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Zeitfragen | Beitrag vom 20.01.2021

US-WaffenrechtDas zähe Ringen um eine Reform

Von Jürgen Kalwa

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Nummernschild aus dem Staat North Carolina mit der Aufschrift „Gun Girl“ (Imago / Jerker Ivarsson)
17 Millionen Schusswaffen wurden allein im vergangenen Jahr in den USA verkauft. (Imago / Jerker Ivarsson)

Trotz zahlreicher Schusswaffenmassaker in den USA verteidigen viele Amerikaner ihr Recht, eine Waffe zu tragen. Sie berufen sich dabei gern auf den Zweiten Verfassungszusatz. Doch die Pro-Waffen-Mehrheit in der Bevölkerung scheint zu bröckeln.

Im Laufe der Geschichte der Vereinigten Staaten hat es mehr als 30 Mordanschläge auf die Männer gegeben, die das höchste Amt im Land bekleidet haben. Das letzte Mal 1981 auf Ronald Reagan. Insgesamt vier Präsidenten bezahlten ihre politische Karriere mit dem Leben. Doch um keines der Attentate entstand ein solcher Kult wie um das, was am 23. November 1963 in Dallas geschah, als Präsident John F. Kennedy erschossen wurde.

Die Sechzigerjahre in den Vereinigten Staaten waren eine einschneidende Dekade. Ein Zeitabschnitt, der mit großen Hoffnungen auf wirtschaftliche und soziale Fortschritte begann, aber gegen Ende eher den Eindruck erweckte, als würde die Nation auseinanderbrechen.

Die Morde an Politikern wie John F. Kennedy, dessen Bruder Robert Kennedy und dem schwarzen Bürgerrechtler Martin Luther King, beide im Jahr 1968, waren nicht die einzigen Ereignisse, die diese Spirale vorantrieben. Gewalt schwebte damals wie ein Leitmotiv über den vielen schweren gesellschaftlichen Konflikten: über dem Krieg in Vietnam, dem brutalen Einsatz der Polizei gegen schwarze Bürger im Süden des Landes, über der militanten Black-Panther-Bürgerrechtsbewegung.

Mehr als eine Million Tote durch Waffengewalt

Zwei Entwicklungen in dieser Zeit wurden uns allerdings erst ziemlich spät deutlich, sagt Chris Murphy, seit 2014 Senator für den Bundesstaat Connecticut in Washington und Autor eines umfassenden Buchs, das letzten Sommer erschien. Titel: "The Violence Inside Us" - Die Gewalt in uns. Zum einen die wachsende Armut vor allem in den großen Städten und dann der dramatischer Anstieg von Pistolen in Privatbesitz:

"Waffenbesitz kehrte auf das Niveau der Gründerzeit zurück. Tötungsdelikte mit Schusswaffen stiegen um 51 Prozent. Amerikanische Firmen verkauften immer noch Millionen von Waffen. Aber jetzt drängten ausländische Konkurrenten wie Glock in atemberaubendem Tempo auf den Markt. 1955 wurden 67.000 Pistolen in die USA importiert. Bis 1968 stieg diese Zahl auf 1 Million."

Fünfzig Jahre später ziehen Statistiker eine alarmierende Bilanz. Seit Ende der Sechzigerjahre wurden im US-amerikanischen Alltag mehr Menschen mit Pistolen und Gewehren erschossen als auf allen Schlachtfeldern zusammen, auf denen US-Soldaten seit der Gründung ihrer Nation Ende des 18. Jahrhunderts weltweit gekämpft hatten. Die Gesamtzahl? Mehr als eine Million Tote.

Mehr Gefängnisinsassen trotz rückläufiger Gewaltverbrechen

Die Soziologin Jennifer Carlson, Professorin an der University of Arizona in Tucson, forscht seit einigen Jahren intensiv nach den Gründen für diese Faszination für Handfeuerwaffen und hat bereits zwei Bücher darüber veröffentlicht. Ihre Quintessenz: Die US-amerikanische Geschichte war zwar schon immer von einem Hang zur Gewalttätigkeit geprägt. Aber das Problem erhielt im Laufe der Sechzigerjahre eine völlig neue Dimension:

"In den Sechziger- und Siebzigerjahren geschieht so etwas wie eine Verschiebung. Die alte Idee der Pionierzeit und des wilden Westens irgendwo da draußen und ganz weit weg verschwindet. Was entsteht, ist die Idee von einem neuen Schauplatz, für den es sich zu wappnen gilt: die wachsende allgemeine Kriminalität und Verbrechen mit Schusswaffen in unseren Gemeinden, in unseren Städten. Die Sechzigerjahre sind das Jahrzehnt, in dem Waffengewalt auf eine sehr neue, drängende Art und Weise in das amerikanische Bewusstsein rückt."

Doch was damals Ängste schürte, ist inzwischen längst abgeklungen. Offizielle Kriminalstatistiken besagen: Die Zahl schwerer Verbrechen – egal, ob Mord oder Raub – sinkt seit den Neunzigerjahren langsam aber beharrlich. Gleichzeitig wächst die Zahl der Gefängnisinsassen massiv.

Von Polizisten geschützt rennen Schüler am 20.4.1999 in Littleton, Colorado aus der Columbine High School.  (picture-alliance / dpa / AFP Leffingwell)Das Massaker an der Columbine Highschool am 20.4.1999 hatte zahlreiche weitere Amokläufe an Schulen zur Folge. (picture-alliance / dpa / AFP Leffingwell)

Doch parallel nehmen Amokläufe zu. In Schulen, Kinos, Nachtklubs und Kirchen werden – scheinbar wahllos – wehrlose Opfer niedergemetzelt. Zu den Tätern gehören unter anderem Jugendliche wie in Columbine, einem Vorort von Denver, wo 1999 zwölf Schüler und ein Lehrer getötet wurden, ehe die Polizei eintraf.

Seit diesem Anschlag gab es fast fünfzig gleichartige allein in Schulen. Und in zwanzig Fällen fühlten sich die Täter von dem Amoklauf von Columbine unmittelbar inspiriert.

Wenn in anderen Ländern solche Massenmorde passieren, bemühen sich Gesetzgeber darum, den Zugang zu Waffen zu erschweren. Das beste Beispiel dafür ist Australien, das lange ähnlich laxe Gesetze hatte wie die USA. Doch 1996, nach einem Amoklauf mit 35 Toten, intervenierten die Gesetzgeber. Sie setzten durch, dass man nur noch eine Waffe kaufen darf, wenn man eine amtliche Lizenz besitzt. Gleichzeitig wurden im Rahmen einer staatlichen Rückkaufaktion geschätzt rund ein Drittel aller im Umlauf befindlichen Waffen eingesammelt und vernichtet. Die Folge: Die Zahl der Toten durch Schusswaffen sank massiv. Australien liegt heute am unteren Ende der Skala westlicher Nationen.

Schülerprotest gegen Waffengewalt

In den USA gibt es nach Amokläufen durchaus heftige politische Debatten. Besonders nach Massakern in Schulen wie in Sandy Hook in Connecticut 2012 oder in Parkland in Florida 2018, als überlebende Schülerinnen und Schüler aktiv wurden und einen Protestmarsch in Washington organisierten. Die 18-jährige Emma Gonzalez hielt dort eine bewegende Ansprache:

"Sechs Minuten und rund 20 Sekunden. In etwas mehr als sechs Minuten wurden uns 17 unserer Freunde genommen. 15 wurden verletzt. Jeder, der da war, versteht. Jeder, den die eiskalte Hand der Waffengewalt berührt hat, versteht."

Bundesweite Gesetze, die den Zugang zu Waffen zu erschweren, gibt es bislang nicht. Ein US-Präsident kann im Alleingang keine tiefgreifenden Veränderungen durchsetzen. Der Kongress muss mitziehen. Etwas, worum sich Barack Obama 2013 bemühte, als er ein System schaffen wollte, das alle Waffenverkäufe zentral erfasst. Jeder Kaufinteressent sollte künftig vorab überprüft werden, ob er als ehemaliger Straftäter womöglich sein Recht auf den Erwerb verwirkt hat.

"Um etwas nachhaltig zu bewirken, muss der Kongress bald handeln. Ich wende mich hiermit an den Kongress mit einigen sehr präzisen Vorschlägen."

So damals Präsident Obama. Doch sein Appell blieb ohne Wirkung. Die Suche nach Lösungen wird auch dadurch erschwert, dass es zwei gesetzliche Ebenen gibt: die Bundesebene, die von Washington aus regiert wird und Bestimmungen für alle 330 Millionen US-Amerikaner schaffen kann. Und parallel die Ebene der insgesamt 50 Bundesstaaten, die, anders als die Länder in Deutschland, gesetzlich große Gestaltungsfreiheiten haben – auch im Strafrecht.

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Den Kampf gegen neue Gesetze betreibt vor allem eine mitgliederstarke und von der Waffenindustrie finanziell geförderte Vereinigung – die National Rifle Association. Eine lautstarke, selbstbewusste Lobby-Organisation, die jeden Versuch, das Waffenrecht einzuschränken, als Verstoß gegen die verfassungsmäßigen Freiheitsgrundsätze brandmarkt.

Wayne LaPierre, der Geschäftsführer der NRA, formulierte es in einer Rede vor Journalisten so: Das einzige, was einen Bösewicht mit einer Schusswaffe aufhalten würde, sei ein guter Mensch mit einer Schusswaffe.

Ein Plädoyer für etwas, was die Politikwissenschaft gemeinhin als Vigilantismus charakterisiert. Ein Wort, in dem die Rechtfertigung für Selbstjustiz mitschwingt, wie sie einst im Wilden Westen üblich war.

Was LaPierre kritisiert: Das Problem seien nicht die Pistolen und Gewehre, sondern die Medien. Einerseits verherrlichten sie durch Videospiele Gewalttaten, andererseits dämonisierten sie US-amerikanische Schusswaffenbesitzer.

LaPierres Rede in Washington provozierte damals eine Frau im Saal. Sie rollte ein Banner aus und protestierte lautstark.

"Die NRA hat Blut an ihren Händen. Verbietet Sturmgewehre! Verbietet sie augenblicklich!"

Umstrittene Interpretation des "Second Amendment"

Im Kern ist das Problem der gesamten Debatte die Interpretation der US-amerikanischen Verfassung. Das Recht auf privaten Waffenbesitz wurde wenige Jahre nach der Gründung der Vereinigten Staaten in einem Verfassungszusatz, dem so genannten Second Amendment, als Grundrecht verankert:

"A well regulated Militia, being necessary to the security of a free State, the right of the people to keep and bear Arms, shall not be infringed."

Der Satz klingt bereits im Original seltsam verklausuliert. Und er wird in der deutschen Übersetzung nur dann klarer, wenn man ihn teilweise interpretiert. Das hat die US-amerikanische Botschaft in Deutschland in einem offiziellen Dokument getan.

"Da eine gut ausgebildete Miliz für die Sicherheit eines freien Staates erforderlich ist, darf das Recht des Volkes, Waffen zu besitzen und zu tragen, nicht beeinträchtigt werden."

Doch Interpretation ist genau das Problem. Was bedeutet in die heutige Zeit übersetzt "Miliz"? Und kann man wirklich "people" mit "Volk" übersetzen? Oder müsste es in diesem Zusammenhang nicht "Bürger" heißen? Und was meint "infringe"?

Waffenbesitz war in den Gründerjahren nicht alltäglich

Die Verfassungsrechtlerin Paulina Starski, Professorin an der Universität Graz, gehört zu einer kleinen Gruppe von Expertinnen und Experten im deutschsprachigen Raum, die sich mit Schwierigkeiten im Umgang mit Originaltexten auskennen – also auch mit der wortgenauen und gleichzeitig wohl austarierten Auslegung eines 230 Jahre alten Verfassungstextes. Ein Text aus einer Zeit, in der Handfeuerwaffen Vorderlader und Musketen waren, mit denen man, wenn alles gut lief, vielleicht 20 Bleikugeln pro Stunde verschießen konnte.

"Die Hauptfrage, die sich da stellt: Verbürgt diese Klausel, dieser Verfassungszusatz ein individuelles Recht auf privaten Waffenbesitz und einen Einsatz von Waffen?", so Starski.

"Lange Zeit haben viele Gerichte, unter anderem auch der Supreme Court, diese Klausel nicht so verstanden, dass sie tatsächlich ein privates, ein individuelles Recht verbürgt. Man hat diese Klausel eher in Zusammenhang mit dem Artikel eins der Verfassung gesehen und hat sich auf diesen ersten Teil der Klausel bezogen, diese Einleitung, diese wohlregulierte Miliz, und hat das vor dem Hintergrund eines Umsturzes verstanden. Eine Art Absicherung der Einzelstaaten gegen einen starken Bundesstaat mit einer starken Armee, der in die Souveränität der Einzelstaaten eindringen könnte."

Waffenbesitz war in den Gründerjahren des Landes keine Alltäglichkeit, weiß Professor Paul Helmke, Jurist, einst Bürgermeister von Fort Wayne in Indiana und später Leiter der "Brady Campaign to Prevent Gun Violence". Eine Organisation, die nach dem beim Attentat auf Ronald Reagan schwer verletzten Pressesprecher benannt ist und die sich für gesetzliche Reformen engagiert.

"Eine Studie von Nachlassakten in Massachusetts und einer anderen Kolonie hat belegt, dass in den 1770er- und 1780er-Jahren überhaupt nur 14 Prozent der Männer Waffen besaßen. Nur 14 Prozent. Und die Hälfte von denen funktionierte nicht. Die Idee, dass sich Angehörige der Milizen schnell ihre Waffen schnappen und die Lage retten, ist nur ein Mythos."

Ein Pro-Waffen-Schild verweist auf den Zweiten Verfassungszusatz. (imago / UPI Photo)Viele US-Amerikaner halten eisern an der Auffassung fest, es gebe ein unverbrüchliches Recht auf privaten Waffenbesitz. (imago / UPI Photo)

Dass dieser Verfassungstext von einer per Gesetz etablierten Miliz spricht, ergibt im historischen Kontext durchaus Sinn. Die USA waren am Anfang ihrer Geschichte ein Land mit widerstrebenden Ambitionen. Die Union war wichtig als reiner Zweckverband, um nach dem gewonnenen Unabhängigkeitskrieg gegen die britische Monarchie weitere Attacken von außen abzuwehren. Aber die Schaffung einer Zentralmacht auf Kosten der einzelnen Staaten galt vielen als suspekt. Die USA begannen als ein Experiment, bei dem man versuchte, diese beiden Kraftfelder auszubalancieren.

Fakt ist: Die Bundesstaaten nutzen seitdem ihren Gestaltungsspielraum unter anderem, um eigene Waffengesetze zu erlassen. Einige gelten als äußerst lax – wie etwa in New Hampshire, South Carolina oder in Texas. Andere reglementieren stark – wie Kalifornien, New York oder Massachusetts. Doch 2008 griff der Oberste Gerichtshof in dieses Gestaltungsrecht ein. Die Richter des Supreme Court erklärten damals das restriktive Waffengesetz im politisch selbständigen District of Columbia, der offiziellen Bezeichnung für die Hauptstadt Washington, für verfassungswidrig. Der Dreh- und Angelpunkt sei der Zweite Verfassungszusatz, sagte das Gericht:

"Wir sind der Ansicht, das vom District of Columbia ausgesprochene Verbot des Besitzes von Handfeuerwaffen verstößt ebenso gegen den Zweiten Verfassungszusatz wie die Bestimmungen, die die Aufbewahrung funktionierender Waffen in Privatbesitz zum Zweck der Selbstverteidigung verbieten."

Kein Freibrief, jederzeit eine Waffe zu tragen

Immerhin räumten die Richter bei ihrer Auslegung des Second Amendment ein, das dort verankerte Recht auf privaten Waffenbesitz sei kein Freibrief:

"Wie die meisten Rechte gilt auch das Recht des zweiten Verfassungszusatzes nicht unbeschränkt. Es ist kein Recht, jede beliebige Waffe auf jede Art und Weise und zu jedem Zweck zu besitzen und zu tragen. Die Meinung des Gerichts sollte nicht so verstanden werden, dass sie langjährige Verbote des Besitzes von Schusswaffen durch Schwerverbrecher und psychisch Kranke in Frage stellt – oder Gesetze, die das Tragen von Schusswaffen an sensiblen Orten wie Schulen und Regierungsgebäuden verbieten, oder Gesetze, die Bedingungen an den kommerziellen Verkauf von Waffen knüpfen."

Trotzdem war Paul Helmke mit der Entscheidung der Richterinnen und Richter am Supreme Court nicht zufrieden:

"Was der Oberste Gerichtshof 2008 aufgebracht hat, war eine neue Definition. Und das finde ich immer noch beängstigend. Die Richter ignorierten im Grunde die ersten 13 Worte des Zusatzes, die Milizklausel. Und sie konzentrierten sich nur auf den zweiten Teil: auf das Recht, Waffen zu besitzen und zu tragen."

Die wenigen Gesetze, die auf Bundesebene bis dahin verabschiedet worden waren – zum Beispiel 1934 das Verbot von Maschinenpistolen, wie sie die Mafia benutzt hatte, 1968 die Einführung eines Mindestalters von 21 und das Besitzverbot für überführte Verbrecher sowie für psychisch kranke Menschen – hatten alle in eine Richtung gewiesen: hin zu mehr Reglementierungen. Doch der jahrelange Widerstand der National Rifle Association stoppte nun die Reformer, weil sich der Supreme Court mit seiner Grundsatzentscheidung eingeschaltet hatte. Noch einmal Paulina Starski:

"Das heißt, diese individualrechtliche Interpretation war etwas, was lange Zeit überhaupt nicht auf dem Schirm des Diskurses und auch der Gerichte stand. Und plötzlich hat man in dieser Entscheidung 2008 dem eine ganz andere Dimension beigegeben, die natürlich mit erheblichen Konsequenzen verbunden ist. Und das muss doch ein bisschen verwundern."

Radikale Milizen träumen vom Umsturz

Die Entscheidung im neunköpfigen Supreme Court fiel knapp aus. Nur fünf Richter stimmten dafür, vier dagegen. Ihre Einschätzung, wonach privater Waffenbesitz ein Grundrecht sei, liefert seitdem das Alibi unter anderem für die Militarisierung rechter Gruppen. Bei Protestaktionen im vergangenen Jahr in mehreren Bundesstaaten traten sie als selbst ernannte private Miliz-Organisationen auf. Die radikalsten unter ihnen träumen vom Umsturz. So wie jene Gruppe, die im Oktober in Michigan vom FBI verhaftet wurde:

"Heute Abend wurden insgesamt 13 Männer angeklagt. Sie sollen den Plan gehabt haben, Gouverneurin Gretchen Whitmer zu kidnappen und zu ermorden und die Regierung zu stürzen."

Andere verbinden mit dem Recht auf Schusswaffen einen zentralen Programmpunkt im Kulturkampf. Eine typische Repräsentantin ist Lauren Boebert, die 2020 ins Repräsentantenhaus in Washington gewählt wurde. Die Republikanerin aus Colorado veröffentlichte vor wenigen Wochen ein Video, in dem sie selbstbewusst mit einer geladenen Pistole durch die Straßen der Hauptstadt paradiert:

"Hi, ich bin Lauren. Ich weigere mich, meine Rechte aufzugeben. Besonders nicht ein Recht wie den zweiten Verfassungszusatz. Ich werde meine Pistole in Washington und im Kongress tragen. Es ist unser Job, eure Rechte zu verteidigen. Und genau das werde ich hier tun."

Die Mehrheit wünscht Beschränkungen im Waffenrecht

Die "Verteidigung des zweiten Verfassungszusatzes" ist schon lange der Kernslogan vieler Politikerinnen und Politiker der Republikanischen Partei. Tatsächlich wächst einerseits der Anteil der US-amerikanischen Bevölkerung, der für Einschränkungen plädiert. Laut einer Umfrage des Pew Research Center im September 2019 sind das 60 Prozent der Befragten. Die andere Seite der Medaille beschreibt Jennifer Carlson:

"Waffen sind gefährlich, sind Werkzeuge in Verbrechen und bei Gewalttätigkeit. Sie tragen aber zum Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit bei. In einer Reihe von Umfragen von Pew und Gallup wurden Amerikaner gefragt, ob sie glauben, dass Waffen ihr Leben sicherer oder unsicherer machen. Die Antworten ergeben seit den frühen 2000er-Jahren eine dramatische Verschiebung. Vor zwanzig Jahren sagte die Mehrheit, dass Waffen uns weniger sicher machen. Inzwischen hat es sich umgekehrt: ‘Waffen machen uns sicherer'."

Was erklärt, weshalb die Umsätze in den Waffengeschäften ständig steigen. Im vergangenen Jahr waren es knapp 17 Millionen Schusswaffen. Ein Rekordjahr. Was die Feststellung allerdings nicht untermauert, ist ein anderer Trend. Es gibt immer weniger Amerikaner, die eine Waffe besitzen. Dafür hortet eine Einzelperson nicht selten acht oder mehr Pistolen und Gewehre bei sich daheim. Mehr oder weniger je nach Sympathie für eine der beiden großen Parteien, wie das Pew Research Center ermittelte. Unter den Angehörigen der Demokratischen Partei besitzen nur 25 Prozent eine Waffe, unter Trumps Parteigängern sind es 57 Prozent.

Ab 1850 steigt die Gewaltkriminalität

Einer der aktivsten Politiker der Demokraten im Kampf für mehr Reglementierung ist Chris Murphy, Senator aus Connecticut. Seine Heimat war einst Sitz berühmter Waffenhersteller wie Colt, Winchester und Remington. Er sah sich mit den Folgen des Massakers an einer Grundschule in Sandy Hook konfrontiert. Ein 20-Jähriger hatte zunächst seine Mutter erschossen und sich ihre Pistolen und Gewehre genommen. Zu seinen Opfern gehörten 20 Kinder im Alter von sechs und sieben sowie sechs Lehrkräfte.

Seitdem setzt sich Murphy beharrlich für Reformen ein. Sein Buch über die "Gewalt in uns" thematisiert das Dilemma auf eindrucksvolle Weise. Es ist ein Abriss der US-amerikanischen Geschichte und ihres scheinbar unaufhaltsamen Weges in eine waffenstarrende Gesellschaft.

In einem Interview mit dem Radiosender "Conversations on Healthcare" erinnerte Murphy an ein paar historische Besonderheiten:

"Amerika ist bis etwa Mitte des 19. Jahrhunderts nicht viel gewalttätiger als der Rest der Welt. Doch an diesem Punkt steigen die Gewaltkriminalität und die Zahl der Morde. In dieser Zeitspanne haben wir erstens eine massive Ausweitung der Sklaverei. Um ein derartiges Wirtschaftssystem aufrecht zu erhalten, muss man ein enormes Ausmaß an Gewalt einsetzen. Wir haben gleichzeitig die erste riesige Welle von Einwanderern. Das geht mit einem Anstieg an Gewalttaten einher. Amerika, ob wir das gut finden oder nicht, war wahrscheinlich einfach wie geschaffen dafür, sich zu einer Nation mit einer höheren Gewaltkriminalität zu entwickeln. Unsere gesamte Wirtschaft beruht auf dem Einsatz von Gewalt."

Porträt des Erfinders und Waffenherstellers Samuel Colt. (imago / United Archives International)Samuel Colt (1814-1862) war der Erfinder des ersten industriell hergestellten Trommelrevolvers. (imago / United Archives International)

Murphy arbeitet in seinem Buch noch einen Aspekt heraus: Erst der Erfindungsreichtum von Männern wie Samuel Colt und anderer amerikanischer Ingenieure, machte es möglich, einfach zu bedienende Handfeuerwaffen wie etwa den Revolver billig zu produzieren.

Doch keiner von ihnen war so einfalls- und erfolgreich wie Colt, wenn es um die Vermarktung seiner Waffen ging. Er lud ab Mitte des 19. Jahrhunderts gezielt Gouverneure und Abgeordnete überall im Land zu Dinnerpartys ein und bewirtete einflussreiche Armeeoffiziere. Und er vergaß nicht, sich im Rest der Welt mit aufwendigen, vergoldeten Spezialanfertigungen bei einflussreichen Männern einzuschmeicheln. Seine Kernbotschaft war die romantische Idealisierung vom abenteuerlichen, gefährlichen Leben im Wilden Westen.

60 Prozent der Toten durch Schusswaffeneinsatz sind Suizide

Was niemandem aufzufallen schien: All dies kostete nicht nur ganz unmittelbar das Leben vieler Menschen. Die Angst vor einer Welt, in der man in jedem Augenblick als Unbeteiligter von einer herumirrenden Kugel getötet werden konnte, hat für viele auch traumatisierende Auswirkungen. Experten wissen inzwischen aufgrund von Studien, wie etwa an der Universität Yale, welche seelischen Folgen die Überlebenden von Amokläufen erleiden. Und dass junge Menschen mit Zugang zu Waffen, so ergab eine Untersuchung an der Universität Texas, statistisch gesehen einem größeren Risiko ausgesetzt sind, später im Leben an Depression und posttraumatischen Belastungsstörungen zu erkranken.

Ein Umstand, der jahrelang auch deshalb ignoriert wurde, weil einflussreiche Politiker in Washington gezielt jede Forschung sabotierten. Das beste Beispiel ist, was der Kongress 1996 beschloss. Er schrieb fest, dass die Zentralstelle für die Bekämpfung von Krankheiten aller Art, das Center for Disease Control in Atlanta, keine Steuergelder für Projekte verwenden darf, die auf ein Plädoyer für die Einschränkung des Zugangs zu Waffen hinauslaufen.

Was auf diese Weise ebenfalls lange unterminiert wurde: die Beschäftigung mit der hohen Selbstmordrate. 60 Prozent aller Todesfälle durch Schusswaffen sind Selbsttötungen.

Ebenso markant: Das soziale Profil dieser Menschen. Ihr Leben beenden auf diese Weise vor allem Männer ohne wirtschaftliche Perspektive in ländlichen Regionen. Ihre Hautfarbe? Weiß.

"Ein Artefakt aus der Zeit der Musketen"

In seinem Buch "Fantasyland" hat der Journalist und Schriftsteller Kurt Andersen all dies zusammengefasst und der waffenstarrenden US-amerikanischen Gesellschaft ein ganzes Kapitel gewidmet. Titel "Gun Crazy". Die umfangreiche Arbeit erschien zu Beginn der Trump-Präsidentschaft. Für den Waffenwahn seiner Landsleute hat Andersen, der in Nebraska in der Mitte des Landes aufwuchs, aber dann an die Ostküste umzog, nur wenig Verständnis:

"Es hat sicherlich pathologische Aspekte – wie so vieles, was ich in 'Fantasyland' angesprochen habe. Ein chronischer Zustand im amerikanischen Blutkreislauf und natürlich in der Verfassung verankert. Aber auf der verfassungsrechtlichen Ebene wurde es fast 200 Jahre lang nicht wirklich thematisiert. Es war nicht wichtig. Der zweite Verfassungszusatz wirkte wie ein Artefakt aus der Zeit der Musketen. Der eher pathologische Teil entspringt diesem Ultraindividualismus, dieser Idee, Waffen zu haben und zwar so viele, wie ich will, und welche auch immer, die sich in den siebziger Jahren auszuprägen beginnt. Diese Pathologie sitzt tief. Sie lebt vom Mythos des amerikanischen Westens und der Cowboy und der Pioniere und Siedler und was es heißt, Amerikaner zu sein. Dass Menschen Waffen haben – gut. Solange es gut geregelt ist und nicht außer Kontrolle gerät."

Das ist übrigens im Grunde auch die Maxime von Senator Chris Murphy, der nicht die Absicht hat, die Flinte ins Korn zu werfen. Er bleibt optimistisch, dass sich trotz eines vom Supreme Court gesetzten engen Spielraums Lösungen finden lassen. Auch über die ideologischen Barrieren hinweg:

"Denn nichts von dem, was wir in den Vereinigten Staaten erlebt haben, die Massenmorde, die Selbsttötungen, die Gewalt in den Städten, ist wirklich unabwendbar. Es ist unsere Entscheidung, ob wir das alles akzeptieren oder zusammen aufstehen, um andere Verhältnisse einzufordern. Trotz des brennenden Schmerzes und der Trauer um den unendlichen Verlust, wie ich ihn erlebt habe, bleibe ich zuversichtlich."

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