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Tonart | Beitrag vom 25.04.2016

US-Musiker Kevin Morby"Ich hatte das Gefühl, keine Privatsphäre zu haben"

Kevin Morby im Gespräch mit Dirk Schneider

Der Musiker Kevin Morby sitzt auf einem Balken vor einem Tal, im Hintergrund leuchten Lichter einer Stadt. (Dusdin Condren)
Der Musiker Kevin Morby hat die Arbeit in zwei Bands zugunsten von mehr Privatsphäre aufgegeben. (Dusdin Condren)

Das neue Album des US-Songschreibers Kevin Morby ist geprägt von seinem Umzug von New York in einen abgeschiedenen Stadtteil von Los Angeles. Im Gespräch verrät er uns, was er daran schätzt, keine Menschen zu treffen, wenn er vor die Tür geht.

Dirk Schneider: Wir haben gerade Ihr Stück "I have been to the mountain" gehört. Ich habe gelesen, dass es von Eric Garner handelt, einem Schwarzen, der 2014 in New York von mehreren Polizisten erstickt wurde. Wie haben Sie sich der Geschichte in dem Song genähert?

Kevin Morby: Ich hatte mir nicht wirklich überlegt, diesen Song zu schreiben. Das passierte einfach, so wie die meisten meiner Songs entstehen. Ich betrachte den Berg in dem Stück als eine Art Metapher für einen heiligen Ort, an den man gelangt, wenn man stirbt. Nur dass der Ort in diesem Fall eben nichts Heiliges hat.

Schneider: Warum haben Sie sich diesen Fall ausgesucht? Es sind ja leider sehr viele schwarze Amerikaner von Polizisten erschossen worden in der letzten Zeit. Man erfährt ja immer mehr darüber, es ist ja auch ein sehr großes Thema in den USA.

Morby: Ich glaube, das war der erste dieser Todesfälle, von dem es ein Video gab. Das verbreitete sich dann im Netz, jeder sah es, aber der Polizist bekam trotzdem keine Schwierigkeiten. Oft gibt es ja gegensätzliche Zeugenaussagen, die einen Fall wenig eindeutig erscheinen lassen. Aber hier hatte man alles auf Video.

Die Tatsache, dass jemand jemanden umbringt, es alle Leute sehen können, aber der Täter wegen seiner gesellschaftlichen Stellung einfach davon kommt, ist sehr beunruhigend.

"Ein Ort, an dem ein Hobbit leben könnte"

Schneider: Sie sind kürzlich nach Los Angeles gezogen in den Stadtteil Mount Washington, wo Sie ziemlich zurückgezogen leben. Es heißt, das Album sei sehr stark von diesem Ort beeinflusst. Erzählen Sie mir doch mal ein bisschen mehr, was ist das für ein Ort?

Morby: Man kann sich das so vorstellen wie einen Ort, an dem ein Hobbit leben könnte. Das Haus, das meine Freundin und ich bewohnen, wurde in den 20ern von einem Regisseur gebaut. Er baute auch das Haupthaus, in dem jetzt unser Vermieter wohnt, und eben auch diesen kleinen Turm, in dem wir leben. Den hatte er ursprünglich für seine Mätresse errichtet. Das Gebäude liegt versteckt etwas abseits der Stadt. Und wenn meine Freundin morgens zur Arbeit geht, habe ich es ganz für mich allein und kann den ganzen Tag an meiner Musik arbeiten, ohne Ablenkung.

Irgendwann mache ich dann immer einen Spaziergang mitten in der Natur – etwas, das ich in meinen Wohnungen davor in LA und auch in New York nicht machen konnte. Es hört sich kitschig an, aber die Pflanzen, denen ich während meiner Spaziergänge begegne, sind die einzigen Lebewesen, die ich den ganzen Tag über zu Gesicht bekomme. Der Bewuchs ist so dicht und üppig – und so sollte auch meine Musik sein.

Schneider: Das Ganze klingt für mich schon auch ein bisschen nach Rückzug. Sie haben sich ja auch aus Ihren beiden Bands The Babies und Woods zurückgezogen, machen jetzt alleine Musik. War das eine große Entscheidung für Sie? Sie sind ja auch noch ziemlich jung mit 27.

Morby: Auf jeden Fall. In einer Band zu sein ist schon viel, aber wenn man in zweien ist …. Ich war einfach für viele Jahre ständig auf Tour. Und noch dazu habe ich in New York gelebt, dieser chaotischen, trubeligen Stadt. Ich hatte das Gefühl, einfach keine Privatsphäre zu haben. Die wollte ich aber unbedingt.

"Angst gehört zu meiner verrückten Seite"

Schneider: Ihre Musik klingt gar nicht so zurückgezogen. Sie benutzen die titelgebende singende Säge, es gibt da Frauenchöre, Mariachi-Trompeten – das klingt eigentlich fast ein bisschen verrückt. Wie verrückt ist Ihre Musik eigentlich, oder gibt es in Ihnen etwas Verrücktes?

Morby: Ich weiß nicht. Ich glaube, dass jeder irgendwie verrückt ist, mich eingeschlossen. Aber ich bin nicht verrückter als andere.

Schneider: Worin besteht Ihre Verrücktheit?

Morby: Ich weiß nicht. Angst gehört zu meiner verrückten Seite.

Schneider: In Ihren Texten spielt der Tod immer wieder eine große Rolle. War das schon immer so? Woher kommt das?

Morby: Ein sehr guter Freund von mir starb, als ich 20 war, also vor jetzt ungefähr acht Jahren. Ich glaube, das hat mir vor Augen geführt, dass wir alle sterben werden. Seitdem denke ich oft über den Tod nach. Nach ihm sind noch ein paar andere Freunde von mir gestorben, aber niemand stand mir so nah wie er. Den Tod umgibt so viel Angst. Über das Sterben zu singen, ist meine Art, mit dieser Angst umzugehen.

"Ich bin so ehrlich wie möglich"

Schneider: Es gibt zurzeit ja eine ganze Menge Popmusik, die so groß angelegt ist, die sich bei verschiedenen Stilen bedient, oft auch in der Vergangenheit. Und das klingt oft nach bloßer Spielerei, eigentlich so nach Fingerübungen, eigentlich ein bisschen hohl.

Ich nehme Ihnen diese große Geste tatsächlich ab. Ich finde, Ihre Musik klingt überzeugend, sie klingt inspiriert. Wovon ist sie inspiriert? Haben Sie eine Erklärung dafür, dass sie glaubwürdig klingt?

Morby: Ich bin jemand, der sehr stark von anderen Musikern inspiriert ist. Schwierig, diese Frage zu beantworten. Es freut mich, dass Sie das so sehen. Aber warum meine Musik glaubwürdig ist, kann ich nur schwer sagen.

Vielleicht, weil ich einfach so ehrlich bin wie möglich? Das ist die beste Antwort, die ich Ihnen geben kann.

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