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Weltzeit | Beitrag vom 26.02.2020

US-Wahl käuflich?Milliardär Bloomberg for President

Von Antje Passenheim

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Das Bild zeigt, wie eine Frau ein Selfie mit dem demokratischen Präsidentschaftskandidaten Michael Bloomerg macht. (Getty Images / George Frey)
Am 3. März steigt Michael Bloomberg in den Vorwahlkampf der US-Demokraten ein. Seine Strategie: Werbespots und Konzentration auf die Schlüsselstaaten. (Getty Images / George Frey)

Am Super Tuesday will Michael Bloomberg in die Vorwahlen der US-Demokraten einsteigen und im November Donald Trump schlagen. Spenden braucht der achtreichste US-Bürger nicht. Er hat 64 Milliarden US-Dollar, einen effizienten Plan – aber viele Kritiker.

"Ladies and Gentlemen, the next President of the US: Mike Bloomberg!"

Das Ziel ist noch weit. Für Mike Bloomberg. Trump schlagen, heißt es. Bloomberg scheint versessen darauf: Der Showdown der New Yorker. Hölzern marschiert der Ex-Bürgermeister der Metropole auf einer Wahlveranstaltung in Philadelphia zur Musik von U2 auf die Bühne.

"In dieser Wahl geht es darum, was wir unseren Kindern und Enkeln erzählen werden - darüber, was wir in diesem Moment getan haben. Lasst es mich klar sagen: Ich trete an, um Donald Trump zu besiegen."

Ein Rockstar ist er nicht. Bloomberg ist kein Erlöser vom Typ eines Barack Obama. Bloomberg wirkt eher wie der Sheriff aus High Noon in Schwarz-Weiß. Der 78-Jährige will die Gerechtigkeit wieder herstellen. Die Ehre der amerikanischen Verfassung:

"Niemals in der Geschichte unseres Land gab es eine größere interne Bedrohung durch einen Präsidenten, der die Verfassung nicht respektiert, und einen Senat, der sie nicht beschützt."

Den bisherigen Demokraten-Bewerbern hat Bloomberg das nicht mehr zugetraut. Da griff er selber zu. Er kann es sich leisten.

"Auf meinen Wahlkampfreisen durchs ganze Land bekomme ich immer wieder eine Frage gestellt: Wollen wir wirklich, dass zwei New Yorker Milliardäre um die Präsidentschaft kämpfen? Dann frage ich immer zurück: Wer ist denn der andere Milliardär?"

Bloomberg zahlt 400 Millionen aus der Portokasse

Mike Bloomberg ist der achtreichste US-Amerikaner und einer der reichsten Männer der Welt. 64 Milliarden Dollar schwer ist der Medienunternehmer laut Wirtschaftsmagazin "Forbes". Trump hat dagegen gerade schlappe drei Milliarden. Während der Präsident die Millionen für seine Wiederwahl zusammenkratzt, muss sich Bloomberg um Spenden gar nicht erst bemühen: Der Chef des florierenden Finanznachrichtendienstes zahlt den Wahlkampf aus der Portokasse.  

Nach Medienberichten hat Bloomberg dafür schon weit über 400 Millionen Dollar ausgegeben. Die meisten für teure Werbeclips im Fernsehen und Radio.

Der Finanzdaten-Guru kämpft auch digital. Facebook, YouTube, Instagram – mit so genannten Memes will er junge Wähler erreichen. Kleine Bildchen, Textstücke oder Videos, die sich viral verbreiten. Dabei setzt Bloomberg auf Influencer mit Millionen von Followern. Der digitale Aufmarsch gegen Twitterer Trump, sagt Bloombergs Kampagnen-Manager Kevin Sheekey:

"Er hat eine Kampagne aufgebaut, die allen anderen Demokraten vielleicht ein Jahrzehnt voraus ist. Um die Wähler da abzuholen, wo sie sind."

Bei Wahlkampfveranstaltungen lässt er Essen und Drinks reichen. Der Selfmade-Milliardär und Menschenfreund hat nie gegeizt, wenn er Sinn in etwas sah. Ob seine Bewegung für schärfere Waffengesetze, ob Bildung oder Klimaschutz. Als die USA unter Präsident Trump aus dem Pariser Abkommen ausscherten, sprang der New Yorker sofort ein: Er zahlte aus eigener Tasche das, was die US-Regierung nun nicht mehr tat: viereinhalb Millionen Dollar für das Klima. 

Selfmade Milliardär mit Echtzeit-Finanzdaten

Bloomberg hat nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass er mit Geld nur so um sich werfen kann. Denn im Gegensatz zu Donald Trump hat er es selbst verdient und erfolgreich vermehrt. Bloomberg ist irgendwie der amerikanische Traum. Sein Vater war ein einfacher Buchhalter in einer Molkerei. Mikes Lieblingsbuch als Teenager ist die Geschichte eines armen Jungen, der zum Mitarbeiter eines US-Freiheitskämpfers wird. Als der studierte Ingenieur auch noch auf der Harvard Business School angenommen wird, warnt ihn seine Mutter: Das dürfe ihm niemals zu Kopf steigen.

Bloomberg arbeitet sich bei der Investmentbank Solomon Brothers hoch. Als die Bank verkauft wird, fliegt er raus. Das Beste, was ihm passieren konnte: Mit seiner Millionen-Abfindung gründet Bloomberg seine Firma. Als erster beliefert er Finanzfirmen mit Echtzeitdaten. Dazu entwickelt er ein System vernetzter Computer, die sogenannten Bloomberg-Terminals. Später ergänzt er den Dienst mit einer Mediensparte. Heute arbeiten rund 20.000 Menschen in aller Welt für Bloomberg LP. Er hat zwei Töchter. Von ihrer Mutter trennt er sich.

Als Bürgermeister in New York: Durchsuchungen ohne Anlass

Dann wagt er sich erstmals in die Politik. Der "kleine, geschiedene, jüdische Milliardär aus New York" – so hat er sich selbst beschrieben. Als Nachfolger von Bürgermeister Giuliani erobert er New York. Er ist hochgradig beliebt. Der Republikaner machte demokratische Politik: Er tritt für das Recht auf Abtreibung ein, strengere Waffenkontrollen und die Homo-Ehe. Bloomberg schafft Wohnraum für Arme, begrünt die Stadt, lässt Radwege bauen. Und gewöhnt den New Yorkern das Rauchen ab, mit Verboten in Gebäuden und Parks. Unter seiner Regierung wird die hochkriminelle Stadt zu einer der sichersten der USA. Doch diese Politik bringt ihm auch viel Kritik ein:

Unter der Devise "Stop and Frisk" – "Stoppen und Durchsuchen" durfte die Polizei beliebig New Yorker filzen – ohne dass sie dazu Anlass gaben. Das geschah zum Teil sehr rabiat und richtete sich gegen bestimmte Bevölkerungsgruppen: Neunmal soviele Afroamerikaner und Latinos wurden von der Polizei durchsucht wie Weiße. 2013 stoppte ein Gericht die Praxis. Bloomberg hat sie jahrelang verteidigt. Als er seine Kampagne startet, entschuldigt er sich dafür. In einer schwarzen Kirchengemeinde in Manhattan sagt er:

"Ich habe etwas Wichtiges falsch gemacht. Etwas sehr Wichtiges. Ich habe damals nicht richtig begriffen, was das für die schwarzen und die Latino-Gemeinden bedeutet hat. Ich wollte Leben retten. Aber wie wir wissen: Gute Ziele sind nicht gut genug."

Bloomberg weiß auch: Ohne die lateinamerikanische und schwarze Wählerschaft kann er nicht gewinnen.

Eigentlich kann ein New Yorker Bürgermeister nur zweimal ins Amt. Bloomberg darf sich 2009 ein drittes Mal wählen lassen - um die Stadt sicher aus der Finanzkrise zu führen. Unter den Geschäftsleuten, die ihn unterstützen, ist Immobilienmogul Trump. Sie golfen zusammen. Feiern zusammen. Und der Bürgermeister hilft dem Baulöwen dabei, dass er eine Müllhalde in der Bronx zum Luxus-Golfplatz macht:

"Wenn einer die Stadt verändert hat, ist das Donald Trump. Er hat viele wundervolle Dinge getan. Und dies hier ist nur eines."

Auch Trump lobt den Bürgermeister: "Du warst ein großer Mann. Dieser Typ ist fantastisch."

Ein Golfplatz hat Trump und Bloomberg entzweit

Beide sind New Yorker. Beide Milliardäre. Beide haben mehrfach ihre Partei gewechselt. Doch Trump hat es nie in das Establishment geschafft wie Bloomberg, erklärt Kampagnen-Chef Sheekey:

"Ich glaube, Trump will alles sein, was Mike ist. Er will eine echte Führungspersönlichkeit sein. Er will jemand sein, der seine Versprechen einhält, was Krankenversicherung angeht, wie Mike es getan hat. Er will jemand sein, der ein richtiges Unternehmen gegründet hat. Er möchte ein echter Milliardär sein."

Als Trump später großspurig erklärt, der Golfplatz in der Bronx wäre auf seinem Mist gewachsen, nimmt es ihm Bloomberg krumm. Kenner meinen: Der Golfplatz hat die beiden entzweit.

"Donald Trump und ich – wir könnten gar nicht unterschiedlicher sein. Ich bin der Gegen-Trump. Er bricht Versprechen, ich halte sie. Er spaltet, ich eine. Er twittert, ich halte mich an Fakten. Wie wäre es, wenn es in Zukunft gar keine Tweets mehr aus dem Oval Office gegen würde?"

Bloomberg traut es keinem andern zu: Joe Biden zu schwach. Elizabeth Warren und Bernie Sanders zu links. Sanders schlägt zurück:

"Der Milliardär kann diese Wahl nicht kaufen!"

Vorwurf von Frauen: sexistische Bemerkungen

Doch Bloomberg nimmt die Abkürzung, macht Wahlkampf mit Millionen und Daten. Lässt die ersten kleinen Staaten der Vorwahlen aus und steigt – selfmade – gleich am Super Tuesday ein, wenn in mehr als einem Dutzend Staaten gewählt wird und sich viele Stimmen holen lassen. In seiner ersten Fernseh-Debatte mit den andern Demokraten fällt er durch.

Die beiden sind einander zugeneigt. Bloomberg spricht zu Warren und gestikuliert mit der rechten Hand.  (AP / dpa / John Locher)Erste TV Debatte der Demokraten mit Michael Bloomberg am 19. Februar. Es hagelt viel Kritik. Auch von der Senatorin Elizabeth Warren. (AP / dpa / John Locher)

Bloomberg wirkt unbeholfen und ungelenk. Und lässt sich in die Mangel nehmen: Wegen "Stop and Frisk", seiner Milliarden und seiner Frauenfeindlichkeit:

"Ein Milliardär, der Frauen fette Tussis und pferdegesichtige Lesben nennt", feixt seine Rivalin Elisabeth Warren. Tatsächlich werfen mehrere Frauen dem Bloomberg-Chef vor, dass er sexistische Bemerkungen gemacht hat. Seine Anwälte brachten sie mit juristischen Vereinbarungen zum Schweigen. Auf Twitter korrigierte sich Bloomberg jetzt. Er entlasse die Frauen aus der Abmachung. Und solange er das Unternehmen führe, würden solche Vertraulichkeitsvereinbarungen auch nicht mehr abgeschlossen. Bloomberg verspricht außerdem: Den Konzern würde er verkaufen, sollte sein Traum wahr werden. In den Umfragen holt er auf: Mike Bloomberg steht in den meisten auf Platz drei - hinter Sanders und Biden. Sein ehemaliger Golffreund feixt:

"Ich schlage ihn. Ich würde ihn liebend gern schlagen."

Zwei New Yorker mit demselben Ziel. Bloomberg hat bereits klar gemacht: Trumps Niederlage ist ihm wichtiger als sein eigener Sieg. Seine demokratischen Mitbewerber seien alle gute Leute, sagt er.

"Ich unterstütze auch jeden anderen. Wenn ein anderer die Nominierung bekommt, werde ich ihn oder sie unterstützen."

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