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Fazit | Beitrag vom 02.08.2020

Uraufführung bei den Salzburger FestspielenLangeweile mit Peter Handkes "Zdeněk Adamec"

Von Christoph Leibold

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Uraufführung von Peter Handkes "Zdeněk Adamec" bei den Salzburger Festspielen 2020. (SF / Ruth Walz)
Uraufführung von Peter Handkes "Zdeněk Adamec" bei den Salzburger Festspielen 2020: Auf eine zündende szenische Idee wartet man vergebens. (SF / Ruth Walz)

Zdeněk Adamec verbrannte sich 2003 öffentlich in Prag und wollte so gegen den Vormarsch des Kapitalismus protestieren. Peter Handke würde Adamecs Image als Irrer wohl gern korrigieren, aber Vorlage und Inszenierung sind trostlos verdorrt.

Peter Handkes Titelheld ist eine historische Figur. Zdeněk Adamec verbrannte sich 2003 öffentlich auf dem Prager Wenzelsplatz – so wie knapp dreieinhalb Jahrzehnte vor ihm der Student Jan Palach, der damit ein Zeichen setzen wollte, als die Truppen des Warschauer Paktes in die damalige Tschechoslowakei einmarschierten. Adamec protestierte mit seinem Selbstmord gegen den Vormarsch des Kapitalismus. Doch während Palach zum Helden wurde, bezeichnete man Adamec als Irren.

Versuch einer Rehabilitation

Handkes Stück "Zdeněk Adamec" lässt sich lesen als Versuch, Adamec zu rehabilitieren. Es gibt keine klar umrissenen Figuren in diesem Text, nur eine Fülle von Stimmen, die versuchen, die Motivation von Adamec, der selbst nicht zu Wort kommt, zu ergründen. Von der faktenorientierten Analyse seiner Persönlichkeit bis zur Spekulation, von der Diskreditierung bis zur Verklärung ist alles dabei.

Und immer wieder ist der Autor selbst aus diesem Text herauszuhören, der mit der Wut seines Titelhelden auf die Welt sympathisiert und sich gleichzeitig für deren Schönheiten empfänglich zeigt. Dieses Denken in Widersprüchen zieht sich durch Peter Handkes Werk. Hier aber wirkt es aber allzu routiniert, wie der Autor Weltekel und Lebensfreude gegeneinander in Stellung bringt.

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Ohnehin hat man nie das Gefühl, hier würden tatsächlich krasse Gegensätze hart aufeinanderprallen – was vermutlich damit zusammenhängt, dass gar kein echter Widerspruch verhandelt wird: Gerade wer um das Potential zur Schönheit dieser Welt weiß, leidet umso mehr daran, wie es um sie steht.

Diversität der Stimmen

Uraufführungsregisseurin Friederike Heller hat Handkes Text auf drei Schauspielerinnen und vier Schauspieler unterschiedlicher kultureller Herkunft und Generationen verteilt. So bildet sich das Multi-Perspektivische des Stücks in der Diversität des Ensembles ab. Konfliktpotential bekommt der zündstoffarme Text dadurch aber auch nicht.

Auf eine zündende szenische Idee wartet man ebenfalls vergebens. Vorlage wie Inszenierung fehlt ein überzeugender Spielanlass. Die Darstellerinnen und Darsteller bewegen sich hilflos durch eine Kulissenlandschaft aus Spalierbögen, wie man sie aus Parkanlagen oder Kurgärten kennt.

Uraufführung von Peter Handkes "Zdeněk Adamec" bei den Salzburger Festspielen 2020. (SF / Ruth Walz)"Meist spricht eine oder einer, während die übrigen zuhören." Und ab und an flüchtet sich ein Schauspieler ins Deklamieren. (SF / Ruth Walz)

Allerdings ranken sich keine Pflanzen das Gestänge hinauf. So wird die Bühne zum traurigen Sinnbild für die Aufführung. Statt üppigem szenischen Wildwuchs: trostlose Dürre. Meist spricht eine oder einer, während die übrigen zuhören. Viel mehr passiert nicht.

Und wenn doch, dann weil sich einzelne Spielerinnen oder Spieler zwischendurch ins Deklamieren flüchten. Immer wieder bricht sich ehrfürchtige Emphase in Friederike Hellers Inszenierung Bahn. Vermutlich soll damit die Bedeutungsschwere dieses blutarmen Textes behauptet werden. Tatsächlich aber produziert diese Uraufführung nur: gepflegte Langeweile.

"Zdeněk Adamec" von Peter Handke
Salzburger Landestheater
Regie: Friederike Heller
Weitere Termine bis 16. August 

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