Urmenschen

"Wir sind alle Nachfahren von Wirtschaftsflüchtlingen"

Die Nachbildung eines älteren Neandertalers im Neandertal-Museum in Mettmann.
Die Nachbildung eines älteren Neandertalers im Neandertal-Museum in Mettmann. © picture-alliance/ dpa - Federico Gambarini
Bärbel Auffermann im Gespräch mit Dieter Kassel · 04.07.2017
Die ersten Migranten, Homo ergaster oder Homo Erectus, waren Menschen, die aus Afrika über die Balkan-Route nach Europa gekommen seien, sagt Bärbel Auffermann vom Neanderthal-Museum in Mettmann.
Mit dem Schwerpunkt Archäologie und Identität befasst sich der Deutsche Archäologiekongress, der seit gestern in Mainz tagt. Teilnehmerin ist unter anderem Bärbel Auffermann, stellvertretende Leiterin des Neanderthal-Museums  in Mettmann bei Düsseldorf. Ihr Haus widmet sich gerade in der Ausstellung "Zwei Millionen Jahre Migration" der langen Geschichte von Auswanderung. Es seien vor allem "Wirtschaftsflüchtlinge" gewesen, die ihre alte Heimat verliessen, sagte Auffermann im Deutschlandfunk Kultur. "Ob jetzt Homo Erectus oder Neandertaler, später der moderne Mensch, der wiederum aus Afrika und dem Vorderen Orient eingewandert ist vor etwa 40.000 Jahren, das waren sicherlich alles Wirtschaftsflüchtlinge, weil in ihren eigenen Regionen die Jagdbeute vielleicht abgewandert ist, man hinterhergezogen ist."

Die Ausstellung "Zwei Millionen Jahre Migration" ist noch bis November 2017 zu sehen.


Das Interview im Wortlaut

Dieter Kassel: Gestern schon wurde ganz offiziell der Deutsche Archäologiekongress in Mainz eröffnet, die eigentliche inhaltliche Arbeit beginnt heute, eine Arbeit, die sich in diesem Jahr vor allen Dingen auch mit dem Schwerpunkt Archäologie und Identität beschäftigt. Einer der Gründe dafür, dass die stellvertretende Leiterin des Neanderthal-Museums in Mettmann auch mit dabei ist, Bärbel Auffermann.
In ihrem Museum übrigens in Mettmann im Neanderthal-Museum findet gleichzeitig noch bis Anfang November die Ausstellung "Zwei Millionen Jahre Migration" statt. Insofern haben wir gleich mindestens zwei Gründe, um jetzt mit ihr zu reden. Schönen guten Morgen, Frau Auffermann!
Bärbel Auffermann: Guten Morgen!
Kassel: Wenn Sie das in Ihrer Ausstellung so behaupten, "Zwei Millionen Jahre Migration" – wer waren denn dann eigentlich die ersten Migranten?
Auffermann: Die ersten Migranten, das war Homo ergaster oder Homo Erectus, wie er genannt wird. Das waren Menschen, die aus Afrika tatsächlich über die Balkan-Route nach Europa gekommen sind.
Kassel: Ist denn diese Beschäftigung mit Identität, mit Migration sowohl auf der Tagung in Mainz als auch in Ihrem Museum, ist das auch und vor allem eine Folge der aktuellen Debatten rund um dieses Thema?
Auffermann: Ja, das ist tatsächlich eine Folge der aktuellen Debatten. Im Sommer 2015, angesichts der Bilder, die uns da überflutet haben, und der Stimmen, die da laut geworden sind, "Deutschland den Deutschen", da haben wir als Steinzeitarchäologen, die wir ja sind bei uns im Neandertal, gedacht, dazu müsste man doch als Archäologe eigentlich mal sagen, wie das so eigentlich war, was wir eigentlich für gemischte Identitäten hier in Europa sind. Und dass es die Deutschen, die hier in Europa aus dem Boden gewachsen sind, genauso wenig gibt wie die deutsche Kartoffel.

Der Mythos der Ureinwohner

Kassel: Kann man sagen, dass es eigentlich historisch gesehen so etwas wie Ureinwohner kaum gibt?
Auffermann: Gibt es kaum, tatsächlich. Die gibt es kaum. Vielleicht die Buschleute in Südafrika, die wohl ein ganz ureigenes Genom haben, die wirklich dort seit sehr langer Zeit sind, aber auch die Aborigines in Australien sind irgendwann eingewandert aus Asien. Also, was wir uns so wirklich als autochthon, als Ureinwohner vorstellen, ist doch häufig eine Folge von Migration.
Kassel: Oder zum Beispiel auch die Maori in Neuseeland, das habe ich selber erst neulich gelernt, dass die zwar schon sehr lange da leben, aber auch von woanders her kommen. Das gibt es, glaube ich, überall auf der Welt. Aber was kann man denn konkret zum Beispiel in einem Museum oder bei anderen Gelegenheiten wirklich zeigen, was diese Geschichte der Migration, wie ich es einfach mal nennen möchte, wirklich greifbar und erlebbar macht?
Auffermann: Da gibt es zum einen die Überreste dieser migrierenden oder auch mobilen Menschen selbst. Bei Homo Erectus ist es ja keine Migration im Sinne von bewusster Migration, sondern es ist eine unwillkürliche Ausbreitung des Lebensraumes, weil die Jagdbeute wandert, wandert man hinterher, und so verlagert sich das über Generationen. Wir zeigen dann Schädel und Knochen dieser Menschen zum Teil, wir zeigen auch alte DNA, DNA vom Neandertaler zum Beispiel, und dann auch die kulturellen Hinterlassenschaften, die auch nicht immer übereinstimmen mit den genetischen Hinterlassenschaften.
Die Werkzeuge, die die Menschen verwendet haben, die Rohmaterialien, die verwendet wurden, die zeigen, aus welchen Räumen jemand kam mit diesem Rohmaterial, wo es gefunden wurde, vielleicht aber auch eingetauscht wurde. Vielleicht gab es da schon Kontakte. Welche Innovationen Einwanderer vielleicht mitbrachten. Das Pferd zum Beispiel, das aus den eurasischen Steppen in der älteren Jungsteinzeit eingeführt wurde. Das sind die dürftigen Belegen für Migration, Mobilität, die wir Archäologen unseren Besuchern zeigen können. Wir haben das Ganze aber sehr explorativ, also zum Entdecken aufbereitet. Die Dinge liegen nicht in Vitrinen, sie liegen in Koffern. Es gibt ganz viel zum Klappen und zum Drehen, damit man selbst auch wie ein kleiner Entdecker auf die Wanderschaft gehen kann und nicht alles nur an Stellwänden abliest oder in langweiligen Vitrinen betrachtet.

Motive der Flucht

Kassel: Es gibt ja heutzutage eine große Diskussion darüber, nicht zuletzt auch hier in Deutschland, wie stark man einen Unterschied machen muss zwischen Flüchtlingen, die aufgrund von Krieg oder persönlicher Verfolgung ihr Land verlassen und vielleicht nach Deutschland dann tatsächlich am Ende kommen, und den sogenannten Wirtschaftsflüchtlingen.
Und da bin ich sofort hellhörig geworden, als sie gerade von der Ausbreitung des Lebensraums aufgrund neuer Jagdgründe gesprochen haben. Historisch gesehen könnte man, wenn wir diesen modernen Begriff verwenden dürfen, auch historisch, doch eigentlich fast sagen, dass Wirtschaftsmigration doch eigentlich normaler war als Flucht vor Krieg und Vertreibung, oder?
Auffermann: Ja, sicher. So gesehen – ich habe das noch gar nicht so betrachtet, aber das ist richtig. So gesehen sind wir alle Nachfahren von Wirtschaftsflüchtlingen, das muss man sagen. Ob jetzt Homo Erectus oder Neandertaler, später der moderne Mensch, der wiederum aus Afrika und dem Vorderen Orient eingewandert ist vor etwa 40.000 Jahren, das waren sicherlich alles Wirtschaftsflüchtlinge, weil in ihren eigenen Regionen die Jagdbeute vielleicht abgewandert ist, man hinterhergezogen ist.

Krieg und Frieden

Kassel: Soweit man das überhaupt bei einem solchen Zeitraum, über den wir ja zum Teil jetzt reden, archäologisch, geschichtlich gesehen, sagen kann, war denn die Geschichte der Migration zu irgendeinem Zeitpunkt wirklich eine konfliktfreie Geschichte, oder war es nicht immer so wie heute, dass da, wo Neue hin kamen, wenn dort schon Menschen waren – das ist ja historisch nicht immer so gewesen, aber wenn es so war –, dass es immer im Grunde genommen auch Konflikte gab und diese Sorgen, dass man überrannt wird, dass man verdrängt wird, dass die immer schon da war?
Auffermann: Diese Konflikte kommen tatsächlich erst bei den Migranten zum Ende der Jungsteinzeit hinzu, wo es vielleicht auch kriegerische Reiter aus den östlichen Steppen sind, die einwandern. Aber vorher, bei der sogenannten Neolithisierung, also vor etwa 7.000 Jahren bei uns hier, als die orientalischen Bauern einwandern mit ihren Tieren und ihrem Getreide im Gepäck, da gibt es tatsächlich keine Hinweise darauf, dass das kriegerisch verlaufen ist.
Da waren wahrscheinlich dann die Bevölkerungsgruppen hier vor Ort, die Jäger und Sammler, die hier noch lebten, das waren relativ kleine Gruppen, die hatten genug Platz hier, da konnten sich die Bauern noch niederlassen. Und dann sehen wir, dass tatsächlich auch gleich eifrig Handel miteinander getrieben wurde. Man hat dann, was weiß ich, die Jäger vielleicht Honig und mal eine Rehkeule gegeben und haben dafür eingetauscht dann Getreide oder Milchprodukte. Das ist wirklich interessant zu sehen, dass das friedlich abläuft, dass es dann aber später dann, als mehr Territorien, auch als Metall dazu kommt, Status und Besitz, dass es dann eher zu kriegerischen Auseinandersetzungen kommt.
Kassel: Bärbel Auffermann war das. Sie ist die stellvertretende Direktorin des Neanderthal-Museums in Mettmann, wo man noch bis in den November hinein die Ausstellung "Zwei Millionen Jahre Migration" sehen kann. Ein Thema, um das es auch ab heute geht auf dem Deutschen Archäologiekongress in Mainz, zu dem Sie ja jetzt gleich fahren. Insofern danke ich Ihnen einerseits für das Gespräch, Frau Auffermann, und wünsche Ihnen eine gute Fahrt nach Mainz.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.
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