Urban Art Biennale in Völklingen

Streetart in der Eisenhütte

05:56 Minuten
 Monumentale Kunst von Hendrik Beikirch: Das gespraytes Bild zeigt den türkische Arbeiter Kaya Urhan an einer Fassade
Monumentale Kunst von Hendrik Beikirch: Das gespraytes Bild des türkischen Arbeiter Kaya Urhan an einer Fassade © Rudolf Schmitz
Von Rudolf Schmitz · 01.05.2022
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Die Urban Art Biennale auf dem Gelände der Völklinger Hütte versammelt Street Art und Graffiti-Künstler, zeigt Arbeiten, die den Stadtraum erobern. Es gehe darum, das „drastische Grundrauschen der Menschheit zu vernehmen“, so Generaldirektor Ralf Beil.
Wer vom Hauptbahnhof Richtung Völklinger Hütte geht, kommt an ihm nicht vorbei:  einem monumentalen, auf die Fassade des Saarstahlgebäudes gesprayten Kopf. Mit freundlich-melancholischem Blick scheint der ältere Mann auf die Schornsteine und Stahlbehälter des Hüttengeländes zu schauen. Ein Werk des deutschen Urban Art Künstlers Hendrik Beikirch.

Erinnern an Gastarbeiter

Es erzähle eine nicht immer erwähnte Geschichte der Völklinger Hütte, nämlich den Beitrag türkischer Arbeiter, sagt Generaldirektor Ralf Beil:
„Das stellt Kaya Urhan dar, einen Mann, der jetzt um die 80 ist und der hier die Hütte bis zum letzten Seufzer, bis zum letzten Abstich begleitet hat. Und als ich ihn kennengelernt habe, nach zehn Jahren, als er mal wieder in der Hütte war, ist er gerührt gewesen, wie dieser Ort für ihn wichtig ist. Und dieser Kaja Urhan steht für die große Zahl an Migranten, die eben meistens nicht erwähnt werden, wenn es um den großen Erfolg der Stahlindustrie geht“.   

Kunst mit großen Dimensionen

Erinnerung an die große und durchaus zwiespältige Periode des Industriezeitalters drängt sich angesichts des Austragungsortes der Urban Art Biennale geradezu auf.
Graffiti mit dem Schriftzug "Kunstfabrik" an der Außenmauer der Völklinger Hütte
Graffiti an der Außenmauer der Völklinger Hütte© Rudolf Schmitz
Der Künstler Maxime Drouet, aus einem der Pariser Banlieus, hat in der eintausend Quadratmeter großen Erzhalle einen kompletten Eisenbahnwaggon an die Wand gezeichnet und echte besprayte Türen und Fenster eingefügt. Von hinten beleuchtet, sorgen sie für ein ungewöhnliches ästhetisches Erlebnis.
„Das ist ja eigentlich Hinterglasmalerei, was hier sichtbar wird, denn er sprayt diese Glasscheiben an und diese Farbgerinnsel, Nasen und Spuren dieser Farbverläufe haben dann doch etwas sehr Intensives“. 

Wie Graffiti entsteht

Doch damit nicht genug. In einem Video sieht man dieses – durchaus illegale – Sprayen, das Maxime Drouet in geheim gehaltenen Eisenbahndepots durchführt, aus der Perspektive eines Zuginsassen. Aus den Geräuschen von Spraydose und einem vergangen wirkenden Eisenbahnzeitalter hat der Künstler eine 20-minütige Komposition geschaffen.

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Kunst gegen den Krieg

Auf dem Dach der sogenannten Möllerhalle, sichtbar von einer höher gelegenen Plattform, dann eine hieroglyphische Schrift aus weißer Kreidefarbe. Mehrere Hundert Quadratmeter groß. Eine Arbeit des Kanadiers Roadsworth.
Könnte von den Mayas sein, so geheimnisvoll und suggestiv wirkt das. Entschlüsseln lassen sich die Worte „Defund the war machine“, also „Legt die Kriegsmaschine trocken“. In einem Moment, in dem selbst Deutschland einen Milliardenbetrag in Aufrüstung investiert, ein unzeitgemäß wirkendes Statement.  
Ralf Beil, der Generaldirektor des Weltkulturerbes Völklinger Hütte, auf dem Dach der Möllerhalle. Hinter ihm ist ein alter Industriekomplex aus Hochöfen zu sehen.
Hunderte Quadratmeter mit hieroglyphischer Schrift auf dem Dach der Möllerhalle. Ein Werk des Kanadiers Roadsworth. © Deutschlandradio / Rudolf Schmitz
„Daran, dass es hier auf dem Dach angebracht ist und dass man es kaum entziffern kann, sieht man auch den Grad der Verzweiflung von Roadsworth, weil es für extraterrestrische Wesen gedacht ist, im Sinne von: 'Macht Ihr das wenigstens, könnt Ihr uns helfen, uns zur Raison zu bringen.'"
Mit plakatartigen Cartoons im Bad-Painting-Stil kämpft die holländische Graffiti-Künstlerin Mick la Rock gegen Jahrtausende toxischer Männlichkeit. So jedenfalls sieht die 1970 geborene Feministin das Dilemma der Menschheitsgeschichte.

„Die ganze Arbeit ist mit einem heftigen Titel belegt: 'Why fuck me, if you can fuck my life' – ich will das jetzt nicht übersetzen – aber wirklich eine autoaggressive, aber wirklich sehr heftige Geste, die schon ein bisschen anzeigt, in welcher Richtung sie unterwegs ist.“

Öffentlicher Stadtraum wird einbezogen

Die deutlich politische sechste Ausgabe der Völklinger Urban Art Biennale verlässt das Gelände der Völklinger Hütte und dehnt sich in den Stadtraum aus: mit Beschriftungen von Unterführungen, mit stilisierten Plakaten zum Social Media Konsumismus, mit Tischtennisplatten, die sich elegant über den Dächern schrottiger Autos entfalten und zu improvisierten Schlagwechseln einladen.
Auch die firmeneigene Bank der Industriellenfamilie Röchling, seit Jahren ein aufgelassenes Gebäude der Innenstadt, kann wieder betreten werden. Doch nicht, um Bankgeschäfte zu erledigen, sondern um zu erleben, dass Fenster, Türen und Wände komplett mit einem geschriebenen Bewusstseinsstrom besprayt sind, einem intimen Brief an die Betrachter, hier, in der Wechselzentrale des Geldes.
Innenraum der ehemaligen Bank der Industriellenfamilie Röchling mit Graffiti-Kunst
Innenraum der ehemaligen Bank der Industriellenfamilie Röchling mit Graffiti-Kunst© Rudolf Schmitz
Falls es möglich erscheint, den Brüchen und Verwerfungen des Industriezeitalters und den Beunruhigungen der Gegenwart aufschlussreiche und sogar befreiende Dimension abzugewinnen, dann ist es hier, auf der Urban Art Biennale der Völklinger Hütte, zweifellos gelungen.
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