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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 15.06.2015

US-Bundesstaat GeorgiaWarum Atlanta als "Black Mecca" gilt

Von Rolf Büllmann

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Schwarze Amerikanerinnen in Atlanta im US-Bundesstaat Georgia mit Stars-and-Stripes-Zylindern und Nationalflaggen (imago / Siering)
Menschen feiern in Atlanta mit Stars-and-Stripes-Zylinder und Nationalflaggen den Unabhängigkeitstag. (imago / Siering)

Atlanta ist eine Stadt mit einer großen schwarzen Mittelschicht. Übergriffe der Polizei auf Afroamerikaner sind hier undenkbar. Doch ist die Hauptstadt des Bundesstaates Georgia, die auch einen schwarzen Bürgermeister hat, wirklich so gut wie ihr Ruf?

Es ist heiß in Atlanta, Georgia, und schwül, die Straßen sind noch feucht von einem Regenschauer. Das örtliche Büro der Bürgerrechtsbewegung NAACP liegt mitten im Sweet-Auburn-Viertel, benannt nach der Auburn-Avenue - die Straße, von der es schon Anfang des 20. Jahrhunderts angesichts der vielen schwarzen Geschäfte, die es dort gab, hieß, sie sei die reichste schwarze Straße der Welt. Sweet Auburn hat entscheidend zum Mythos vom "schwarzen Mekka" beigetragen, der Atlanta umgibt. Aber:

"Ich mag das Wort 'Mekka' nicht. Wir haben noch viel zu tun, denn Rassismus und seine Folgen sind immer noch jeden Tag zu spüren."

... sagt einer der es wissen muss: Richard Rose, der Präsident des örtlichen Büros der NAACP, der National Association for the Advancement of Colored People. Rose warnt vor zu viel Euphorie über Atlanta:

"Vieles von dem, was wir hier haben, ist einfach pures Glück. Es ist nicht so, dass wir in den letzten 20 Jahren besonders dazugelernt hätten. Es hat sich einfach entwickelt, wir streichen ein Erbe ein."

Atlanta, so sagt Richard Rose, profitiere nämlich heute noch davon, dass hier in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts schwarze Colleges gegründet wurden. Atlanta hatte also gut 100 Jahre Zeit, eine starke, gut gebildete schwarze Mittelschicht zu schaffen. Vor allem für Zugezogene, wie Eric Jones, der aus Milwaukee nach Atlanta kam, ein beeindruckendes Erlebnis. Dem Sender NPR sagte er:

Es ist für mich hier nichts Besonderes, einen schwarzen Mann in einem Mercedes zu sehen. Wenn ich das in Milwaukee gesehen habe, habe ich immer gedacht: das ist ein Drogendealer ...

"Bei uns gibt es solche Schießereien nicht wie in Baltimore"

... und seine Schwägerin Karen Barriere sagt:

"In schönen Restaurants, und bei Veranstaltungen sehe man viele Schwarze, das sei in Wisconsin einfach nicht so gewesen."

... tatsächlich hat Atlanta eine schwarze Bevölkerungsmehrheit: einen schwarzen Bürgermeister, einen schwarzen Feuerwehrchef, einen schwarzen Polizeichef und mehr schwarze als weiße Polizisten. Und das macht einen der entscheidenden Unterschiede zu anderen US-Großstädten aus, sagt Richard Rose:

"Es ist anders wegen der schwarzen Mehrheit, die wir hier haben. Wir kontrollieren die Polizei, und bei uns gibt es solche Schießereien nicht wie in Baltimore, oder in South Carolina oder anderen Teilen des Landes."

Blick auf Atlanta im US-Bundesstaat Georgia (picture alliance / dpa / Carsten Rehder)Blick auf Atlanta im US-Bundesstaat Georgia (picture alliance / dpa / Carsten Rehder)

Und dennoch erzählt Rose, dass er seinem Sohn, als der seinen Führerschein bekam, das Versprechen abnahm, nie mit drei anderen schwarzen Männern im Auto zu fahren. Vier Schwarze in einem Auto - das gibt Ärger mit der Polizei, sagt Rose - auch heute noch, auch in Atlanta.

Und trotzdem: Vieles ist in Atlanta, Georgia, besser für Afroamerikaner als in anderen Teilen des Landes. Atlanta ist der Beweis dafür, dass Bildung Erfolg ermöglicht, und dass dieser Erfolg - wirtschaftlich, politisch, und kulturell - im Laufe der Zeit dann eben doch entscheidende Veränderungen bewirken kann in einer Gemeinde.

Schnelle Lösungen für aktuelle Probleme zum Beispiel im Verhältnis von weißen Polizisten zu Afroamerikanern kann Atlanta anderen Städten nicht bieten. Aber das "schwarze Mekka" macht jeden Tag vor, was alles möglich sein kann.

Mehr zum Thema:

Zombies - Atlanta, die Hauptstadt der Untoten
(Deutschlandradio Kultur, Kompressor, 13.10.2014) 

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(Deutschlandradio Kultur, Kalenderblatt, 08.05.2011)

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