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Zeitfragen | Beitrag vom 12.06.2020

US-Intellektuelle über rassistische Polizeigewalt"Sie haben ihn einfach abgeknallt"

Von Michael Hillebrecht

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Die Polizei geht 1965 gegen schwarze Bürgerrechtler vor dem Weißen Haus vor. (Getty Images / Bettmann)
Die Polizei geht 1965 gegen schwarze Bürgerrechtler vor dem Weißen Haus vor. (Getty Images / Bettmann)

Fälle von Polizeigewalt gegen Afroamerikaner in den USA sorgen regelmäßig für Schlagzeilen, wie zuletzt der Tod von George Floyd. Intellektuelle und Schriftsteller versuchen, die Hintergründe dieser schon lange bestehenden Missstände aufzudecken.

Ta-Nehisi Coates setzt sich als afroamerikanischer Journalist und Autor intensiv mit Gegenwart und Geschichte des amerikanischen Rassismus auseinander: "Wer glaubt, das hätte mit besonders bösartigen Polizisten zu tun, verkennt das Problem. Wir stellen uns viel zu selten die Frage, nach welchen Mustern die Polizei überhaupt vorgeht. Seit beinahe 50 Jahren haben wir die Rechte der Menschen im Umgang mit dem Strafrechtssystem immer weiter beschnitten und die Strafen verschärft. Letztlich geht es also nicht nur darum, wie sich die Polizisten verhalten, sondern darum, welche Grundsatzentscheidungen wir als Bürger dieses Landes getroffen haben."

Alice Goffmann hat als weiße Soziologie-Studentin sechs Jahre in einem vornehmlich von Afroamerikanern bewohnten Viertel von Philadelphia gelebt. In ihrem Buch "On the Run – Die Kriminalisierung der Armen in Amerika" untersucht sie, welche Folgen geänderte Polizeistrategien für die Bewohner dieses Viertels und ihr Zusammenleben haben: "In der Null-Toleranz-Ära erhielten die städtischen Polizeibezirke sehr viel staatliches Geld. Deshalb stieg nicht nur die Zahl der Polizisten, auch ihre Vorgehensweise änderte sich in den 1980er- und 1990er-Jahren. Eine ganze Flotte von Spezialeinheiten ist seitdem im Einsatz und ihr Erfolg wird nur noch an möglichst hohen Verhaftungszahlen gemessen."

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Der weiße Schriftsteller Matt Burgess hat für seinen zweiten Roman "Cops" intensiv bei der New Yorker Polizei recherchiert und mit vielen Polizisten persönlich gesprochen: "Quoten sind bei der New Yorker Polizei eigentlich verboten. Die Vorgesetzten dürfen also nicht 15 Verhaftungen im Monat von jemandem verlangen. Aber sie machen es natürlich trotzdem, weil die Polizei ihre Erfolge nur an Zahlen und Statistiken misst."

Die polizeiinternen Zwänge

Im Zentrum des Romans von Matt Burgess steht die Arbeit der verdeckten Drogenfahnder im New Yorker Stadtteil Queens. Burgess nimmt vor allem die polizeiinternen Zwänge unter die Lupe, denen auch dunkelhäutige Polizisten unterliegen. Inoffizielle Quoten für Verhaftungen existieren aber nicht nur bei der New Yorker Polizei, sondern fast überall in den USA.

Matt Burgess zeigt, dass die Polizei ihr eigenes Personal, unter anderem auch in den Vierteln anwirbt, die von ihr besonders scharf überwacht werden. Janice Itwaru, die Hauptfigur des Romans, arbeitet als verdeckte Drogenfahnderin. Sie ist selbst dunkelhäutig und als Kind mit ihren Eltern aus dem südamerikanischen Guyana in die USA eingewandert. "Die New Yorker Polizei rekrutiert für die verdeckte Drogenfahndung vor allem junge dunkelhäutige Polizisten, weil das ihren Zielgruppen entspricht", erzählt Burgess.

Janice Itwaru arbeitet im selben Teil von Queens, in dem sie auch zu Hause ist. Das macht ihre Arbeit noch gefährlicher. Weil Janice als Einwanderin der ersten Generation über keine persönlichen Kontakte im Polizeiapparat verfügt, ist die Arbeit als verdeckte Ermittlerin eine der wenigen Möglichkeiten, innerhalb der Polizei aufzusteigen.

Matt Burgess hat bei seinen Gesprächen mit Polizisten überraschende Einsichten gewonnen: "Ich habe einen verdeckten Ermittler gefragt, wovor er am meisten Angst hätte. Man würde ja eigentlich erwarten, dass er sich besonders fürchtete, erschossen zu werden. Stattdessen hatte er aber am meisten Angst davor, Probleme mit seinen Chefs zu bekommen und in die Mühlen der Polizeibürokratie zu geraten."

Eine Atmosphäre der Angst

Ta-Nehisi Coates beschreibt in "Zwischen mir und der Welt" sein Heranwachsen in einem vornehmlich afroamerikanischen Viertel in West Baltimore Mitte der 1980er-Jahre. Auch zu dieser Zeit waren der Ruf und die Rolle der Polizei nicht unumstritten:

"Mit Polizisten musste man sich gut stellen, weil sie Gewalt ausüben konnten. Ich bin Amerikaner und mir war schon klar, dass sie in gewisser Hinsicht mein Land repräsentierten, aber andererseits konnte ich keinen moralischen Unterschied zwischen der Polizei und den Gangs erkennen, die im Viertel Gewalt verbreiteten."

Ta-Nehisi Coates blickt bei einer Anhörung nachdenklich. (imago / MediaPunch / Patsy Lynch)Ta-Nehisi Coates bei einer Anhörung über Reparationen an die Nachfahren früherer Sklaven der USA. (imago / MediaPunch / Patsy Lynch)

Coates schildert eine Atmosphäre der Angst, bei der von mehreren Seiten Gewalt droht, die in letzter Konsequenz tödlich sein kann. Für ihn ist die permanente Angst vor Gewalt ein seit Generationen tradiertes Gefühl unter Afroamerikanern. Er zieht hier eine Linie von der Gegenwart über Lynchmorde an Schwarzen im 19. und 20. Jahrhundert und zurück zur Brutalität der Sklaverei.

Coates hat sich in einer Reihe von Artikeln mit der Polizei von Prince George's County auseinandergesetzt. Einer der Artikel trägt den Titel "Black and Blue", also "Schwarz und Blau". Prince George's County gehört zum Ballungsraum der US-Hauptstadt Washington D.C und hat eine überwiegend afroamerikanische Bevölkerung. Auch bei der Polizei ist der Anteil schwarzer Polizisten hoch.

"Prince George's County war damals eine der wohlhabendsten afroamerikanischen Enklaven im ganzen Land. Trotzdem zählte die Polizei dort zu den brutalsten im Lande. Wie war das möglich? Letztlich hatten die Bewohner dort dieselbe Entscheidung getroffen wie die weißen Bürger dieses Landes: Sie hatten so große Angst vor Kriminalität, dass die Polizei bei den kleinsten Anzeichen eines Vergehens machen konnte, was sie wollte."

Coates' Freund starb - erschossen von der Polizei

Als er selbst einmal in eine Polizeikontrolle geriet, verlief diese glimpflich, doch eine vergleichbare Situation endete für einen Collegefreund von Coates tödlich. Der 25-jährige Prince Jones wurde im September 2001 von einem schwarzen Polizisten erschossen.

"Sie haben ihn getötet, und niemand wurde zur Rechenschaft gezogen. Der Polizist wurde gleich wieder auf die Straße geschickt. Ich konnte es nicht fassen".

Was Coates besonders in Rage bringt, ist die Tatsache, dass, egal wie zweifelhaft die Polizisten sich auch verhalten, letztlich die Schuld an den Vorfällen häufig den Opfern in die Schuhe geschoben wird. Im Fall von Prince Jones blieb schließlich in den Akten stehen, er habe versucht einen Polizisten zu töten.

"Nach der Erschießung von Prince Jones musste ich den Schluss ziehen, dass Polizisten vom Staat die Macht zur Anwendung tödlicher Gewalt erhalten hatten. Und die Chance, dass einer von ihnen bestraft würde, war minimal."

Die Sorge um den eigenen Sohn

Für Ta-Nehisi Coates war es vor allem auch seine Rolle als Vater, die seiner Beschäftigung mit der Geschichte des Rassismus in den USA eine neue Perspektive verlieh und zum Anstoß für sein Buch "Zwischen mir und der Welt" wurde. Er fühlte sich für den Schutz seines Sohnes verantwortlich, wurde sich aber zunehmend bewusst, dass das Leben seines Sohnes von Kräften bedroht wurde, die sich seiner Kontrolle als Vater entzogen.

Trotz dieser Ängste wünscht sich Coates für seinen Sohn ein freieres Verhältnis zur Welt. Sein 'Schwarzsein' soll nicht mehr wie bei seinem Vater zwischen ihm und der Welt stehen. Und vor allem soll die Angst seinen Sohn nicht vom Widerstand gegen Rassismus abhalten.

(DW)

Sprecher: Michael Dangl, Barbara Gassner, Nikolaus Kinsky und Alexander Rossi
Regie und Ton: Michael Hillebrecht
Redaktion: Dorothea Westphal
Es handelt sich um eine Übernahme des ORF

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