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Fazit / Archiv | Beitrag vom 28.05.2017

Uraufführung "Valentin" in Hamburg"Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit"

Von Alexander Kohlmann

Der Schauspieler und Regisseur Herbert Fritsch (picture-alliance/dpa/Soeren Stache)
Der Schauspieler und Regisseur Herbert Fritsch (picture-alliance/dpa/Soeren Stache)

Das Zusammentreffen zwischen Herbert Fritsch und Karl Valentin gerät am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg zu einem Battle eines toten und eines höchst lebendigen Künstlers. Aber haben sich beide wirklich etwas zu sagen?

Was bleibt übrig, wenn man den absurden und tragischen Auftritten Karl Valentins den Körper des Künstlers nimmt? Wie funktionieren die wahnwitzigen Wort-Missverständnisse, wenn man sie aus ihrer Situation reißt? Was erzählt uns der Wahnsinn hinter der alltäglichen Fassade in einem Fritsch-Universum - jenem Kosmos, in dem von Beginn an alle auf 180 über die Bühne zappeln, sich Schauspieler in irre Grimassen schneidende Comic-Zombies verwandeln - und ein brillanter Einfall den nächsten jagt, einfach so, scheinbar ohne Sinn und Verstand.

Von Valentin bleibt nicht viel übrig

Von Karl Valentin bleibt nicht allzu viel übrig bei dieser Uraufführung in Hamburg, die es sich zum Ziel gesetzt hat, seine Texte abseits des ursprünglichen Kontext zu befragen. Dafür sehen wir viel Fritsch, der fünf Männer auf Stühle stellt, während an der Rampe fünf Metronome in unterschiedlicher Geschwindigkeit ein wahres Klick-Klack-Konzert veranstalten.

"Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit", raunen und wispern die Gestalten mit zotteligen, wirren Haaren den berühmten Valentin Satz, scheinbar minutenlang, bis der Text seine Bedeutung völlig verloren hat.

Während ein Männlein an der Bühnenrampe mit irrem Blick einen Liebesbrief vorlesen will, stimmen seine geklonten Kollegen Töne an, seltsame Geräusche, die der verhinderte Schreiber einfach nicht zum Verstummen bringen kann. Da hilft alles Zetern und Herumrennen nicht. Der Brief bleibt ungeschrieben.

"Heiß, Heiß, Heiß"

In der Hölle herrscht unterdessen eine dicke Frau im grünen Dress, die von einem Mann gespielt wird. Während riesige Papierbahnen die leere Bühne in ein Fegefeuer verwandeln, hüpft das Fritsch-Ensemble wie besessen von einem Bein aufs andere. "Heiß, Heiß, Heiß", rufen alle immer wieder, während Frau Teufel räsoniert, dass im Gegensatz zum Obergeschoss bei ihr hier unten Ruhe und Ordnung herrsche.

Ganz hinten steht ein Orchester, das mit angespielten Arien, Tönen, atonalen Geräuschen und Blasmusik den Wahnsinn der Texte in Musik verwandeln will (Musik: Michael Wertmüller). Plötzlich hopst ein Musiker vom Stuhl, entdeckt einen kaputten Scheinwerfer am Bühnen-Firmanent, schimpft und zetert, bis alle Kollegen nach oben zeigen, nach dem Techniker rufen, zappeln - und der ganze Apparat zum Stehen zu kommen scheint.

Die absurde Komik von Valentins Kunst ist in solchen Momenten noch spürbar, trotz Fritscher Verfremdung sind die Angst vor dem Scheitern, die Neurose, das Fremdeln mit der Welt zu ahnen - jene Macken und eingebildeten Krankheiten, die der Hypochonder Valentin geschickt in seinen Werken verarbeitete.

Es bleibt der Wahnsinn

Den Großteil des Abends aber verlieren seine Texte jede Wirkung im Fegefeuer des Fritsch-Universums. Unter dem Vorschlaghammer jenes Künstlers, der zu gerne etwas antippt, mal eben zwei Minuten Valentin-Text macht, bevor ein anderer, zündender Einfall ihn wieder wegführt. Es fehlt die Konzentration, dafür bleibt der Wahnsinn.

Papier-Bahnen fahren hoch und runter. Figuren trippeln als Schwarm im Kreis. Hier tobt ein Kampf zwischen der genau getimten Komik des toten Künstlers und dem für sich selbst stehenden Irrsinn des lebendigen Regisseurs.

Und Fritsch triumphiert mit seinen Anarchismus, der auch ganz für sich alleine funktionieren würde, ohne irgendwelche alten Texte, eines längst verstorbenen Komikers, der ihn nicht wirklich zu interessieren scheint. Fritsch braucht keinen Karl Valentin, um mit den Hamburger Schauspielern einen Abend lang glücklich zu sein.

"Valentin"
UA am Schauspielhaus Hamburg
Regie: Herbert Fritsch

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