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Interview / Archiv | Beitrag vom 22.11.2017

Urteil gegen Ratko MladicDas Massaker von Srebrenica wird immer noch geleugnet

Marie-Janine Calic im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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Ratko Mladic 2012 in Den Haag vor dem Sondertribunal (picture-alliance / dpa / Martin Meissner)
Ratko Mladic in Den Haag vor dem Sondertribunal (picture-alliance / dpa / Martin Meissner)

In Den Haag wird heute das Urteil gegen den ehemaligen serbischen General Ratko Mladic gefällt. Wegen der Verbrechen in Srebrenica muss Mladic mit einer langen Haftstrafe rechnen. Für viele Serben ist er noch immer eher Held als Mörder.

Das UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag fällt heute das Urteil über Ratko Mladic. Der ehemalige serbische General gilt als Hauptverantwortlicher für den Völkermord von Srebrenica. Unter seinem Kommando hatten bosnisch-serbische Einheiten 1995 in der UN-Schutzzone rund 8000 muslimische Männer und Jungen ermordet.

Die Osteuropa-Historikerin Marie-Janine Calic sagte im Deutschlandfunk Kultur, die damaligen "ethnischen Säuberungen" seien nicht Folge, sondern direkt Ziel des Jugoslawien-Kriegs gewesen:

"Das haben die Prozesse in Den Haag in den letzten Jahren ganz eindeutig gezeigt, das ist nicht nur der Prozess gegen Ratko Mladic, der das zu Tage gefördert hat. Zuvor gab es andere Prozesse gegen hochrangige Generäle, zum Teil aus Serbien, aber auch die Präsidentin der bosnischen Serben-Republik Biljana Plavsic. Radovan Karadžić ... Es gibt heute keinen Zweifel mehr daran, dass es eine große Systematik in Planung und Durchführung dieser Ereignisse gegeben hat."

Eine Frau trauer am Grab eines Verwandten in der Nähe von Srebrenica.  (DIMITAR DILKOFF / AFP)Trauer um die Toten: Gedenkstätte in Srebrenica (DIMITAR DILKOFF / AFP)

Das Massaker von Srebrenica sei heute in Bosnien-Herzegowina noch immer sehr präsent, sagte Calic. Für die Muslime sei das Ereignis inzwischen Teil "einer Gründungserzählung des heutigen bosnischen Staates" - auch wenn es inzwischen Stimmen gebe, die sagten, dass man eine Zukunft nicht nur auf das "Andenken an ein solches Menschheitsverbrechen" aufbauen könne.

"Im serbischen Teil Bosniens ist das natürlich ganz anders, dort herrscht eine Kultur der Leugnung, Ratko Mladic gilt als Gründungsvater der serbischen Republik und wird dort zum Teil als Kriegsheld verehrt, es gibt sogar Schulen, die nach ihm benannt sind", berichtete Calic.

Das UN-Kriegsverbrechertribunal für das frühere Jugoslawien hat Anklage gegen insgesamt 20 Personen für die Verbrechen in Srebrenica erhoben. 15 Angeklagte wurden bisher für schuldig befunden. Neben Mladic gilt der frühere Serbenführer Karadžić als Hauptverantwortlicher. Er wurde zu 40 Jahren Gefängnis verurteilt. Momentan läuft das Berufungsverfahren. Nur wenige Angeklagte haben ihre Schuld eingeräumt. (ahe)

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