit meinem Gegenüber verbindet. In Texas sage ich zum Beispiel: Mir sind Texas und seine Zukunft wichtig. Ohne Wasser, da sind wir uns einig, haben wir keine Zukunft. Klimawandel wird Wasser noch knapper machen."

Windräder in einem Baumwollfeld in Colorado City, Texas, USA. (imago/imagebroker)Kein US-Bundesstaat produziert mehr Windkraft: Windräder in einem Baumwollfeld in Texas. (imago/imagebroker)

Sie appelliert außerdem an den Pioniergeist der Texaner, die schon jetzt mehr Windkraft produzieren als irgendein anderer US-Bundesstaat und das Potential haben, eine wichtige Rolle bei der Rettung der Erde zu spielen, ein Ziel, bei dem sich jenseits jeglicher Kontroversen alle einig sein können.

"Worüber wir nicht streiten sollten ist, dass wir alle Menschen sind, gemeinsam auf diesem wunderbaren Planeten leben, und dass es für uns alle gut ist, wenn wir ihn in besserem Zustand an unsere Kinder übergeben."

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