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Interview | Beitrag vom 29.09.2018

Uraufführung von "Der Elefantengeist""Kohl hat die Menschen extrem frustriert"

Lukas Bärfuss im Gespräch mit Julius Stucke

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"Der Elefantengeist" wird auf der Mannheimer Bühne beschworen. (Christian Kleiner)
"Der Elefantengeist" wird auf der Mannheimer Bühne beschworen. (Christian Kleiner)

Lukas Bärfuss hat über Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl ein Theaterstück geschrieben, das heute in Mannheim gezeigt wird. Er fragt: Wie konnte es sein, dass schon kurz nach Kohls Tod "diese totale Stilisierung und Mythologisierung" einsetzte?

Julius Stucke: Politische Geister der Vergangenheit, ein politischer Geist der Vergangenheit tritt heute in Mannheim auf die Bühne: "Der Elefantengeist", ein Gespenst aus Bonn im Nationaltheater Mannheim. Ahnen Sie, wer es sein könnte? Es ist dieser Herr: Helmut Kohl. "Der Elefantengeist", so heißt dieses Theaterstück über den im vergangenen Jahr gestorbenen, den früheren Kanzler, heute Uraufführung am Nationaltheater Mannheim. Was für ein Blick auf Helmut Kohl ist das, den wir da heute Abend erleben können? Ein Blick aus der Schweiz ist es auf jeden Fall. Der Autor Lukas Bärfuss hat diesen Geist gerufen. Guten Morgen!

Lukas Bärfuss: Guten Morgen!

Stucke: Wie kommt ein Schweizer Autor wie Sie ausgerechnet auf Helmut Kohl als Stoff für ein Stück?

Bärfuss: Ich habe befürchtet, dass diese Frage kommt. Ich fühle mich eigentlich doch ziemlich als Kulturdeutscher, muss ich sagen. Ich bin gar nicht so fremd, ich habe einen wesentlichen Teil meines Berufslebens in Deutschland verbracht, und selbstverständlich ist es auch meine Sprache. Und gerade deutsche Innenpolitik hat mich eigentlich immer beschäftigt. Also es bleibt natürlich schon ein bisschen ein Blick von außen, weil ich natürlich auch immer das andere Bild habe, von der Schweiz, wie Politik auch noch funktionieren kann. Trotzdem fühle ich mich doch da sehr zugehörig.

"Kohl wollte kein Elefant sein"

Stucke: Das ist ja eine Auftragsarbeit, in Auftrag gegeben aus Mannheim. War das auch bewusst sozusagen der Wunsch dieses Auftrags, wir geben das nach außen, um einen vielleicht doch etwas anderen, einen neuen Blick zu haben auf Helmut Kohl?

Bärfuss: Das müsste man Christian Holtzhauer fragen. Ich habe ihn das gar nicht gefragt, also den Intendanten in Mannheim. Ich glaube, ehrlich gesagt, nicht, dass das primär war. Ich hoffe doch, dass jetzt mein Ruf als Dramatiker und mein bisheriges Werk dafür gesprochen hat. Dann war es auch gerade eine Gelegenheit, mit der Regisseurin zu arbeiten, mit Sandra Strunz. Ich kam schon aus einer sehr intensiven Recherche zur deutschen Innenpolitik der 80er-Jahre und war da sehr gut vorbereitet.

Der Schriftsteller Lukas Bärfuss im Juli 2017 in Leukerbad (picture alliance / Keystone / Dominic Steinmann)Der Schriftsteller Lukas Bärfuss im Juli 2017 in Leukerbad (picture alliance / Keystone / Dominic Steinmann)

Stucke: Sie waren im Stoff quasi. Man sagt ja, Helmut Kohl habe ein Elefantengedächtnis gehabt. War das der Grund für den Titel, für den "Elefantengeist", warum dann der Geist?

Bärfuss: Er hat sich ja immer dagegen gewehrt. Der hat gesagt, er habe kein Elefantengedächtnis, er würde sich nur für Menschen interessieren. Er hat dieses Bild abgestoßen vom Elefanten. Er wollte kein Elefant sein. Ich glaube, wenn man diese Körpergröße hat, dann umso mehr. "Der Elefantengeist" deshalb, weil es etwas gibt bei Helmut Kohl, was er, glaube ich, nicht kontrolliert hat, und das hat viel zu tun mit der deutschen Geschichte.

Ich habe den Eindruck, dass er fast einen faustischen Pakt eingegangen ist eigentlich mit den Flick-Geldern und mit der Unterstützung durch alte Industrielle, die zu ihrem Vermögen durch "Arisierungen" gekommen sind. Ich glaube, das hat ihn am Schluss eigentlich zerstört. Er hat schon früh in seiner Karriere sich unterstützen lassen, die Flick-Gelder. Das hat ja dann letzten Endes eigentlich seine Familie zerstört und ihn eigentlich auch.

Szene aus "Der Elefantengeist" am Nationaltheater Mannheim. (Christian Kleiner)Szene aus "Der Elefantengeist" am Nationaltheater Mannheim. (Christian Kleiner)

Stucke: Das ist das Bild, was Sie zeichnen in Ihrem Stück, kein gutes Bild. Helmut Kohl, die schwarzen Kassen, vom Flick-Konzern gefüllt. Sie vermitteln da ein Bild von jemandem, der quasi gesteuert wurde oder zumindest profitiert hat von einer Zeit des Nationalsozialismus. Sind Sie da bei diesem Bild, was Sie zeichnen, auch eingestellt auf mögliche Klagen?

Bärfuss: Gut, ich schreibe meine Stücke nicht, um Klagen zu erhalten. Gleichzeitig ist es natürlich das Recht eines jeden Menschen, die Gerichte anzurufen. Ich bin da eigentlich sehr gelassen. Ich habe ausschließlich publizierte Quellen benutzt. Ich glaube jetzt auch nicht, dass die einzelnen Dinge, die in diesem Stück vorkommen, der Wahrheit widersprechen. Ich bin sogar sicher, das ist auch sehr gut recherchiert. Die Frage bleibt natürlich schon, wie es eigentlich soweit kommen konnte, dass schon so kurz nach seinem Tod diese totale Stilisierung und Mythologisierung eigentlich einsetzen konnte.

Helmut Kohls Politik hat Schaden angerichtet

Das hat mich schon sehr erstaunt, wie unkritisch heutzutage Helmut Kohl betrachtet wird, weil ich glaube schon, dass viele Teile seiner Politik Deutschland zum Schaden gereicht haben und wirklich nicht geholfen haben, und gerade die Vorkommnisse in Sachsen zum Beispiel, die haben viel mit Helmut Kohl zu tun. Ich war eigentlich immer erstaunt, warum man das nicht diskutiert.

Stucke: Inwiefern, würden Sie sagen, hat so etwas wie Chemnitz mit Helmut Kohl zu tun? Das klingt ja fast, als wäre er der Vater solcher Entwicklungen. Inwiefern?

Bärfuss: Ich weiß nicht, ob er der Vater ist, aber man muss natürlich wissen, dass sein Spruch über die "Blühenden Landschaften", da wusste er schon Anfang der 90er-Jahre, dass das nicht stimmt, dass das eine Lüge war und dass es viele Generationen brauchen würde, bis der Osten auf demselben Stand sein würde wie das restliche Land. Die Menschen haben ihm vertraut. Ich glaube, er war wirklich eine Erlöserfigur für eine gewisse Zeit für den Osten Deutschlands. Deshalb hat man dann seinen Zögling gewählt.

Herr Biedenkopf stammte auch aus der Pfalz und war einer der wichtigsten Mitarbeiter von Helmut Kohl, und die Art und Weise, wie er die Politik dort betrieben hat und wie er sein eigenes Bundesland betrogen hat … Er kam ja eigentlich nicht mehr aus Affären raus, Herr Biedenkopf. Ich glaube, dass die Art und Weise, wie dort Politik betrieben wurde, auch natürlich unter der Leitung oder in der Art und Weise von Helmut Kohl, das hat die Menschen extrem frustriert. Sie wurden einfach in einer Diktatur betrogen und offenbar in einer Demokratie auch.

"Eine Karikatur ist total uninteressant"

Stucke: Lassen Sie uns zum Schluss noch mal auf das Stück zurückkommen. Sie haben ja gerade beschrieben, was für einen umstrittenen Politiker Sie da auf die Bühne bringen, einen, den man so oder so sehen kann, einer, der in Deutschland ja auch immer Zielscheibe von Spott durchaus war. Wie versuchen Sie diesen Spagat, wie entgehen Sie der Gefahr, dass das quasi karikaturesk wird in Ihrem Stück?

Bärfuss: Mit Ernsthaftigkeit, und es war ganz offensichtlich von Beginn weg für uns alle klar, dass wir da keine Karikatur auf die Bühne stellen wollen. Ich glaube, das ist auch total uninteressant für die Schauspieler. Es wird kein Ebenbild von Helmut Kohl geben. Es ist die Geschichte einer Expedition, einer archäologischen Expedition aus der Zukunft, die auf die Ruinen Bonns stößt, und die Auseinandersetzung mit diesen Ruinen und mit dem Kanzlerbungalow und mit dem Geist, der dort wohnt, das ist eigentlich der Inhalt des Stückes, und für Karikaturen bin ich überhaupt nicht zu haben.

Stucke: Lukas Bärfuss, Schweizer Autor, er hat den "Elefantengeist" geschrieben, ein Stück, das heute uraufgeführt wird in Mannheim am Nationaltheater, ein Stück über Helmut Kohl.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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